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  • 14.05.2013 – Bienvenue à Paris

    Der perfekte Assistent: Zhu Xiaoyong ist der Mann hinter Jörg Roßkopf

    Der perfekte Assistent: Zhu Xiaoyong ist der Mann hinter Jörg Roßkopf Genauer beobachtet keiner: Zhu Xiaoyong (Foto: ms)

    Paris. Wie viele Deutsche seinen Namen richtig aussprechen? „Beim ersten Mal kein einziger“, sagt Zhu Xiaoyong und lächelt. Der Assistent von Bundestrainer Jörg Roßkopf und Bundesstützpunkttrainer am DTTZ in Düsseldorf ist seit über 20 Jahren sprachlichen Kummer gewöhnt. Würde ein anderer Chinese hören, wie Europäer den Namen des gebürtigen Schanghaiers aussprechen, würden sie ihn gewiss nicht verstehen. Zhu aber schon, denn er kennt die Europäer und ihre Probleme – nicht nur bei Fremdsprachen, schließlich ist Tischtennistrainer sein Job, und dabei hatte und hat der Alte Kontinent eine Menge aufzuholen.

    Jörg Roßkopf hat ihn einmal liebevoll „unseren Doppelagenten“ genannt. Auch nach fast 20 Jahren in Deutschland hat Zhu sehr gute Verbindungen ins chinesische Asien, die bis in die Provinzmannschaften Chinas reichen und nach Hongkong. Er verfügt über intime Kenntnisse und einen großen Erfahrungsschatz der „Tischtennis-Kulturen“ in China und Deutschland. Im Reich der Mitte gehörte der heute 47-Jährige als Spieler zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. Ende der 1980er-Jahre war er schon seit einigen Jahren festes Kadermitglied, als er wegen einer Erkrankung für acht Wochen pausieren musste. Er stieg danach zwar wieder ins Training ein, war aber fürs Nationalteam kein Thema mehr, wurde stattdessen wenig später mit Verwaltungsaufgaben rund um die Mannschaft betraut. Er hat es hingenommen. „So war es eben“, sagt er auch heute noch.

    Wertvolle Impulse fürs Training nicht nur im Herren-Bereich / „Ein bisschen hektisch wie Dima“

    „Aufgrund seiner Erfahrung als langjähriges Mitglied der Nationalmannschaft der Chinesen und seiner menschlichen Qualitäten hat er immer noch viele Kontakte nach China, beobachtet die aktuellen Entwicklungen und gibt uns immer wieder wertvolle Impulse fürs Training nicht nur im Herren-Bereich“, sagt Dirk Schimmelpfennig. Er verfolge interessiert, was sich in anderen Trainingsgruppen tue - in China und in Deutschland, erklärt der DTTB-Sportdirektor, der in der Verbandshierarchie Zhus Vorgesetzter ist. Einen Besuch bei der Talentsichtung in Düsseldorf etwa lässt er sich nicht nehmen, beobachtet bei der Altersgruppe elf Jahre und jünger nicht nur Übungen und Turnierformen am Tisch, sondern zum Beispiel auch den Koordinationsteil und teilt dem übrigen Trainerteam seine Schlüsse und Anregungen mit. „Für uns ist es ein großer Vorteil, dass wir uns mit seinem Wissen optimal weiterentwickeln.“ Die Arbeit der Coaches im Individualsport Tischtennis ist Teamwork. Die DTTB-Bundestrainer im Nachwuchs- und Erwachsenenbereich arbeiten Hand in Hand, tauschen sich regelmäßig miteinander aus.

    Die deutschen Spieler haben großen Respekt vor Zhu Xiaoyong. „Man kann ihn immer anrufen, und er steht einem mit Rat und Tat zur Seite“, beschreibt Dimitrij Ovtcharov, der in Düsseldorf regelmäßig Einzeltrainings mit ihm absolviert. „Er ist eine wichtige Stütze für mich und den DTTB. Wir können froh sein, dass wir ihn haben.“ Patrick Baum sagt: „Balleimertraining mit ihm ist das Beste, was ich je irgendwo gemacht habe. Keiner kann besser einwerfen als er. Außerdem gibt er uns viele Hinweise, wie wir uns technisch verbessern können.“ Im Training sei er sehr ernst und konzentriere auf die Arbeit, erzählt Bastian Steger. „Außerhalb ist er total locker und ein lustiger Typ, der immer einen guten Spruch auf den Lippen hat.“ Manchmal sei er etwas hektisch. „Da ist er ein bisschen wie Dima“, sagt Baum und meint das völlig positiv. „Sie sind beide sehr aktiv und brauchen immer Action.“

