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  • 11.05.2011 – Rotterdam speciaal

    Balleimertraining mit dem Kopf

    Balleimertraining mit dem Kopf 'Tischtennisspieler sind sehr eigenverantwortlich', sagt Carsten Schiel (Foto: MS)

    Rotterdam. Sportpsychologie ist wie Balleimertraining mit dem Kopf. Beim Balleimertraining werden Bewegungsabläufe oft und intensiv wiederholt, damit sie in einer späteren Wettkampfsituation nahezu automatisiert ablaufen. Auch mentale Stärke lässt sich trainieren. „Nicht jedem ist bewusst, dass wir uns selbst programmieren und uns danach regelmäßig nach einem bestimmten Muster verhalten“, sagt Carsten Schiel. „Ein mental starker Spieler kann seinen Körper mit Hilfe positiver Gedanken in bestimmten Situationen zu seinem Vorteil beeinflussen.“ Der 39-jährige Sportpsychologe begleitet die DTTB-Auswahl seit dem Sommer vergangenen Jahres. Erwarten Sie aber nicht, im folgenden Interview auch nur einen Spielernamen zu lesen! Verschwiegenheit ist Teil von Schiels Jobs.

    Frage: Vor Ihnen hatte Dr. Thorsten Weidig die Spielerinnen und Spieler des Deutschen Tischtennis-Bundes drei Jahre lang als Sportpsychologe begleitet. Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, wenn man in diesem Bereich neu in bereits bestehende Strukturen hineinkommt?
    Carsten Schiel: Generell ist es ein Vorteil, wenn Sportler schon einmal mit einem Sportpsychologen zusammengearbeitet haben, und Thorsten hat gute Arbeit geleistet. Das Eis ist dann schon gebrochen und die Spieler wissen, worum es geht, wie sie von der Zusammenarbeit profitieren können. Auch wenn jeder natürlich seinen eigenen Stil und seine Methode hat.

    Gab es eine Art Übergabe zwischen Herrn Dr. Weidig und Ihnen?
    Schiel:
    Es begann so, dass Dirk Schimmelpfennig sich mit Thorsten und mir zusammengesetzt hat und wir gemeinsam meinen Einstieg in die sportpsychologische Arbeit innerhalb der Organisationsstrukturen beim Tischtennis besprochen haben. Es war wichtig, von Anfang an zu klären, was der Arbeitsauftrag ist. Mir ging es nicht um Informationen über einzelne Spieler. Das möchte ich nicht, damit die Arbeit zwischen den Sportlern und mir auf dem gleichen Niveau beginnt und wir uns gegenseitig kennenlernen.
    Wie beginnt die Arbeit eines Sportpsychologen? Mit Spielbeobachtungen?
    Schiel: Wichtig ist zu wissen, was die typischen Fragestellungen im Tischtennissport sind. Welches sind die besonderen mentalen Anforderungen dieser Sportart, welches sind die kritischen Situationen – solche Fragestellungen standen bei den Vorgesprächen im Mittelpunkt. Es braucht Zeit, in eine Sportart hineinzukommen. Und in dieser Zeit sollte man sich unter anderem viele Spiele ansehen.

    Die Aktiven haben unterschiedliche Einstellungen zur Sportpsychologie. Wie stellt man sich ihnen beim ersten Mal vor und vermeidet Ressentiments?
    Schiel:
    Beim Erstkontakt dränge ich mich schon ein bisschen auf und erzähle, was ich machen kann und will. Bei der Sportpsychologie reserviert gegenüber stehenden Athleten versuche ich, mit Vorurteilen aufzuräumen. Bei für die Sportpsychologie offenen Sportlern kommt man schnell zu den Themen selbst. Der Sportler muss erkennen, wo der Nutzen für ihn selbst liegt: Wenn ich mental stabil bin, wird meine Leistung besser sein. Fast jeder hätte ein Anliegen, dass er formulieren könnte. Für den Sportler ist es wichtig zu merken, dass er sich selbst steuern kann. Nicht jedem ist bewusst, dass wir uns selbst programmieren und uns danach regelmäßig nach einem bestimmten Muster verhalten. Es geht aber nicht darum, psychische Probleme zu bewältigen.
    Wichtig ist auch das Vertrauensverhältnis. Sie müssen sicher sein können, dass die Informationen, die sie mir geben, auch bei mir bleiben und nichts nach außen durchsickert. Auch nicht, wenn es sich um Dinge handelt, die man eigentlich locker offen aussprechen könnte.

