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  • 15.03.2012 – LIEBHERR Team-WM - Spezial

    Ma Lin: Volksheld und Teamplayer

    Ma Lin: Volksheld und Teamplayer Der Moment des größten Triumphs: Ma Lin in Peking 2008 (Foto: Kazuyuki Takahashi)

    Schwechat/Dortmund. China habe seinen Platz in den Finals der LIEBHERR Team-WM in Dortmund (25. März bis 1. April) schon gebucht, sagt Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf. Die Herren und Damen aus dem Reich der Mitte bieten die besten Einzelspieler auf, bilden die mit Abstand stärksten Teams. Die Tischtennisnation Nummer eins ist perfekt vorbereitet, überlässt nichts dem Zufall. Am Freitag wird eine 36-köpfige Gruppe zur WM-Vorbereitung und Akklimatisierung an der Werner Schlager Academy im österreichischen Schwechat erwartet, die Delegation wächst in Dortmund auf insgesamt 59 Leute, darunter sind allein neun Sparringspartner, angeführt vom Weltranglistenzwölften Chen Qi und der Nummer neun der Damen, Wu Yang. Für den harten Kern, das Herren-Quintett von Cheftrainer Liu Guoliang, geht es in den Westfalenhallen aber nicht nur um die erfolgreiche und erwartete Verteidigung des Titels. Jeder einzelne will sich für die Olympischen Spielen in London im Sommer empfehlen. Einer davon: Ma Lin, der zweifache Olympiasieger von Peking.

    In Europa gibt es mehr Mythen über Tischtennis in China als gesicherte Wahrheiten. Zu einer dieser vielen Geschichten zählt, dass es für Chinesen das Schlimmste sei, gegen Nicht-Chinesen zu verlieren. Ma Lin ist das Ende vergangenen Jahres passiert. Nicht nur einmal. Beim World-Tour-Heimturnier in Suzhou im August unterlag er in der 1. Hauptrunde dem Russen Alexey Liventsov, zu der Zeit die Nummer 120 der Welt. Zwei Monate später stoppte ihn bei den Swedish Open Frankreichs damals 18-jähriges Nachwuchstalent Quentin Robinot ebenfalls in der Runde der besten 64. Als er sich im November im Viertelfinale des LIEBHERR World Team Cup erst im Einzel von Russlands Kirill Skachkov besiegen ließ und im Anschluss auch das Doppel an der Seite von Wang Hao verlor, setzte ihn Cheftrainer Liu Guoliang bis zum Turnierende auf die Bank. Und ein Teil der Tischtenniswelt studierte schon mal den Abgesang ein auf den zweifachen Olympiasieger von Peking 2008.

    Geschlagen, aber nicht am Ende (Foto: MS)Das war verfrüht. Denn seinen Spitznamen „Pin Ming San Lang“, den der Weltverband ITTF mit „Eager beaver“ übersetzt, hat Ma Lin nicht zu Unrecht: Er steht für seinen Eifer und seinen unbändigen Willen. Sein Eifer und sein Wille sind es unter anderem, die ihn Ende der 1990er-Jahre an die Weltspitze brachten und ihn dort bis heute gehalten haben. Statt nach der Ausmusterung in Magdeburg paralysiert auf der Bank seine Zeit bis zum Rückflug nach China abzusitzen, feuerte er sein Team lautstark und gestenreich an, stand in den Satzpausen Coach Liu beratend zur Seite und erwies sich einmal mehr als echter Teamplayer. „Auch auf der Bank kann ich eine Menge lernen“, erklärte er am Ende des Turniers. „Du siehst, wie sich die Spieler in Drucksituationen verhalten, kannst von außen ihre Taktik analysieren. Das ist nicht uninteressant.“ Einen festen Platz dort wolle er aber nicht haben, stellte er klar: „Ich ziehe es natürlich vor, am Tisch zu stehen. Die Bank ist nur der richtige Ort für den Trainer, nicht für einen Spieler.“

    Boll: „Ma Lin ist der Boss“

    Sonst Gegner, hier Teamkollegen: Boll und Ma für Zheshang Bank (Foto: SH)Timo Boll und Ma Lin sind seit dem Beginn ihrer internationalen Karrieren Konkurrenten. Dauerrivalen, die sich sehr schätzen. „Ma Lin war für mich der Spieler mit dem größten Potenzial“, erzählt Boll in seinem biografischen Reisebericht „Mein China“. „Er konnte so viele Schläge aus so vielen Situationen spielen, dass es ihm selbst manchmal zu viel geworden ist. Er hat sich dann verheddert in seinen ganzen Möglichkeiten, ob er jetzt mit Überschnitt oder Seitenschnitt oder Unterschnitt oder einer Kombination daraus spielen soll und wohin eigentlich.“ Im vergangenen Sommer spielten sie in Hangzhou für Zheshang Bank in derselben Mannschaft in der Chinese Super League, lernten sich noch besser kennen. „Ma Lin ist hier der Boss“, sagte Boll anerkennend. Diese Rolle habe er auch ein bisschen im Herren-Nationalteam heißt es auch China intern – aber nur, wenn Liu Guoliang nicht da sei.

