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  • 16.11.2013 – Personalie

    Raue Schale, weicher Kern - die Frau mit dem Notizbuch: Bundestrainerin Eva Jeler

    Raue Schale, weicher Kern - die Frau mit dem Notizbuch: Bundestrainerin Eva Jeler Eine Frau, die viel zu sagen und deren Wort Gewicht hat: Eva Jeler (Foto: Steinbrenner)

    Berlin. Eva Jeler, eigentlich Schüler-Bundestrainerin und Cheftrainerin für den Nachwuchsbereich im Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB), ist in Berlin auch bei den Erwachsenen gefragt. Als Betreuerin der einen oder anderen Spielerin vor allem. „Als Feuerwehr eben“, sagt die ehemalige jugoslawische Spitzenspielerin, die 1977 als Landestrainerin nach Bayern gekommen ist. Und fügt hinzu: „Kein Problem für mich, ich kenne ja alle.“

    In der Tat hat die studierte Diplom-Biologin schon viele deutsche Tischtennis-Generationen kommen und gehen sehen, seit sie Anfang der 80er-Jahre erstmals das Amt der Bundestrainerin Schüler und Jugend übernommen hatte. 1983 war das, unmittelbar nach der aus deutscher Sicht völlig verkorksten WM in Tokio und im Zuge einer personellen Neuausrichtung mit dem damals ebenfalls neu verpflichteten Cheftrainer Charles Roesch. Jörg Roßkopf, heute Bundestrainer der Herren, stand damals am Anfang seiner Spielerkarriere, sechs Jahre später war er Weltmeister im Doppel. Weitere Titel folgten. Und der Anteil Jelers daran war so klein nicht. Jeler war später Nachfolgerin Roeschs und sieben Jahre Cheftrainerin des DTTB.

    „Der Weg zum Erfolg ist für mich wichtiger“

    Sie selbst freilich messe den Wert eines Erfolges nicht an der Bedeutung des Titels. „Der Weg zum Erfolg ist für mich wichtiger“, betont sie, „wenn ich sehe, dass sich ein Mensch positiv entwickelt, ist für mich eine Medaille bei kleinen Meisterschaften so wertvoll wie ein großer Erfolg“.
    Unstrittig für sie aber, dass ein Trainer auch Glück braucht. „Ich hatte großes, weil ich meistens Leute hatte, die hart arbeiten wollten.“ Ganz früher „Rossi“, später Ovtcharov, Süß und Baum in einer Generation zum Beispiel. Auch momentan fehle es nicht an Talenten, erklärt die Bundestrainerin, andererseits auch nicht an „Baustellen“. Vorrangig für sie: „Ich möchte gerne an der Basis alte neue Akzente setzen.“ Was nichts anderes heiße, als „den Jugendlichen wieder von Anfang an das zu vermitteln, was uns früher so stark gemacht hat, nämlich eine solide Technik als Grundlage für ihre Weiterentwicklung“.
    Dies sei in jüngster Vergangenheit etwas „vernachlässigt oder verwässert“ worden. Nicht unnormal, meint die Jugendchefin, wenn man mit mehreren Nachwuchsgenerationen so erfolgreich gewesen sei. „Natürlich kann man nicht Jahr für Jahr zwölf oder 13 Medaillen bei großen Meisterschaften erwarten, davon möglichst zehn goldene“, macht Eva Jeler deutlich. Schließlich wechselten im Jugendbereich die Akteure alle zwei bis drei Jahre. „Und zudem sind es Menschen, keine Maschinen.“

