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  • 06.09.2010 – LIEBHERR Europameisterschaften 2010

    Boll reist mit neuem Holz und Titelambitionen zur EM

    Boll reist mit neuem Holz und Titelambitionen zur EM Bereit für Ostrava: die DTTB-Herren (Foto: Butterfly)

    Rotenburg/Frankfurt. Die schlechte Nachricht gab es am letzten Tag des Vorbereitungslehrgangs von Deutschlands Herren in Rotenburg an der Fulda von Timo Boll eher beiläufig. Sein Schlägerholz ist gebrochen, bei den LIEBHERR Europameisterschaften in Ostrava (11. bis 19. September) wird der zweifache Titelverteidiger also kurzfristig mit neuem Arbeitsgerät antreten. Für den 29-jährigen Weltranglistenzweiten ist dies jedoch keine Katastrophe: „Eigentlich sagt man, man brauche etwa einen Monat Eingewöhnungszeit. Aber beim Lehrgang ist durch das Beinarbeitstraining viel Schweiß ins Holz gegangen. Dadurch geht es hoffentlich schneller“, scherzt Boll. „Ich hoffe, dass ich mit dem neuen gut zurechtkomme und das nicht den riesigen Ausschlag gibt.“ Drei Schläger hat der Wahl-Düsseldorfer immer parallel in Benutzung, zwischen denen er regelmäßig wechselt. „Wenn ein Holz kaputt geht, muss ich gleich drei neue finden, damit ich mit allen dreien das gleiche Gefühl habe. Hölzer verändern ihre Spieleigenschaften nach zweieinhalb Jahren schon sehr.“ So alt war sei ehemaliges Hölzer-Trio.

    An seinen Ambitionen für die kontinentalen Titelkämpfe hat das Malheur nichts geändert, vor allem nicht im Mannschaftswettbewerb: „Wir sind der absolute Favorit. Alles andere als der Titel wäre eine Enttäuschung, um es ganz klar zu sagen“, erklärt Boll. „Als Mannschaft sind wir gebündelt sehr stark. Es muss schon viel passieren, damit unser ganzes Team verliert. Der Team-Titel ist daher der, den wir am ehesten gewinnen sollten.“

    Roßkopf: „Viele Mannschaften jagen uns“

    Die „Chinesen Europas“, „die Schweden des neuen Jahrhunderts“, so schwierig es mit Vergleichen oft ist, diese sind treffend. Die Auswahl des Deutschen Tischtennis-Bundes mit dem neuen Bundestrainer Jörg Roßkopf geht mit den Nummern eins (Boll), vier (Dimitrij Ovtcharov, Orenburg), fünf (Christian Süß, Düsseldorf), elf (Bastian Steger, Saarbrücken) und 23 (Patrick Baum, Düsseldorf) Europas in Ostrava an den Start. So ausgeglichen auf hohem Niveau besetzt ist keine andere Nation. Bastian Steger erläutert einen weiteren Vorteil des Quintetts: „Weil wir viele Spiele fast auf Augenhöhe haben, ist unsere Variationsmöglichkeit größer und wir können leichter taktische Überraschungen in ein Spiel bringen. Das macht uns für unsere Gegner weniger leicht ausrechenbar.“

    Drei Titel in Folge hat das DTTB-Team bisher gewonnen, 2007 in Belgrad, 2008 in St. Petersburg und 2009 in Stuttgart. Es nimmt die Favoritenrolle an, ist aber frei von Arroganz. „Mit Griechenland, Polen und Gastgeber Tschechien haben wir eine schwere Gruppe erwischt“, kommentiert Dimitrij Ovtcharov. „Die Griechen mit Kreanga und Gionis sind für jede Mannschaft gefährlich. Auch die Polen haben eine ausgeglichene und starke Truppe. Wir müssen aufpassen.“ Coach Jörg Roßkopf sagt: „Viele Mannschaften jagen uns. Den Schweden ging es früher nicht anders. Ich hoffe, dass es bei uns mindestens genauso lange dauert, bis uns jemand einholt.“ 14 EM-Titel gewannen die Skandinavier, die vor allem in der 1980er- und 1990er-Jahren Europa dominierten. „Unsere Mannschaft ist jung und hungrig und steht zurecht dort, wo sie jetzt ist. Wenn wir mit der Mannschaft gut spielen, fällt es in den übrigen Wettbewerben im Anschluss leichter, weitere gute Ergebnisse zu erzielen“, so Roßkopf.