    Zwischen 2002 und 2007 war Ma Lin 17 Monate lang die Nummer eins der Weltrangliste. Er hat drei Goldmedaillen bei Olympischen Spielen gewonnen, 2008 im Einzel und mit der Mannschaft, 2004 im Doppel an der Seite von Chen Qi. Mit vier Titeln ist er Rekordhalter beim World Cup. Inklusive der Grand Finals hat er die riesige Menge von 66 Goldmedaillen auf der Pro Tour im Einzel und Doppel geholt, die er seit 1996 spielt. Bei Weltmeisterschaften hat er acht Titel gesammelt, allein der im Einzel fehlt ihm noch. Eine längst imponierende Karriere, die noch nicht beendet ist.

    Kein Schonprogramm im biblischen Alter von 32 Jahren

    Seit mehr als einem Vierteljahrhundert spielt er Tischtennis. Im Februar wurde Ma Lin 32 Jahre alt. Für einen chinesischen Athleten ist dies ein nahezu biblisches Alter. Darauf nimmt die Tischtennisnation Nummer eins aber keine Rücksicht. „In China wird niemand geschont, egal wie alt ein Spieler ist oder wie erfolgreich“, weiß Zhu Xiaoyong. Der gebürtige Schanghaier ist Bundesstützpunkttrainer in Düsseldorf und Assistenztrainer von Jörg Roßkopf, war als aktiver Spieler Mitglied im erweiterten Kreis der chinesischen Nationalmannschaft. Im Jahr 2007 wurde sein Klub-Team Ningbo Beilun Haitian mit ihm als Coach und Ma Lin als Spitzenspieler Meister in der chinesischen Superliga. „Ma Lins Spielweise macht es ihm in seinem Alter nicht leicht: Er muss viel laufen und sehr aggressiv spielen. Er trainiert wie ein junger Spieler. Das wird auch von ihm erwartet.“

    Bei der Leichtathletik für Tischtennis entdeckt

    Im Alter von sechs Jahren begann Ma Lin in seiner Heimatstadt Shenyang in der nordostchinesischen Provinz Liaoning mit dem Tischtennissport. Beim Leichtathletik-Tag seines Kindergartens war der Trainer einer Bezirkssportschule auf das Bewegungstalent aufmerksam geworden. In China ist dies nicht unüblich, auch Mas Nationalteamkollege, der dreifache Einzel-Weltmeister Wang Liqin, war auf diese Weise „blind“ rekrutiert worden. Aus anfänglich eher geringem Interesse am schnellsten Rückschlagspiel der Welt entwickelte sich bald großer Eifer bei Ma Lin. Seine Eltern unterstützten ihren einzigen Sohn. Obwohl sie eher schlecht verdienende Fabrikarbeiter waren, verpflichteten sie gegen Honorar höherklassige Sparringspartner für ihn. Zur Steigerung der Motivation wurde Ma Lin kulinarisch verwöhnt. Der Mann mit dem auch heute noch größten Appetit im Nationalteam liebte Brathähnchen chinesischer Art, zu dieser Zeit ein kleiner Luxus für die Familie. Jedes Mal, wenn sie sich diesen erlauben konnten, sagte Vater Ma Hui: „Wenn du später ein Star wirst, kannst du immer Brathähnchen essen.“ Diese Anekdote nahm das Fachmagazin „tischtennis“ zum Anlass, die Titelgeschichte in der April-Ausgabe von 2009, die ihm gewidmet war, mit „Ein ganzer Kerl dank Hähnchen“ zu überschreiben.

