Suppliers' Pool:

Partner:

 
  • 30.01.2016 – Personalie

    Niemals geht man so ganz: Klaus Schmittinger und Torben Wosik in Berlin verabschiedet

    Niemals geht man so ganz: Klaus Schmittinger und Torben Wosik in Berlin verabschiedet DTTB-Vizepräsidentin Leistungssport Heike Ahlert und DTTB-Präsident Michael Geiger verabschiedeten Klaus Schmittinger (Foto: ms)

    Berlin. Seit Januar 1979 stand Klaus Schmittinger in Diensten des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB). Allein 13 Jahre lang, von 1983 bis 1996, war er in dieser Zeit für die Herren verantwortlich, zuvor drei Jahre für die Damen. Über viele Jahre hinweg arbeitete er darüber hinaus im Jugendbereich. Seit dem 1. Januar ist der frühere Nationalspieler als einer der dienstältesten Bundestrainer im deutschen Sport in Rente. Im August hatte Schmittinger, seit Ende 2012 zuständig für die Jungen-Auswahl, seinen 65. Geburtstag gefeiert.

    In Berlin ist er zusammen mit Torben Wosik, dem EM-Einzel-Finalisten von 2003 und ebenfalls einem der Schmittinger-Schützlinge, vor großem Publikum bei den German Open offiziell verabschiedet worden.

    36 Jahre Bundestrainer also: Stützpunkttraining, Lehrgänge, Meisterschaften, Reisen. Verbunden mit vielfältigen Begegnungen, unvergesslichen Erlebnissen, bemerkenswerten Erfolgen, aber auch Enttäuschungen. Erfahrungen mithin, die in ihrer Summe jeden Menschen prägen. Der aus dem Hunsrück-Flecken Kirchberg stammende Schmittinger macht da keine Ausnahme. Aber verbogen haben sie ihn nicht. Das gilt für die mehr als dreieinhalb Jahrzehnte im Beruf ebenso wie für die Zeit davor.

    "Nicht immer von maximaler Diplomatie geprägt"

    „Ich bin immer offen und ehrlich gewesen, auch wenn das manchem nicht so gepasst hat“, sieht er sich selbst. Was langjährige Weggefährten gerne und vorbehaltlos bestätigen. „Er hat nie herumgedruckst und ist nicht gekrochen“, formuliert es Eberhard Schöler, früher Sportwart und Vizepräsident im DTTB, dessen Wege sich schon als Aktiver mit jenen Klaus Schmittingers gekreuzt hatten. Und der ehemalige DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig, inzwischen beim Deutschen Olympischen Sportbund tätig, hat ihn als Menschen kennen gelernt, „der immer klar sagt, was er denkt, wenngleich nicht immer von maximaler Diplomatie geprägt“. So wisse man „bei ihm immer, wie man dran ist“, verknüpft er den ironischen Seitenhieb mit einem weiteren Kompliment.

    Allerdings: „Mit der Zeit bin ich schon diplomatischer geworden“, sagt Klaus Schmittinger, neben den Lebensjahren wohl auch den wechselnden Aufgaben geschuldet. Als Bundestrainer jedenfalls hat er fast das gesamte Spektrum der Möglichkeiten durchlaufen, die Betreuung der Damen inklusive. „Solche Wechsel sind bei einer langen Tätigkeit als Trainer normal“, weiß Dirk Schimmelpfennig. Ebenso, dass sie von außen gerne als Auf- oder Abstieg interpretiert werden. „Zu Unrecht“, meint er. Unbestritten sei vielmehr, „dass die Erfahrungen in unterschiedlichen Aufgabenbereichen die Kompetenzen enorm erweitern“.