    Legendäres Notizbuch

    „Wir arbeiten nach wie vor gut“, ist die Trainerin überzeugt, „aber etwas machen wir nicht mehr gut genug“. Jedenfalls sei die Nachwuchsausbildung in verschiedenen anderen Ländern inzwischen besser, bei den Franzosen etwa oder in Tschechien. Wohl seien die Spielsysteme auch bei uns weiterentwickelt worden, ebenso die Grundlagenschulung bezogen auf Kraft, Kondition und Beweglichkeit. „Doch die Technik ist kein Selbstläufer“, mahnt Jeler, die sich dabei auf fundierte Erkenntnisse stützen kann.
    Seit Jahrzehnten hält sie Stärken, Schwächen und Entwicklungen der internationalen Konkurrenz penibel in ihren schon legendären Notizbüchern fest. Keine eigene Erfindung übrigens, wie sie einräumt: „Das habe ich bei meinen alten Trainern im ehemaligen Jugoslawien gesehen“, berichtet die mehrfache Meisterin ihres früheren Heimatlandes. Wichtige Erkenntnisse richtig zu dokumentieren habe sie freilich auch im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Ausbildung gelernt. Nicht überraschend, dass auf diesen wertvollen Fundus der Kollegenkreis ebenfalls gerne zurückgreift.
    Eine verbesserte Ausbildung am Tisch ist allerdings nicht das einzige Ziel, das Eva Jeler umtreibt. „Die Zukunft erfordert auch neue Strukturen“, so Jeler weiter. Sie seien zwar schon recht gut und bewegten sich in die richtige Richtung, unter anderem mit den drei Bundesstützpunkten Hannover, Bad Aibling/Kolbermoor und Karlsruhe sowie mehreren Teilzeit-Internaten im Lande. Aber die Lösung sei noch nicht perfekt, vor allem um auf die Schulreformen angemessen zu reagieren. „Damit ist die Arbeit für alle Sportarten schwieriger geworden und für die Kinder auch.“
    Nicht nur das. Nicht selten müssten Trainer in Verein oder Verband auch höchst unterschiedliche erzieherische Defizite ausbügeln, weiß die Trainerin. „Selbst Zehnjährige fühlen sich mitunter bereits als Stars, kommen mit einem völlig überzogenen Selbstbild.“ Dabei seien sie für ihr Alter wirklich gut, „aber das reicht nicht“. Gleichzeitig stünden sie schon unter unheimlichem Druck.

    "Wir müssen die gleiche Linie vertreten wie die Kollegen vor Ort"

    Viel zu tun also für die Trainerriege in Bund, Landesverband und Verein. Mit ihren Kollegen an der Basis zu reden, genießt für sie hohe Priorität. Ihr Credo: „Heimtraining und Lehrgänge bei uns müssen Hand in Hand gehen, wir müssen die gleiche Linie vertreten wie die Kollegen vor Ort.“ Schon deswegen sei Konkurrenzdenken völlig fehl am Platze. Die Arbeit bewege sich nur auf einem unterschiedlichen Niveau. Und einen Spieler nach oben abzugeben sei doch kein Verlust, verdeutlicht Jeler, „das muss für jeden Trainer eine Ehre sein“.
    Was sie von ihren Trainer-Partnern überdies erwartet, ist auch kein Geheimnis. „Alle wissen, dass ich mit Herz arbeite“, erklärt sie nachdrücklich, „aber sie wissen auch, dass ich das, was ich verlange, auch selbst vorlebe“. Sie bestreitet nicht, dass ihr ein gerütteltes Maß an Härte nachgesagt wird. Aber der Sport erfordere nun mal Selbstdisziplin „und man tut keinem Spieler einen Gefallen, wenn man ihn in Watte einpackt“. Klartext schließt insofern Sympathie nicht aus. Denn: „Irgendwie bin ich für meine Schützlinge vielleicht auch ein wenig Glucke.“
    Unabhängig davon: „Du musst deine Arbeit leben und lieben“, ist Eva Jeler überzeugt, „das kann man nicht als Job erledigen“. Was schon ein Blick in ihren Terminkalender bestätigt: Fahrten zu den Stützpunkten, Lehrgänge, 16 Tage China, sechs Tage ein Turnier in Bratislava – zwei Tage war sie im Oktober zuhause, räumt indes ein: „Das ist nicht immer so.“ Gleichwohl würde sie sich gelegentlich ein wenig mehr Respekt für ihre Branche wünschen, speziell im Tischtennis. „Das ist eine sehr komplizierte Sportart und verlangt viel Fachwissen“, so die Bundestrainerin, als Faktor noch wichtiger sei aber die Verantwortung der Trainer, ganz besonders im Nachwuchsbereich: „Schon ein kleiner Fehler bei der Ausbildung von Kindern kann deren Zukunft verbauen.

    Willi Baur

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