    Gibt es einen sportpsychologischen Unterschied zwischen Tischtennis und anderen Sportarten?
    Schiel:
    Im Tischtennis gibt es viele spielstandabhängige Stresssituationen, weil die Sätze sehr kurz sind und alles sehr schnell geht. Es ist ein technisch anspruchsvoller Sport bei gleichzeitig hoher Geschwindigkeit. Man muss dabei wissen, wo der persönliche Optimalbereich der Anspannung ist, darf nicht zu verkrampft sein, aber auch nicht zu locker. Im Gegensatz zum Mannschaftssport steht man im Tischtennis als Einzelsportler meist alleine da, so dass die Verantwortung für Sieg und Niederlage nur beim Spieler liegt. Es gibt keine ständige Unterstützung vom Spielfeldrand aus, wie zum Beispiel beim Hockey oder Fußball, das Coaching vom Trainer ist reglementiert. Außerdem habe ich Tischtennisspieler als sehr stark eigenverantwortlich wahrgenommen. Auch was ihr Trainings- und Wettkampfverhalten betrifft, sind sie sehr autark.

    Welches sind die kritischen Tischtennis spezifischen Situationen?
    Schiel:
    Es geht bei der Leistungsoptimierung unter anderem um den motivationalen Bereich und den Umgang mit Stress in bestimmten Situationen. Wie gehe ich damit um, auf einen Gegner zu treffen, gegen den ich schon seit geraumer Zeit keine Mittel finde zu gewinnen? Jeder hat im Laufe der Zeit seine eigenen Strategien entwickelt. Die Frage ist nur, wie sinnvoll sie sind. Wie sinnvoll ist es, den Schläger gegen die Wand zu werfen, wenn man nach hoher Führung plötzlich in Rückstand gerät? Aber auch hier ist jeder anders. Es gibt Spieler, die aus einer gelben Karte tatsächlich positive Motivation schöpfen. Man muss individuell mit jedem Sportler an dem für ihn richtigen Konzept basteln.

    Wie gehen Sie dabei vor?
    Schiel:
    Die Beobachtung spielt eine wichtige Rolle. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass man hinterher zusammen mit dem Sportler auf eine bestimmte Situation eingeht, etwa wenn Regelmäßigkeiten im Verhalten festzustellen sind. Wie reagiert er bei einem bestimmten Spielstand, wie ist die Körperspannung? Im Anschluss an ein Spiel geht es ganz konkret darum, was der Sportler in diesen bestimmten Situationen denkt. Die weitere Arbeit ist ebenfalls sehr individuell. Einige Athleten sprechen leichter auf körperorientierte Techniken an, wie Entspannungs- und Atemtechniken. Andere steuern sich stärker mental und benötigen Hinweise, wie sie Drucksituationen gedanklich positiv beeinflussen können. Dabei spielt die Unterscheidung, wo der Druck ursächlich herkommt, eine große Rolle. Handelt es sich um Druck, der von außen kommt, weil zum Beispiel die Qualifikation für ein wichtiges Turnier von einem bestimmten Spielergebnis abhängt? Oder handelt es sich um einen inneren Perfektionismus und der vom Sportler sich selbst gesetzten Vorgabe: Ich darf einfach keinen Fehler machen?