    EM-Bestenliste: Waldner führt mit elf Titeln, Boll hat zehn

    Die übrigen Wettbewerbe, das sind Doppel und Einzel. Vor heimischem Publikum gewann Boll im vergangenen Jahr im Doppel an der Seite von Christian Süß Gold. Im Einzel reichte es nicht ganz. „Im letzten Jahr war ich Dritter, daher bin ich jetzt in der Rolle des Jägers. In Stuttgart war ich nach längerer Verletzungspause zufrieden mit Platz drei. Dieses Jahr bin ich fit und will ganz nach oben. Es wird aber nicht einfach“, sagt Timo Boll. Denn neben dem Weltranglistensiebten aus Weißrussland, Vladimir Samsonov, komme die Konkurrenz aus dem eigenen Land. „Meine Teamkollegen gehören alle zu den Mitfavoriten“, zählt er auf. „Bei ihnen kann man nicht nur sagen, sie seien für eine Überraschung gut.“ Eine unbekannte Größe in diesem Jahr ist Titelverteidiger Michael Maze. Nach vielfältigen Verletzungen und Erkrankungen kann die Form des Dänen zurzeit kein Außenstehender genau einschätzen. Ob Maze überhaupt antreten wird, entscheidet er voraussichtlich am Mittwoch.

    Während Michael Maze bisher mit zwei EM-Titeln dekoriert ist, hat es der gleichaltrige Boll schon zu zehnmal Gold gebracht. Der Deutsche ist auf dem besten Weg, mit dem führenden der EM-Bestenliste, Schwedens Jan-Ove Waldner mit elf Titeln, gleichzuziehen oder ihn sogar zu überholen. Auf diese Aussicht verwendet Boll im Moment jedoch die wenigsten Gedanken: „Über die Bestenlisten erfahre ich immer erst von der Presse. Ich selbst gebe nicht viel darauf. Ich bin kein Rekordjäger. Man spielt für den Moment der Freude beim Turniersieg. Der ist es, für den es sich lohnt.“

    Doppel-Spitze: Boll/Süß und Baum/Steger

    Im Doppel wird nicht nur auf die Kombination Timo Boll/Christian Süß zu achten sein. Patrick Baum und Bastian Steger bilden ebenfalls ein starkes Duo als weitere Links-und-Rechtshänder-Kombination. Mitte August gewannen sie ihr erstes Pro-Tour-Turnier: „Der Sieg bei den Korea Open war kein Zufallstreffer“, sagt Steger. „Wir sind ein ganz ordentliches Doppel, das in Ostrava erst einmal jemand schlagen muss.“

    Deutschlands Team reist am Donnerstag über das polnische Kattowitz ins tschechische Ostrava. Am Samstag beginnt die 29. Auflage des Turniers mit den Mannschaftswettbewerben. Auftaktgegner von Boll und Co. ist Polen um 16 Uhr.

    Weitere Zitate

    Neues Holz, alte Stärke: Timo Boll (Foto: Butterfly)Timo Boll über das mögliche Triple (Gold mit dem Team, im Einzel und Doppel)
    „Auf die EM habe ich mich gut vorbereitet, habe hart trainiert. Jetzt muss ich meine Form aber auch auf den Tisch bringen. Das Triple ist möglich, wenn es optimal läuft. Unter anderem ist es eine Frage der Kondition mit drei Wettbewerben in neun Tagen. Das ist eine Menge Holz."

    Über den Stellenwert der EM im Hinblick auf seine bisher gewonnenen zehn Titel
    „Auch wenn die EM inzwischen jedes Jahr ausgetragen wird, bleibt der Titel dort ein großes Ziel. Egal ob Bundesliga, EM, WM oder Olympia. Am Ende will man immer gewinnen. Auch bei der EM bin ich noch nicht satt.“

    Über Jörg Roßkopf, Nachfolger von Richard Prause, als neuen Bundestrainer
    „Die Trainingsphilosophie von Richard und Jörg ist ähnlich. Beide waren ähnliche Spielertypen, sehr fleißig und sehr akribisch. Genauso sind sie auch als Trainer. Diese Eigenschaften verlangen sie auch von uns Spielern. Vielleicht machen wir jetzt noch einen Tick mehr Beinarbeits- und Fitnesstraining als vorher. Das Trainingspensum ist für uns alle ziemlich am Limit. Aber von nichts kommt nichts.“