    Fast ein Jugendfoto: Ma Lin bei den German Open 2002 (Foto: Schiefer)„Jeder Schritt auf meinem Weg war schwer“, sagt Ma Lin. Das ist nicht übertrieben. Mit zehn Jahren wurde er in die Provinzsportschule aufgenommen. Als Penholderspieler ausgebildet galt dieser Spielertyp Anfang der 1990er-Jahre plötzlich in China als überholt. Der nächste Karriereschritt, der Eintritt in die Provinzmannschaft, wurde ihm deshalb verwehrt. So verließ Ma mit zwölf Jahren sein Elternhaus und schloss sich einem Privatteam ganz im Süden des Landes an. Sein Aufstieg ging voran. Bei den nationalen Jugendmeisterschaften holte er zwei Jahre danach den Einzeltitel, wurde in der Folge Mitglied der Nationalmannschaft.

    Das beste Ballgefühl Chinas

    Trotzdem dauerten die Diskussionen darüber an, ob sein Stil veraltet sei. Immer hatte Ma Lin die besseren Argumente. Er entwickelte sein Spiel weiter. Welche Fähigkeiten ihm dabei halfen: „Er spielt sehr intelligent, sehr variabel und hat ein unglaublich gutes Ballgefühl. Er ist der Spieler mit dem besten Ballgefühl, den die Chinesen in den vergangenen Jahren hatten“, lobt Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf. Dies mache es auch für Europäer so schwer gegen ihn zu spielen. „Er hat außerdem ein sehr gutes Aufschlag-Rückschlag-Spiel und kommt mit den Spinvariationen der Europäer, die seinen Teamkollegen oft Probleme bereiten, gut zurecht.“

    Auch eine Marotte, die vor allem nervöse Gegner gern als Psychotricks auslegen, macht einigen Kontrahenten zu schaffen: „Er macht viele Pausen, konzentriert sich sehr stark“, beschreibt Roßkopf. Fast immer ist es dieselbe Zeremonie in den Pausen zwischen den Ballwechseln. Auf seiner Rückhandseite kurz hinterm Netz trocknet Ma Lin die Hände am Tisch, geht in die Knie, fächelt sich mit seinem Schläger Luft zu, fixiert den Gegner. Bei youTube sind in fast allen Videos diese Sequenzen herausgeschnitten. Sein eigentliches Spiel ist es, das die Fans fasziniert.

    Lächeln, ins Publikum winken: Ma Lin und die Fans

    Ma Lin hat verstanden, wie wichtig seine Anhänger sind. Bei den Mannschafts-Weltmeisterschaften in Moskau 2010 war er der Spieler seines am Ende siegreichen Teams, der als erster zu den Fans kam und als letzter ging. Er stand für Autogramm- und Fotowünsche zur Verfügung und ließ dies nicht wie das lästige Pflichtprogramm eines Stars wirken. Lächeln, ins Publikum winken – es sind die kleinen Dinge, die beim Zuschauer neben Spielkunst und Emotionalität am Tisch über Sympathie und Antipathie entscheiden. Einige seiner jüngeren Teamkollegen stehen noch vor dieser Erkenntnis.
    „Er weiß natürlich, dass er ein Star ist“, erzählt Bundesstützpunkttrainer Zhu Xiaoyong. „Aber wer ihn kennt, weiß, dass er sehr freundlich ist. Außerdem ist er ein cleverer Mensch.“ Auch bei chinesischen Kartenspielen übrigens. Dort ist er sehr erfolgreich, auch gegen seine Nationalteamkollegen. „Wenn dir dein Geld lieb ist, solltest du nicht mit Ma Lin pokern“, raten Kenner. Außerdem ist Ma sehr gesellig und ein guter Unterhalter als Karaoke-Sänger, Geschichtenerzähler und Spaßvogel.

    Unwissentlich verheiratet

    Die privaten Schattenseiten liegen einige Jahre zurück. Zwei Themen schafften es sogar in die überregionalen deutschen Medien von FAZ bis Bild-Zeitung. Anfang 2004 ist Ma Lin wegen einer Liebelei mit Nationalspielerin Bai Yang von der chinesischen Mannschaftsführung scharf verwarnt worden. Bai Yang wurde suspendiert und in ein Provinzteam abkommandiert, Ma Lin entging dieser drastischen Strafe. Er war zu wichtig für das Team.