    Ärzte und Physiotherapeuten geben Patienten einen Behandlungsplan mit auf den Weg. Gibt der Sportpsychologe ebenfalls Hausaufgaben auf?
    Schiel:
    Vielleicht sollte ich das mal ausdrücklich tun (Lacht.). Ja, wir entwickeln gemeinsam Strategien und Instrumente, die der Sportler einsetzen kann. Er baut diese dann sowohl in sein Training, als auch in seinen Wettkampf ein. Im Anschluss besprechen wir, was effektiv war und verbessert werden kann. Es ist ein ständiger Austausch. Es gibt aber auch Sportler, die in einer Krise waren und mit mir gearbeitet haben. Sobald es dann besser lief, haben sie aufgehört zu überprüfen, woran das lag. Oder sie kommen irgendwann wieder und sagen: „Diese Strategie habe ich gar nicht gebraucht, weil ich in einer solchen Situation lange nicht war.“ Taucht diese Situation dann aber später mal auf, ist die nützliche Strategie vergessen.

    Wer hat es sportpsychologisch gesehen leichter: der Außenseiter oder der hohe Favorit?
    Schiel:
    Ich habe dazu keine genauen Daten erhoben, aber im Allgemeinen ist es für die Leute leichter, Außenseiter zu sein. Der Außenseiter hat nichts zu verlieren. Er kann so viele Fehler machen, wie er will. Er muss dem Favoriten nur immer das Gefühl geben, ich bin da, ich kämpfe und gebe nicht auf bis zum Schluss. Der Favorit aber hat auch einen großen Vorteil. Er muss allerdings in der Lage sein zu erkennen, dass der Außenseiter gegen ihn nur wenige Chancen haben wird. Wenn der Außenseiter nicht jede noch so kleine Gelegenheit nutzt, die ihm sich bietet, wird er das Spiel verlieren. Im Grunde sollte die Favoritenrolle leichter sein, für die Spieler ist es aber meist die Rolle des Außenseiters.

    Was zeichnet einen Sportler aus, der mental stark ist?
    Schiel:
    Er hat die Fähigkeit zu erkennen, dass er seinen Körper mit seiner Hilfe in bestimmten Situationen zu seinem Vorteil beeinflussen kann. Er wählt bewusst realistische Ziele, die er erreichen will. Er ist gut organisiert und trainiert konsequent für seine Ziele. Er ist einfach in der Lage sich auf das zu konzentrieren, was in den wichtigen Momenten zählt: Tischtennis.

    Kurzporträt: Carsten Schiel

    Carsten Schiel, Jahrgang 1971, arbeitet seit 2001 als freiberuflicher Coach und Berater in den Bereichen Sozialwesen, Wirtschaft und Sport. Der gebürtige Münchener hält sportpsychologische Fortbildungen für Spieler, Trainer und Schiedsrichter unterschiedlichster Institutionen und Verbände, wie der Trainerakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes, dem Deutschen Bob- und Schlittenverband und den Beachvolleyballern des Deutschen Volleyballverbands. Seit 2007 betreut Schiel die U21- Juniorinnen des Deutschen Hockey-Bundes. Im Jahr 2008 begleitete er die deutsche Feldhockey-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Peking.

    Schiels Arbeit beim DTTB ist auf die saisonalen Wettkampfhöhepunkte (Welt- und Europameisterschaften, Olympische Spiele) ausgerichtet. Übergeordnetes Ziel ist neben der Optimierung der Leistungsvoraussetzungen von Spielerinnen und Spielern des A-Kaders, die Implementierung von sportpsychologischen Betreuungsangeboten im Nachwuchsbereich. Im Trainings- und Wettkampfprozess sind Einzelgespräche, Lehrgangsbeiträge und Wettkampfbetreuung fester Bestandteil seiner Tätigkeit. Gemeinsam mit Trainerteam, Spielerinnen und Spielern sollen Handlungsstrategien und Trainingsformen entwickelt werden, um die mentale Leistungskompetenz zu verbessern. Schiels erster Einsatz bei den deutschen Damen und Herren war bei den Europameisterschaften in Ostrava im vergangenen September. Er wohnt in Kasel in der Nähe von Trier und hat eine 19 Monate alte Tochter.

    SH

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