    Zhu lebt und liebt den Tischtennissport

    Zhu Xiaoyong liebt und lebt seinen Sport zu 100 Prozent. „Tischtennis ist ein schneller Sport, nicht nur körperlich, sondern auch für den Kopf, ein intelligenter Sport. Es ist egal, was für ein Typ du bist, welche Statur du hast“, führt er aus. Ein sehr kleiner Basketballer ist beschränkt in dem, was er in seinem Sport maximal erreichen kann, ebenso ein Schwimmer, wenn er von Natur aus eher schmächtig ist. „In einer technischen Sportart wie Tischtennis kannst du durch das richtige Training viel erreichen.“ Er selbst hat für chinesische Verhältnisse spät begonnen, erst in der Grundschule im Alter von sieben oder acht Jahren. An seiner Schule konnten sich die Kinder zwischen Tischtennis- und Musikunterreicht entscheiden, beides wurde von einem Lehrer-Ehepaar angeboten. Sein älterer Bruder spielte schon Tischtennis. Der kleine Zhu eiferte ihm nach. „Heute ist die Gesellschaft in China ganz anders. Damals waren alle arm. Die Eltern konnten sich Sonderausbildungen für die Kinder nicht leisten.“ So nahm man dankbar an, was gratis geboten wurde. Auf breiter Front in Kindergärten gesichtet wurde zu dieser Zeit nicht.

    Kompromissloser Angreifer am Tisch, in der Halle ebenso zu Hause wie am Computer

    Penholderspieler Zhu ist am Tisch ein kompromissloser Angreifer. „Die beste Abwehr ist der Angriff“, ist sein Motto. „Mit jedem Ball kannst du im Tischtennis noch einen Punkt erzielen. Auch aus der Ballonabwehr heraus. Was zählt, ist immer die Qualität deines Schlages.“ Der perfekte Spieler war für ihn früher der Schwede Jan-Ove Waldner. Er habe bei wichtigen Punkten immer die richtige Entscheidung getroffen. Heute ist es Olympiasieger, Weltmeister und World-Cup-Sieger Zhang Jike. „Wer mit 25 Jahren schon alles in seinem Sport erreicht hat, kann nicht so viel falsch machen.“

    Zhu Xiaoyong arbeite gerne mit den Spielern in der Halle, helfe aber auch in allen anderen Bereichen, sagt Jörg Roßkopf. Auch Schreibkram liegt ihm, Zhu führt etwa die internen Ranglisten der DTTB-Herren. „Verwaltungsaufgaben gehören zum Job dazu. Sie fallen mir leicht, und am Computer lerne ich schnell“, so Zhu. Roßkopf sagt: „Er ist sich fürs nichts zu schade, stellt sich jeder Aufgabe. Für mich ist er eine große Hilfe. Wenn er da ist, kann ich sicher sein, dass das Training läuft.“ Zhu, der ehemalige Bundesligaspieler und Meister-Trainer in der Chinese Super League 2007 mit dem Team Ningbo Beilun Haitian, liebt es, an individuellen Programmen für Athleten zu basteln. Dabei berücksichtigt er nicht nur die Spielfähigkeit, sondern auch die mentalen Voraussetzungen seiner Schützlinge. „Wenn jemand ängstlich ist, bin ich ihm gegenüber sehr locker“, erklärt er. „Ist jemand zu locker, bin ich strenger.“

    Rückblick: Der Schritt nach Europa

    1988 verließ Zhu China, um für ein halbes Jahr in Italien in der dortigen Liga zu spielen; ab 1991 hatte er einen Zwei-Jahres-Vertrag in einem Klub in Sarajewo. Doch sein Engagement im ehemaligen Jugoslawien endete abrupt und ein paar Monate zu früh. Der Bürgerkrieg veränderte alles, auch für ausländische Sportprofis. Zhu ging zurück nach China. Im August 1992 kam er nach Deutschland. Grund war seine damalige Freundin und jetzige Ehefrau Ding Yaping.