    Ende 2009 lautete die Schlagzeile „Olympiasieger Ma Lin unwissentlich verheiratet“. Als er sich nach fünf Jahren Beziehung von Fernsehschauspielerin Zhan Ningyi trennen wollte, fand er heraus, dass er mit ihr verheiratet war. Die beiden hatten sich für eine Hochzeit registrieren lassen, wussten dabei allerdings nicht, dass sie ab diesem Zeitpunkt rechtlich als Ehepaar geführt wurden. Die Affäre schlug im Reich der Mitte hohe Wellen. Selbst Cai Zhenhua schaltete sich ein, Ex-Weltmeister, Ex-Cheftrainer und inzwischen hochrangiger Sportpolitiker seines Landes. „Ma Lin hat das Problem nicht besonders gut gelöst“, hieß es in Diplomatensprache. „Dass er nicht gewusst habe, was eine Registrierung bedeute, ist eine sehr unweise Antwort.“ Ma regelte die Angelegenheit und blieb eine feste Größe im Team neben seinen jüngeren nationalen Konkurrenten Ma Long (23 Jahre), Zhang Jike (24), Xu Xin (22) und Wang Hao (28).

    Olympiasieg: „Alles wert, was wir haben durchmachen müssen“

    Bereit für den Olympia-Titel: Finale gegen Wang Hao (Foto: Takahashi)Auch öffentliche Tränen waren schon bei Ma Lin zu sehen. Das war am bisher wohl schönsten Sporttag seines Lebens. Am 23. August 2008 gewann er durch einen 4:1-Erfolg über Wang Hao das olympische Einzelfinale. Nach der bitteren Nichtnominierung für Sydney 2000, nach dem unerwarteten Aus in Athen 2004 als einer der Turnierfavoriten im Achtelfinale gegen Jan-Ove Waldner, nach drei Niederlagen in den WM-Endspielen 1999, 2005 und 2007, das letzte gegen Wang Liqin nach 3:1-Satzführung und 7:1 in Durchgang fünf. „Ich bin einfach überglücklich“, sagte Ma Lin damals strahlend vor Glück, nachdem die Freudentränen getrocknet waren.

    Schon vor dem Endspiel habe er gesagt, wenn er gewinne, werde er weinen. „In mir sind so viele Dinge vorgegangen. An erster Stelle Dankbarkeit. All die Jahre haben mir die Trainer so viel Unterstützung gegeben. Früher war ich mental schwächer. Meine Trainer haben mich wachsen lassen.“ Er sei stärker, fokussierter und habe mehr Spaß am Spielen selbst. „Zweimal Olympia-Gold im eigenen Land ist ein Jahrhunderterfolg. Es ist alles wert, was wir haben durchmachen müssen“, kommentierte Wu Jingping, Ma Lins langjähriger Trainer und väterlicher Freund. Ihm fiel Ma nach seinem Triumph in Peking als erstem in die Arme.

    Danach streben, ein ganz Großer zu sein

    Liu Guoliang war in Ma Lins Anfangsjahren noch sein Konkurrent und Teamkollege in der Nationalmannschaft, inzwischen ist er Cheftrainer der Herren. Er lobt Ma Lin. „Er spielt mit Köpfchen und kann seine Taktik bei Bedarf gut variieren. Eine frühere Schwäche von ihm war, dass er häufig zu konservativ gespielt hat. Dann war er nicht mehr kreativ. Das hat er längst abgelegt.“ Gleichzeitig erwartet er viel von ihm. „Das Schlimmste für einen Athleten ist, wenn er unbedingt gewinnen will, aber gleichzeitig Angst davor hat zu verlieren“, glaubt Liu. Sein Credo: „Auch wenn du zurückliegst, darfst du am Tisch niemals ängstlich oder nervös wirken. Das Beste ist, wenn du unbedingt gewinnen willst und gleichzeitig keine Angst spürst, verlieren zu können. Ein Spieler vom Kaliber eines Ma Lin muss extrem selbstsicher sein und seinen Gegner auch mental dominieren.“

    Ein Topspieler müsse gegen die stärksten Gegner antreten und immer glauben, dass er selbst der bessere Mann am Tisch sei. „Er soll keine Angst vor einzelnen Niederlagen haben, sondern danach streben, ein ganz Großer seines Sport zu sein“, schrieb Liu Guoliang in einer seiner Kolumnen in der chinesischen Zeitschrift „Table Tennis World“. Er selbst ist es schon, ist einer, den man in China einen „wahren Champion“ nennt. Er hat alle drei Topturniere im Einzel gewonnen, war Olympiasieger, Weltmeister und World-Cup-Sieger. Dieses Kunststück haben bisher nur drei Herren vollbracht: neben ihm Kong Linghui und Jan-Ove Waldner.

    Kein Einzel-Weltmeister, na und?