    Coach in Badelatschen

    Heike Ahlert und Torben Wosik (Foto: ms)Er selbst habe bei seinem Einstieg als Damen-Bundestrainer 1991 von Schmittingers Erfahrung „sehr profitiert“. Für ihn sei er in dieser Phase „eine unglaubliche Hilfe“ gewesen, „ein sehr loyaler und humorvoller Kollege“ dazu, überdies „sehr engagiert, kompetent und von den Kollegen geschätzt“. Natürlich sei dessen „Eigenart, das Training mitunter in Badelatschen zu leiten“, auch mal kritisch bewertet worden. „Aber er hatte eben sein eigenes Profil und der Trainingsqualität tat das keinen Abbruch.“

    Diesem Urteil mag sich auch einer anschließen, der sich in der Ära Schmittinger vom Schützling zum Kollegen entwickelt hat: Jörg Roßkopf, sein hessischer Landsmann sozusagen, als Spieler unter anderem (mit Steffen Fetzner) Doppel-Weltmeister 1989 und Europameister 1992, mittlerweile bekanntlich zum Bundestrainer der Herren avanciert. „Klaus hatte zusammen mit dem Trainer-Team um Charles Roesch und Eva Jeler einen Riesenanteil an der Erweckung Deutschlands als schlafender Tischtennis-Riese. Sie haben uns sehr geholfen“, sagt „Rossi“, „es war immer eine gute Zeit mit ihm“. Alle seien unter seiner Führung „hoch motiviert und heiß“ gewesen. „Dass wir ab und zu auch mal ausgebüxt sind, hat er akzeptiert, wenn wir gut trainiert haben.“

    Schmittinger/Cordas, eine ideale Kombination

    „Schon die Vorbereitung auf die Olympiade 1988 in Seoul war enorm, auch schon im Hinblick auf die WM in Dortmund“, erinnert sich der Ex-Weltmeister, „Klaus als Trainer und Zlatko Cordas als Coach auf der Bank war für uns die ideale Kombination“. Schmittinger wiederum verbindet mit Südkorea ein Erlebnis der besonderen Art, wobei allerdings seine Erinnerungen zu denen der Spieler etwas differieren.

    Ein Wochenende im Trainingszentrum des dortigen Verbandes in einem Dorf fernab der Hauptstadt: „Außer uns nur einige Bauern und ein paar Hühner“, erinnert sich der Ex-Bundestrainer. Die koreanischen Spieler auf Heimaturlaub, die deutschen beim Laufen. Nur Klaus quasi allein zu Haus. In Shorts und den geliebten Badelatschen. Gegen Abend schwebt überraschend ein Helikopter ein, dem ein älterer Herr entsteigt. Der Präsident des südkoreanischen Verbandes, wie sich schnell herausstellt. Gleichzeitig fährt ein 600er Mercedes vor. Ziel des „Überfalls“: Eine Einladung der deutschen Gruppe zum Abendessen. Schnell geht es ab zum Sommerhaus des Gastgebers Gastgebers. Jörg Roßkopf, Steffen Fetzner und Torben Wosik werden mit der geräumigen Limousine unterwegs aufgenommen. Ein eigener Koch serviert Schmackhaftes. Der vielbeschäftigte Gastgeber, der zwischen den Gängen an der Stirnseite der eindrucksvollen Tafel ein Pfeifchen schmaucht, muss leider bald wieder weg. Bietet freilich an, sich im Hause weiter wohl zu fühlen, Nutzung des Schwimmbads zur Verdauung inklusive. Der Chauffeur werde das Quartett zur gewünschten Zeit zurückbringen. Eben mit dieser Heimfahrt verbinden sich seitens einiger Teilnehmer unterschiedliche Erinnerungen.

    Dreifacher WM-Teilnehmer, 40-facher Nationalspieler

    Wie auch immer. Nicht ganz so lustig erlebte Schmittinger einen weiteren „Überfall“ der besonderen Art, diesmal im nigerianischen Lagos. Mit dem heutigen DTTB-Sportdirektor Richard Prause, seinerzeit noch als Spieler bei den „Internationalen“, sowie einem chinesischen und einem nigerianischen Kollegen im Auto unterwegs zum Essen. Plötzlich Blaulichter, Sirenen, vermummte Gestalten rund um das Auto, Maschinenpistolen im Anschlag. Die Situation ist schnell geklärt. Es sei die „echte Polizei“ gewesen, „hat uns der der mit den Verhältnissen vertraute Kollege beruhigt“. Es gab wohl auch Alternativen. Wenn einer eine Reise tut,...

