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  • 22.03.2016 – National

    Interview mit Kristin Silbereisen: "Ich bin am Tisch ruhiger geworden"

    Interview mit Kristin Silbereisen: Siegerkuss nach dem Finale: Kristin Silbereisen und Jochen Lang (Fotos: Holger Straede)

    Neu-Isenburg. Am Wochenende wurde Kristin Silbereisen zum zweiten Mal nach 2010 Deutsche Einzelmeisterin. Im Interview mit tischtennis.de spricht die Nationalspielerin vom Bundesligisten Kolbermoor über ihre Entwicklung in den letzten Jahren, den Stellenwert des Titels, den Freund als Coach und über das Finale gegen eine gute Freundin.

    Kristin, noch mal herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Meistertitel. Wie hast du die Stunden und den Tag nach Bielefeld verbracht?
    Kristin Silbereisen: Die Dopingkontrolle hat bei mir relativ lange gedauert. Ich war erst fertig, als die Halle schon abgebaut war. Wir sind erst sehr spät in Düsseldorf gewesen und haben dann noch in einer Pizzeria etwas gegessen. Am Montag konnte ich nicht so lange schlafen, bin dann an die Arbeit gegangen (Praxis von Ole Nauert, dem Physiotherapeuten von Borussia Düsseldorf), wo ich mit einem großen Blumenstrauß überrascht wurde. Den hatte mir Jochen (Jochen Lang, ihr Freund, d.Red.) zugeschickt.

    Sabine und Du spielt im gleichen Verein, lange zusammen schon in der Nationalmannschaft, versteht euch außerhalb des Tisches sehr gut. Hast du sie etwas getröstet nach dem Finale oder ist das nicht nötig und man geht zur Tagesordnung über?
    Silbereisen: Vor dem Finale haben wir abgemacht, dass die Gewinnerin auf jeden Fall ein Abendessen bezahlt. So hat die Verliererin zumindest auch etwas davon, obwohl es natürlich kein Ersatz für ein verlorenes Finale ist. Gegen eine gute Freundin zu spielen, ist nicht einfach. Man will keine Streitigkeiten aufkommen lassen, die womöglich noch ins Private übergehen könnten.

    Warum spielst du so gut gegen Sabine?
    Silbereisen: Ehrlich gesagt habe ich vorher nicht damit gerechnet, dass das Finale so eindeutig, in Anführungsstrichen, ausgeht. Sabine hat sich verbessert, ich trainiere durch meine Ausbildung und Arbeit weniger als früher, wir kennen uns gut, spielen zusammen, die Aufschläge sind kein Vorteil mehr. Ich habe mich wirklich darauf eingestellt, dass ich das Finale auch verlieren kann. Gegen Sabine ist es keine spielerische, sondern vor allem eine taktische Frage. Ich muss mich zwingen, meine Taktik gegen sie konsequent durchzuspielen. Mein Vorteil gegen sie ist, dass ich schnell am Tisch spiele, es für sie dadurch schwerer ist, umzulaufen und mit der Vorhand durchzuziehen. Dann gibt es noch eine Geheimtaktik, die aber auch geheim bleibt.

    Umarmung nach dem Finale: Winter und SilbereisenPatrick Baum hat nach dem Finale gesagt, dass er sich noch mehr freuen würde, wenn auch die fehlenden Spieler mitgespielt hätten. Wie empfindest du das?
    Silbereisen: Klar war das Feld abgeschwächter. Aber das trübt nicht meine Freude. Man muss sehen, wer meine Gegnerinnen waren. In der zweiten Runde habe ich gegen eine Jessica Göbel gespielt. Danach gegen Chantal Mantz, auf die ich schon bei den letzten Meisterschafften getroffen bin und gegen die es kein Selbstläufer ist. Gegen Nadine Bollmeier habe ich in der Bundesliga und bei Deutschen Meisterschaften schon verloren. Ein gutes Gefühl gibt mir auch, dass ich in der Bundesliga neulich gegen Peti (Petrissa Solja) und Nana (Shan Xiaona) gewonnen habe. Das gleicht das etwas aus, und in fünf Jahren fragt sowieso niemand mehr danach. 2010, als ich zum ersten Mal Deutsche Meisterin geworden bin, haben übrigens die Besten alle mitgespielt.

    Wie sehr wurmt dich noch das Aus im Doppel?
    Silbereisen: Das ist einfach ärgerlich gewesen. Ich wusste, dass es nicht einfach wird, Einzelmeisterin zu werden. Doppel wollten wir aber unbedingt gewinnen. Sabine und ich verlieren in der Bundesliga nur ein Doppel, und ausgerechnet jetzt geht es schief. Nach einem 1:3-Rückstand wird es eben schwer. Der Entscheidungssatz bei 3:3 ist dann offen.

    Dein Freund Jochen Lang hat dich in Bielefeld teilweise gecoacht. Wie funktioniert das?
    Silbereisen: Das funktioniert super. Am Anfang hat er noch scherzhaft gesagt, dass ich keinen Satz gewinne, wenn er coacht. Ich bin eigentlich sehr pflegeleicht beim Betreuen. Wenn ich gut spiele, wie in Bielefeld, muss der Trainer gar nicht viel über Taktik sagen. Nur wenn ich schlecht spiele, brauche ich das. Mir ist eher wichtig, dass ich jemanden an der Bande habe, wo ich weiß, der feuert mich an, der unterstützt mich. Ich muss das Gefühl haben, auch als derselbe Mensch angenommen zu werden, wenn ich verliere.

    Wenn du die Kristin Silbereisen von 2016 mit der von 2010 vergleichst, was ist anders, am und neben dem Tisch?
    Silbereisen: Ich bin älter geworden (lacht). Ich finde, ich habe mich auch im letzten halben Jahr noch weiterentwickelt. Zu 2010, als ich Mitte 20 war, natürlich ein ganzes Stück. Damals habe ich anders gespielt und trainiert. Heute trainiere ich bewusster, überlege viel mehr, welche Dinge ich trainieren möchte. Deswegen hat die Doppelbelastung mit der Ausbildung auch so gut geklappt. Insgesamt bin ich am Tisch ruhiger geworden. Da kommen nach dem Punkt nicht immer die Faust und ein lauter Jubel. Dadurch dass ich ruhiger spiele und mich weniger aufrege, passieren mir weniger Fehler. Generell haben sich meine Prioritäten haben sich verschoben: Tischtennis spielt in meinem Leben sicher eine große Rolle, aber andere Dinge werden wichtiger. Früher war Tischtennis mit Abstand an erster Stelle. Mittlerweile ist mir das private Umfeld sehr wichtig. Die Arbeit tut mir auch gut. Wenn ich nicht Deutsche Meisterin geworden wäre und schlecht gespielt hätte, hätte ich am Montag durch die Arbeit eine super Ablenkung gehabt. Mittlerweile gibt es einfach viele andere Dinge neben Tischtennis, die mir sehr wichtig geworden sind.

    Ruhiger am Tisch, dadurch weniger Fehler: Kristin Silbereisen beim AufschlagGibst du als eine der erfahrensten Spielerin in der Nationalmannschaft jüngeren Spielerinnen wie Nina Mittelham in dieser Beziehung auch Tipps?
    Silbereisen: Mit Nina zum Beispiel war ich bei der WM in einem Zimmer. Wir sprechen schon viel. Ich versuche den jüngeren Spielerinnen klarzumachen, dass Schwankungen in jungen Jahren normal sind und dass man das akzeptieren sollte. Dass man z.B. eine schlechte DM spielt, kann passieren und wird auch wieder mal passieren. Ich versuche, auch in meiner Funktion als Aktivensprecherin die jungen Spielerinnen zu unterstützen, wenn es um die Fragen nach Ausbildung oder Fördermöglichkeiten geht, zum Beispiel durch die Sporthilfe. Meine Erfahrungen kann ich gut weitergeben. Mit Anfang 20 kann man das nicht alles wissen.

    Letzte Frage: Für die Olympia-Quali wurden die Spielerinnen nominiert, die mit Abstand die derzeitigen Top 3 in der Weltrangliste sind. Wie gehst du damit um?
    Silbereisen: Zu dem Zeitpunkt, als ich die Ausbildung zur Physiotherapeutin begonnen habe, wusste ich, dass es zu 90 Prozent mit Olympia nicht klappen wird. Das war mir bewusst, und auch die Entscheidung war bewusst. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich will nicht zu Olympia. Aber Ying, Nana und Peti sind schon ein ganzes Stück weit weg und dann kann ich auch keine großen Ansprüche stellen. Ich war 2012 in London dabei. Das war für mich ein super Erlebnis.

    Kristin, vielen Dank für das Gespräch!

    FL

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