    Ding gehörte ebenfalls zum chinesischen Nationalteam, gewann unter anderem bei den Weltmeisterschaften 1989 und 1991 die Bronzemedaille im Doppel. Als Ex-Weltmeisterin Tong Ling die TSG Dülmen verließ und sich der damalige Renommierklub der Bundesliga in China um eine adäquate Ersatzfrau bemühte, die ebenfalls eine Weltklasse-Abwehrspielerin sein sollte, fiel die Wahl auf Ding Yaping. Zhu folgte ihr einen Monat später nach Deutschland, im Jahr danach heirateten sie. „Einen Kulturschock hatte ich in Deutschland nicht“, erinnert sich Zhu Xiaoyong. „Ich hatte ja schon vorher in Europa gelebt und fühlte mich deshalb nicht ganz fremd. Natürlich ist die Kultur hier verglichen mit China eine ganz andere, aber menschlich passt es mir hier sehr gut.“

    Die gemeinsame Tochter Wenlin wird demnächst 15 Jahre alt. Das Talent für das schnellste Rückschlagspiel der Welt hat sie von ihren Eltern geerbt. „Sie hätte eine sehr gute Hand und auch koordinativ wäre sie ganz gut“, sagt der Vater, und der Konjunktiv ist bei dieser Aussage berechtigt, denn: „Sie hasst Tischtennis. Vielleicht weil sie durch uns, als sie klein war, ständig in irgendeiner Halle war. Außerdem waren und sind wir beide viel unterwegs.“

    2008 Internatstrainer am DTTZ in Düsseldorf

    Einer der besten Zuspieler der Welt: Zhu Xiaoyong mit Philipp Floritz (Foto, Archiv: SH)Zum DTTB kam der A-Lizenz-Trainer 2008 als Internatstrainer und Nachfolger der jetzigen Schülerinnen-Bundestrainerin Dana Weber. Seit seiner Zeit als Coach der Bundesliga-Mannschaft in Dülmen wurde man auf Bundesebene auf ihn aufmerksam. Er hat als Assistent des ehemaligen Damen-Bundestrainers Martin Adomeit gearbeitet, war seit 2005 für den Tischtennisverband Württemberg-Hohenzollern am Bundesstützpunkt in Wendlingen, betreute die Zwillinge Gaby und Meike Rohr als Privattrainer, die in ihrer Jugendzeit mehrfache Europameisterinnen wurden. Seine Familie hatte sich eigentlich schon in Betzingen niedergelassen, ein Haus gebaut. Doch die Aufgabe als Internatstrainer reizte ihn, es folgte der Umzug nach Düsseldorf.

    Wesentlicher Anteil an den Erfolgen 2012

    „Er hat einen guten Draht zu den Jungs. Er ist nicht nur wegen seiner Kompetenz, sondern auch wegen seines Charakters hoch angesehen“, lobt Dirk Schimmelpfennig. „Mit seiner Arbeit hatte er wesentlichen Anteil an unseren Erfolgen mit den Herren im Olympia-Jahr 2012.“

    In Deutschland ist Zhu unverzichtbar. Wenn er China besuchen möchte, muss er für jeden Besuch ein Visum beantragen, denn längst hat er einen deutschen Pass und musste seine chinesische Staatsbürgerschaft dafür aufgeben. „Am Anfang war das schon ein komisches Gefühl, als ich für eine Reise in meine Heimat ein Visum beantragen musste“, gibt er zu. „Aber es ist eben gesetzlich vorgeschrieben und ich habe mich längst damit abgefunden. Nicht mehr lange und ich lebe länger in Deutschland, als ich in China gelebt habe.“ Daran hat er sich ebenso schnell gewöhnt, wie an die oben erwähnte, für chinesische Ohren meist merkwürdige Aussprache seines Namens.

    Mit „Zu Chiaojung“ wäre man übrigens halbwegs nah dran an der korrekten Version, auch wenn die Betonung im Chinesischen anders ausfallen würde, als es Deutsche auf Anhieb hinbekommen. Zhu hat sich auf allen Ebenen perfekt ins deutsche System eingefügt, arbeitet Jörg Roßkopf sehr gerne zu, ist der „perfekte Assistent“, wie Roßkopf in bezeichnet. „Ein sehr loyaler Kollege“, fügt Dirk Schimmelpfennig hinzu. In der Öffentlichkeit steht Zhu nicht gerne. Er ist lieber der Mann hinter Roßkopf - und das voll und ganz.

    SH

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