    Bemüht, aber nicht erfolgreich: In Rotterdam war im Viertelfinale Endstation (Foto: MS)Der fehlende WM-Titel im Einzel, er scheint für Ma Lin nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen. Als ihm im Viertelfinale der WM in Rotterdam im vergangenen Jahr Teamkollege Ma Long in fünf Sätzen eine Lehrstunde erteilte, waren es zumindest gegenüber den Journalisten weder der Untergang seiner persönlichen Sportwelt noch Rücktrittsgedanken, die in seinem Gesicht zu lesen sind. Dabei war Rotterdam wahrscheinlich seine letzte realistische Chance auf den Einzeltitel. Seit seinen Olympiasiegen 2008 habe er sich verändert, sagt sein Umfeld. Er ist zwar nicht weniger ehrgeizig, scheint aber gelassener geworden zu sein. Wer vermisst WM-Gold, wenn er bei den Olympischen Spielen im eigenen Land, wo Tischtennis Volkssport Nummer eins ist, in beiden Konkurrenzen triumphiert hat? Der gewinnt, wenn sich alle Nationen und Kontinente perfekt vorbereiten konnten? Der seine beste Leistung zeigt, wenn der Druck am größten ist? Olympia 2008 hat ihn endgültig zum Volkshelden in China gemacht. Und ein Volksheld bleibt eben ein Volksheld.

    Liu: „Ma Lin braucht den Druck, um besser zu spielen“

    „Er hat Vorteile gegen Europäer, verliert aber nicht selten gegen seine chinesischen Teamkollegen“, sagt Zhu Xiaoyong. So war es in diesem Jahr bei allen drei Turnieren in der World Tour in Ungarn (0:4 im Viertelfinale gegen Xu Xin), Slowenien (1:4 Halbfinale gegen Ma Long) und Katar (3:4 Halbfinale gegen Xu) sowie bei den Asien-Meisterschaften in Macao (3:4 im Viertelfinale gegen Wang Hao). Chinesische Duelle bei hochkarätigen Turnieren versucht Ma Lin nüchtern zu betrachten und zum Wohl seiner Nation auszulegen: „Tischtennis ist ein Individualsport. Wenn zwei Chinesen im Finale stehen, dann ist dein Teamkollege eben dein Gegner. Zuerst müssen wir aber alle ausländischen Spieler besiegen. Das ist der beste Weg für uns, unsere Position zu untermauern.“ Dass es nicht nur kollegiales Miteinander ist, wenn sich Chinesen duellieren, zeigt sich in seiner Äußerung beim World Team Cup.

    Der Beste hat es schwerer als der Zweitbeste: China gewinnt den World Team Cup 2011 (Foto: MS)Als Ma Lin am Turnierende in Magdeburg gefragt wird, wer es schwerer habe, die Deutschen, denen wegen der Terminflut nur wenig Vorbereitungszeit auf Großereignisse bleibt, oder die Chinesen, ist seine Antwort eindeutig. „Ich verstehe das Problem der Deutschen. Als chinesischer Spieler glaube ich allerdings, dass unser Problem das größere ist“, antwortete er. „Wir haben zwar zum Beispiel in unserer Liga weniger Spieler, aber wir spielen in der Super League im Sommer zweimal pro Woche.“ Dabei legen die Spieler große Distanzen zurück, fahren sehr lange oder fliegen, meist sogar eine Kombination aus beidem. Und weil es Usus ist, auch Heimspiele an anderen Orten auszutragen, um in allen Winkeln der 10-Millionen-Quadratkilometer großen Volksrepublik (zum Vergleich: Deutschlands umfasst eine Fläche knapp 360.000 Quadratkilometer) den Spitzensport Tischtennis zu bieten, kommt es auch bei Heimspielen zu teilweise weiten Auswärtsfahrten. Mit der Super League nicht genug. „Auch bei Turnieren, zum Beispiel auf der World Tour, kann ich mir keine Pause gönnen. Wenn ich nicht spiele, riskiere ich meine Position im Team“, fügte Ma an.

    Diesen Bedingungen ist er seit Jahren ständig ausgesetzt. “Liu Guoliang sagt, Ma Lin brauche Druck“, beschreibt Zhu Xiaoyong, „um besser zu spielen. Viele Spieler zerbrechen daran, für Ma Lin aber ist es gut“. Die Fähigkeit, diesem Druck standzuhalten, und sein unbändiger Wille könnten „Pin Ming San Lang“ doch noch zur Olympia-Teilnahme in London 2012 führen. In Dortmund könnte sich die Zukunft von Ma Lin entscheiden.

    SH

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