    Dimitrij Ovtcharov über seine Erwartungen bei der EM und letzte Vorbereitungen
    „Ich bin fit und in einer guten Form. Ich fahre mit hohen Erwartungen in allen Wettbewerben zur EM. Da ich kein Doppel spiele, kann ich mich ganz auf Einzel und die Mannschaft konzentrieren. Mit Griechenland, Polen und Gastgeber Tschechien haben wir eine schwere Gruppe erwischt. Die Griechen mit Kreanga und Gionis sind für jede Mannschaft gefährlich. Auch die Polen haben eine ausgeglichene und starke Truppe. Wir müssen aufpassen. Nach dem Champions-League-Spiel in Berlin habe ich zu Hause mit meinem Vater noch zwei Tage trainiert. Bevor es am Donnerstag nach Ostrava geht, mache ich noch für die letzten Einheiten vor dem Abflug einen Zwischenstopp bei Timo.“

    Christian Süß über die deutschen Gegner in der Vorrunde
    „Wir müssen von Anfang an hellwach sein. Gegen Polen haben wir uns schon öfter schwer getan. Insgesamt sollten aber alle Gegner für uns machbar sein.“

    Über seine Ambitionen im Einzel
    „Im Einzel will ich versuchen, meine Setzung zu erfüllen. Wenn ich dann im Viertelfinale stehen sollte, geht vielleicht noch mehr. Eine Einzelmedaille habe ich noch nicht gewonnen. Deshalb werde ich versuchen, dieses Ziel zu erreichen. Alle sind sich einig, dass Timo und Vladi ganz oben sein werden. Dahinter kann viel passieren.“

    Bastian Steger über den Start der EM
    „Ich bin sehr heiß aufs Turnier. Lange Trainingsphasen mag eigentlich keiner, jeder brennt auf die Wettkämpfe."

    Über den schwersten Vorrundengegner
    „Gerade die Tschechen werden im eigenen Land sehr gefährlich sein. Aber wenn wir unsere eigene Leistung abrufen, können wir gegen jeden bestehen.“

    Über den Einzelwettbewerb
    „Ich freue mich sehr aufs Einzel. Bei einer Setzung unter den ersten Acht, hätte ich natürlich einen kleinen Vorteil, aber am Ende zählt sowieso nur die eigene Leistung.“

    Patrick Baum über seine Position im Team
    „Am Anfang werde ich mich auf den Mannschaftswettbewerb konzentrieren und das Team unterstützen. Bei so einer EM ist man vom ersten bis zum letzten Tag unter Adrenalin. So fällt es nicht schwer, auch kurzfristig umzuschalten und von der Bank in die Box zu gehen.“

    Über sein Ziel im Einzel
    „Im Einzelwettbewerb will ich das Bestmögliche herausholen. In Stuttgart war ich unter den letzten 32. Das will ich diesmal toppen.“

    Trainer der Gejagten: Jörg Roßkopf (Foto: Butterfly)

    Jörg Roßkopf über seine Position als Bundestrainer, die offiziell am 1. August begonnen hat
    „Die Aufgabe ist neu für mich und spannend. Vorher war ich mehr das Bindeglied zwischen Trainer und Team, habe schon vieles mitbekommen und meine Meinung gesagt. Aber jetzt habe ich die volle Verantwortung für die Mannschaft. Es wird aber nicht viel geben, das mich überraschen kann.“

    Über den Erfolgsdruck auf seinem Team
    „Viele Mannschaften jagen uns. Den Schweden ging es früher nicht anders. Ich hoffe, dass es bei uns mindestens genauso lange dauert, bis uns jemand einholt. Unsere Mannschaft ist jung und hungrig und steht zurecht dort, wo sie jetzt ist. Wenn wir mit der Mannschaft gut spielen, fällt es in den übrigen Wettbewerben im Anschluss leichter, weitere gute Ergebnisse zu erzielen.
    Besonders auf Timo lastet der Druck, die drei möglichen Titel auch zu gewinnen. Aber er kann mit diesem Druck gut umgehen.“

    SH

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