    Keineswegs selten unterwegs war der siebenfache Hessenmeister indes schon als Spieler. Drei WM-Teilnahmen stehen für Schmittinger zu Buche, München (1969), Nagoya (1991) und Sarajevo (1973), und 40 Länderspiele dazu. Unter anderem in den frühen 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts in China, als Mitglied einer der ersten DTTB-Delegationen im „Reich der Mitte“. Die „Kulturrevolution“ dort war gerade vorbei, Mao lebte noch. Mit ihm auf dieser Tour: Wilfried Lieck und Eberhard Schöler, ganz große Protagonisten jener mit heute kaum noch vergleichbaren Zeit.

    Sportlehrer und Halbprofi im Tischtennis

    Ein Trikot zum Abschied vom Jugend-Nationalteam: Klaus Schmittinger bei seiner letzten Jugend-WM (Foto: Dana Weber)„Auch ich war ja praktisch Halbprofi“, überlegt Klaus Schmittinger, der als Abiturient noch mit dem Bus zum Bundesliga-Training bei der Frankfurter Eintracht gefahren ist. Zumeist abends oder allenfalls am späten Nachmittag. „Vorher ging da nichts“ erinnert sich der ehemalige Lehramtsstudent und Sportlehrer an einem heimischen Gymnasium. „Nur mit einer halben Stelle“, versteht sich, was ihm noch Raum für andere sportliche Aktivitäten ließ. Training mit den Fußballern der Eintracht zum Beispiel, in deren ganz großen Zeit mit Ballkünstlern wie Bernd Hölzenbein oder Jürgen Grabowski und unter den Trainer-Legenden Erich Ribbeck oder Dietrich Weise. Dazu regelmäßiges Laufen mit einer namhaften Mittelstrecklerin dieser Zeit, Sylvia Schenk, Deutsche Meisterin 1972 über 800 Meter. Mit einem Trainingspensum, das ihrem damaligen Mitläufer noch heute die Puste nimmt. „Allein drei bis vier Kilometer nur Warmlaufen, dann zehn Mal im Sprint einen Berg hoch.“

    Oft habe ihm schon die Hälfte gereicht, räumt Schmittinger ein, „aber ich war fitter als viele Spieler heute“. Vielseitig begabt offenbar auch. Wie er bei drei TV-Auftritten bei Frank Elstners „Montagsmalern“ im Eintracht-Team unter anderem mit Sylvia Schenk bewiesen hat. Erfolgreich übrigens gegen den HSV und Borussia Mönchengladbach. „Nur gegen Kaiserslautern haben wir im Finale verloren.“

    Leidenschaftlicher Tänzer mit Frau Schmittinger

    Gewonnen hat der leidenschaftliche Tänzer dafür auf einem ganz anderen Parkett. „Ich erinnere mich noch gut daran, wie er seine spätere Frau kennen gelernt hat“, erzählt Eberhard Schöler. Beim Einladungsturnier einer Dortmunder Brauerei war das, respektive dem gemütlichen Teil danach. „Eberhard und ich haben gegen Wilfried Lieck und Wilfried Micke gespielt“, bestätigt Klaus Schmittinger, anschließend sei Essen, Trinken und Tanz angesagt gewesen. Vor allem mit Bärbel, seit langem Frau Schmittinger.

    Dieser Beitrag ist in leicht geänderter Fassung in der Dezember-Ausgabe des Fachmagazins "tischtennis" erschienen, Veröffentlichung auf tischtennis.de mit freundlicher Genehmigung des Philippka-Sportverlags.

    Willi Baur

    Bildergalerie

    Weitere Informationen: