So emotional wie hier bei Cornelia Neumann-Reckziegel ging es in Langstadt zur Sache (Foto: Verein).

Abstiegsfinale mit Herzschlag-Charakter: Langstadt und Saarbrücken gerettet

Dr. Stephan Roscher 21.04.2016

Wir hatten im Vorfeld über die Situation im Tabellenkeller berichtet und erläutert, dass der Rückzug des Traditionsklubs TTVg WRW Kleve, der kommende Saison in der Regionalliga aufschlägt, alles beeinflussen konnte. Würde Kleve auf Platz neun landen – dort stand man vor dem Wochenende –, würde keine Mannschaft aus der 2. Liga absteigen und die gefährdeten Klubs aus Saarbrücken und Langstadt zweitklassig bleiben und sich eine Elfer-Liga ergeben. Würde sich Kleve jedoch im Zielfinish auf Platz 7 oder 8 verbessern, träfe den Tabellenneunten das bittere Los des Abstiegs - in diesem Fall würde in der kommenden Saison mit zehn Klubs gespielt.

Langstadt wollte zu Hause eine tolle Rückrunde krönen

Nach einer verpatzten Vorrunde mit null Punkten und einer furiosen Rückserie mit 8:4 Zählern vor den letzten beiden Partien hofften die Damen aus dem südhessischen Langstadt, in den Heimspielen gegen Weil und den Rivalen Saarbrücken, der selbst noch nicht aus dem Schneider war, den Klassenerhalt perfekt machen zu können. Nach der tollen zweiten Saisonhälfte hatte das die zuletzt richtig in der Liga angekommene Truppe mit den HTTV-Talenten Janina Kämmerer und Anne Bundesmann sowie den Routiniers Sonja Busemann und Cornelia Neumann-Reckziegel eigentlich auch verdient.

Doch es klang einfacher als es dann tatsächlich der Fall war – die Nerven spielten eine bedeutende Rolle und die Gefahr für die Hessinnen, nun auf der Zielgeraden doch noch alles zu verlieren, was man sich in den Wochen zuvor aufgebaut hatte, schien manche Spielerin im Saisonfinale stark zu beeindrucken. Es lief nicht so rund in den beiden entscheidenden Heimspielen des TSV wie in den vorhergehenden Partien. Hinzu kam eine gehörige Portion Pech in den engen Matches, die reihenweise verloren gingen.

Langstadt erkämpft Remis gegen Weil

So quälte man sich am Samstag gegen den Tabellenvierten Weil, für den es um nichts mehr ging, zu einem mühevollen Remis nach zwischenzeitlichem 2:5-Rückstand, hatte zuvor aber vor immerhin 130 erwartungsvollen Zuschauern zahlreiche gute Chancen vergeben, das Match in eine günstigere Richtung zu lenken. Immerhin, was man zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte: dieser Zähler sollte in der Schlussabrechnung die Rettung der Langstädterinnen bedeuten. Für den Augenblick bedeutete er nur, dass der TSV vor dem abschließenden Sonntag um diesen einen Punkt vor Kleve blieb, das aber das um Längen bessere Spielverhältnis aufwies.

Langstadts Nummer zwei Anne Bundesmann beim Aufschlag (Foto: Verein).

Saarbrücken überrascht den Ligaprimus

Souveräner gingen die Saarbrückerinnen mit der Situation um. Sie knöpften vor heimischer Kulisse dem bis dahin mit ganzen zwei Unentschieden belasteten Ligaprimus Uentrop unerwartet das dritte Remis der Saison ab und verloren dabei noch drei der vier Fünfsatzspiele, zwei davon in der Verlängerung, besaßen also durchaus Siegchancen. Dieser Zähler bedeutete für den ATSV einen ganz wichtigen Schritt in Richtung Klassenerhalt, denn im Gegensatz zu Langstadt hatten die Saarländerinnen eine gute Spieldifferenz aufzuweisen und konnten von den zwei Punkte zurückliegenden Damen aus Kleve nur noch überholt werden, wenn diese tags darauf beim Tabellenzweiten Anröchte gewinnen und der ATSV in Langstadt deutlich den Kürzeren ziehen würde.

Aber Vorsicht: Kleve hatte mit Aya Umemura und Yuko Imamura, die vor dem letzten Saisonspiel 22:0 beziehungsweise 23:6 standen, das beste vordere Paarkreuz der Liga aufzubieten – und was würde sein, wenn neben diesen beiden auch ihre Mitspielerinnen plötzlich einmal einen richtig guten Tag erwischen würden? Die Spannung blieb also erhalten vor dem Saisonfinale am Sonntag.

Wahnsinns-Finale in Langstadt und Anröchte

Beim Duell um den Klassenerhalt in Langstadt freute sich zunächst der Kassierer. 190 Fans bedeuteten Saisonrekord für den TSV, eine Zahl, die etwa auf dem Niveau des Zuschauerkrösus Schwarzenbek lag. Und die Besucher bekamen drei Stunden und 43 Minuten Dramatisches zu sehen und zu hören – der bange Blick per Smartphone nach Anröchte, wo Kleve zeitgleich ein letztes Mal im Unterhaus aufschlug, gehörte zwingend zu dieser schicksalhaften Partie. Dieser wurde umso nötiger als die TSV-Damen sich abermals sehr schwer taten und nervös wirkten, während der Gast aus Saarbrücken freier aufspielte und mental unbeschwerter wirkte.

Hallenperspektive beim Spiel Langstadt vs. Saarbrücken (Foto: Verein).

Und als Janina Kämmerer (gegen Tessy Gonderinger und Manca Fajmut) und Cornelia Neumann-Reckziegel (gegen Theresa Adams) ihre umkämpften Fünfsatz-Matches verloren hatten – zuvor war auch bereits ein Doppel im Entscheidungssatz an Saarbrücken gegangen –, stand es auf einmal 5:2 für den Gast, der damit einen Punkt und den Klassenverbleib sicher hatte.

Der Liveticker lässt Langstadt erstarren

Die sich anbahnende Niederlage Langstadts wäre noch kein Beinbruch gewesen, wenn Kleve in Anröchte verlieren würde – wie man es eigentlich erwartet, wenn der Tabellenzweite das Schlusslicht empfängt. Doch der Liveticker hatte die Horrormeldung schlechthin für den einzigen hessischen Bundesligisten parat: Die Weiß-Rot-Weißen sprühten nämlich bei ihrer Abschiedsvorstellung vor Spielfreude und führten plötzlich mit 4:2 in Anröchte, das ohne Elena Timina spielte. Schließlich hatte man Aya Umemura und Yuko Imamura dabei, die ihre beide Einzel im oberen Paarkreuz und auch das gemeinsame Doppel gewonnen hatten. Da auch noch Judith Hanselka mit einem 3:1 über Rianne van Duin nachgelegt hatte, schien die Katastrophe für Langstadt unmittelbar bevorzustehen.

Denn nun waren wieder Umemura und Imemura an der Reihe – und gerade die routinierte Umemura würde, so dachte jeder, aus ihrer 23:0-Bilanz gegen die Polin Marta Golota ein 24:0 machen. Und das wäre gleichbedeutend mit dem Abstieg der Hessinnen gewesen, vorausgesetzt, diese würden gegen Saarbrücken tatsächlich den Kürzeren ziehen.

Golota und Henrich retten Langstadt

Man mochte gar nicht mehr hinschauen, was der Ticker mit unbestechlicher Präzision vermeldete. Golota, die mit einer 14:17-Bilanz negativ stand, spielte gut, sehr gut sogar. Sie verlor den ersten Satz knapp und gewann den zweiten Durchgang in der Verlängerung. In Satz drei dann ein klares 5:11. Nun würde Umemura den Sack zumachen, dachte man. Aber nein, Golota wehrte sich mit großer Willenskraft und egalisierte (12:10). Danach setzte sie mit ihrem 11:8-Sieg im Entscheidungsdurchgang ein fettes Ausrufezeichen – die erste und einzige Saisonniederlage der renommierten 39-jährigen Angriffsspielerin Aya Umemura und gänzlich unerwartet, ja sensationell.

Langstadt blieb also – vorerst – am Leben. Doch das Hoffnungsfünkchen war immer noch schwach, denn was Umemura aus Sicht Kleves verbockt hatte, würde Imamura nun vermutlich flugs ausbügeln und damit den Gästen schon einmal das für Langstadt verheerende Remis im Abschiedsspiel sichern. Gegen Yang Henrich, die knapp positiv stand, war die Nummer zwei Kleves klare Favoritin. Also nun die „Beerdigung“ Langstadts im zweiten Anlauf? Mitnichten! Henrich brachte die ersten beiden Sätze jeweils mit 11:9 nach Hause, verlor Durchgang drei, um dann wieder das Heft in die Hand zu nehmen und den überraschenden Sieg perfekt zu machen.

Das 6:4 für Anröchte versetzt Langstadt in Freudentaumel

Zwischenstand aus Anröchte 4:4 statt Endstand 2:6 – in Langstadt brannte die Luft, obwohl der TSV gar nichts dazu beigetragen hatte. Doch, ein klein wenig schon, denn zwischenzeitlich hatte man sich zurückgemeldet und war durch Erfolge der jungen Anne Bundesmann (gegen Tessy Gonderinger) und der erfahrenen Sonja Busemann (gegen Theresa Adams) auf 4:5 herangekommen. Es roch irgendwie nach einer Wiederholung der erfolgreichen Aufholjagd des Vortages gegen Weil. 

Und bald trudelte die Entwarnung aus Anröchte ein. Dort hatte nämlich Li Wen Wen Judith Hanselka geschlagen und Rianne van Duin gegen Ariane Liedmeier den Sack nach verlorenem erstem Satz zugemacht. 6:4 für Anröchte – 4:6 das Standardergebnis für Kleve, achtmal in dieser Saison auf dem Spielbericht zu finden. Also blieb irgendwie schließlich doch alles beim Alten, auch wenn Kleve eigentlich hätte punkten müssen, und in Langstadt holte man die Sektflaschen aus dem Eisschrank.

Nur noch eine kosmetische Angelegenheit war das Abschlussmatch zwischen Cornelia Neumann-Reckziegel und Ann-Kathrin Herges, das die Saarländerin zum 6:4-Sieg ihres Klubs gewann. Doch das war den Langstädterinnen in diesem Moment sowas von egal. Man hatte sich am Ende nicht selbst belohnen können, doch die Belohnung kam von außen durch die Schützenhilfe aus Anröchte, die um ein Haar allerdings gar nicht zustandegekommen wäre.

Pure Erleichterung

Manfred Kämmerer fiel nicht bloß ein Stein, sondern ein ganzes Gebirge vom Herzen. Der Sportliche Leiter des TSV Langstadt gab nach der Partie gegen Saarbrücken zu Protokoll: „Nervenaufreibend ist gar kein Ausdruck, was heute in unserer Halle los war, ist gar nicht zu beschreiben.“ Das Drumherum passte. „Wir hatten mit 190 Zuschauern eine Rekordkulisse. Von Anfang an war richtig Stimmung in der Halle. Da die Saarbrücker - zumindest theoretisch - auch noch einen Punkt gebraucht haben, waren sie auch voll motiviert und engagiert.“ Kämmerer fügte hinzu: „Das Spiel war trotz der Brisanz sehr fair. Die Saarbrücker zeigten sich von der Kulisse und der Stimmung ebenfalls begeistert und meinten, dass es super viel Spaß gemacht hat, heute in Langstadt zu spielen.“ Und dann der Schock am Ticker: „Natürlich waren wir auch immer mit einem Ohr in Anröchte. Kleve hatte zur Pause 3:1 geführt, wir lagen 1:3 zurück. Ganz ehrlich, zu dem Zeitpunkt hatte ich uns schon unten gesehen. Gerade als dann das 4:2 in Kleve fiel, war ich der Meinung, dass es das war, denn dass Umemura ausgerechnet ihr letztes Spiel in der Saison verliert, war nicht zu erwarten.“ Nachdem die Entscheidung gefallen war, war die Erleichterung riesengroß. „Nach der Vorrunde hätte uns niemand mehr den Klassenerhalt auf sportlichem Weg zugetraut“, so Manfred Kämmerer. „Wenn wir aber jetzt nach dieser tollen Serie vielleicht nur durch das schlechtere Satzverhältnis abgestiegen wären, wäre das letztlich doch eine Riesenenttäuschung gewesen.“

190 Fans gegen den ATSV: das kann sich sehen lassen (Foto: Verein),

Und auf der Facebookseite des TSV finden wir diesen Text aus Kämmerers Feder, der nochmal die ganze Dramatik und Emotionalität des Geschehens widerspiegelt: „Natürlich war man immer mit einem Ohr bzw. einem Smartphone im Liveticker bei der Begegnung Anröchte gegen Kleve. Hoffen und Bangen bis zum Schluss und als dann über den Liveticker das erlösende Ergebnis aus Anröchte kam, brandete frenetischer Jubel in der Halle auf ! … Nach dem Spiel wurde gemeinsam mit den Fans gefeiert und alle waren sich einig: Nach dieser Rückrunde hatten die Damen den Klassenerhalt verdient! Bundesliga 2 - JAAAA, wir sind dabei !!!!“

Dieses Saisonfinale war in Sachen Abstiegsentscheidung der helle Wahnsinn und von der Spannung nicht zu toppen. Langstadt brauchte am Ende Glück, mächtig Glück, um die Kurve noch zu kriegen, allerdings hatte sich der mutige Aufsteiger dieses Glück in der Rückrunde auch mit Topleistungen verdient, nachdem zuvor keiner mehr einen Pfifferling auf ihn gesetzt hätte. Die Elfer-Liga, die wir 2016/17 haben werden, ist sicher eine gute Lösung – und wer weiß, was sich dort wieder an dramatischen Storys, mit oder ohne Happyend, abspielen wird …

 

2. Bundesliga Damen, 15./16. Spieltag

TSV Langstadt – ESV Weil 5:5

DJK Offenburg – MTV Tostedt 1:6

ATSV Saarbrücken – TuS Uentrop 5:5

TuS Uentrop – DJK Offenburg 6:0

TSV Langstadt – ATSV Saarbrücken 4:6

ESV Weil – MTV Tostedt 4:6

TTK Anröchte – TTVg WRW Kleve 6:4

 

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