Anja Gersdorf: Der Traum vom Highlight Olympia und kreativen Ideen

MS 06.09.2015

Düsseldorf. Ausbildung und Ehrenamt liegen ihr am Herzen, der Tischtennissport und das Schiedsrichterwesen sowieso. Anja Gersdorf ist eine von insgesamt nur vier deutschen Blue-Badge-Trägerinnen, die diesen hohen Qualifikationsgrad des Weltverbands ITTF für Unparteiische erreichten, außerdem ist die Düsseldorferin seit 2010 Beauftragte für Aus- und Weiterbildung im Ressort Schiedsrichter des DTTB.

Internationale Einsätze, Ehrenamt, dazu Mutter dreier Adoptivkinder, aktive Mannschaftsspielerin - Langeweile kommt im Leben von Anja Gersdorf keine auf. Erleichtert wird der 43-Jährigen das notwendige Multitasking auf allen Ebenen durch ihren Ehemann Eike, der selbst Internationaler Schiedsrichter ist und ebenfalls aktiv zum Schläger greift. Anja Gersdorf: "Durch das gemeinsame Interesse hat er natürlich sehr viel Verständnis, auch wenn zeitlich mal eine Lösung gefunden werden muss."

Der Traum vom 'perfekten Spiel' und einem Einsatz bei Olympia 

Die Diplom-Übersetzerin, in ihrer Jugend auch aktive Schwimmerin, wurde im Alter von 15 Jahren durch ihren Vater Wolfgang in Bochum mit dem Tischtennisvirus infiziert. Eine Initialentzündung für ihre Schiedsrichterkarriere gab es allerdings nicht: "Mit 20 habe ich einfach aus reiner Neugierde zusammen mit Freunden einen Schiedsrichterlehrgang besucht", so Gersdorf. Der Rest war Konsequenz: Nach Erfahrungen auf Bezirks- und Verbandsebene absolvierte sie 2008 die Prüfung als Nationale Schiedsrichterin, 2010 wurde sie International Umpire, bevor sie 2014 nach Corinna Haugwitz, Claudia Möller und Heike Mucha die vierte weibliche und eine von bislang insgesamt 20 deutschen Blue-Badge-Holdern wurde.

Das Hobby ist im Laufe der Jahre längst zur Passion geworden, Einsätze  u.a. beim Para-Tischtennis und bei internationalen Einsätzen haben bleibende Eindrücke hinterlassen und sie geprägt. Anja Gersdorf: "Schiedsrichter zu sein, ist sozusagen ein Ehrenamt auf Lebenszeit, egal in welcher Stufe. Es ist faszinierend, so nah am Geschehen zu sein und die eigene Sportart mitzugestalten." Der sportliche Traum der Blue-Badge-Trägerin ähnelt übrigens erstaunlich dem eines Weltklasseathleten. "Weiter Erfahrungen sammeln, denn Kleinigkeiten gibt es immer zu verbessern. Das 'perfekte Spiel' gibt es eher selten“, so Gersdorf. „Und natürlich wäre eine Nominierung für die Olympischen Spiele das absolute Highlight.“

Vorbehalte sind die absolute Ausnahme

Anja Gersdorf im Einsatz (Foto: Claude Sibenaler)Die gebürtige Herdeckerin, die im Oktober beim World Cup der Herren in Halmstad (Schweden) ihren nächsten Einsatz haben wird, erinnert sich noch an ihre ersten Jahre als Schiedsrichterin zurück, in der ihr in Einzelfällen auch Vorbehalte von männlichen Kollegen und Spielern begegneten: "Aber das war eher selten und nur in der Anfangszeit. Es sind Erfahrungen, aus denen man lernt. Heute passiert das nicht mehr. Insbesondere bei Spielern ist das ohnehin sehr von der Persönlichkeit des Einzelnen abhängig und nicht geschlechterspezifisch."


In ihrer mehr als 20-jährigen Laufbahn und im sechsten Jahr als Beauftrage für Aus- und Weiterbildung im Ressort Schiedsrichter des DTTB hat Anja Gersdorf mit ihren Kollegen und Kolleginnen reichlich Erfahrung gesammelt. Ihre Beobachtungen über die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Schiedsrichtern fasst sie augenzwinkernd und humorvoll zusammen: "Männer fallen häufig dadurch auf, dass sie alles zu wissen glauben, während Frauen oft nicht zu glauben scheinen, was sie alles wissen ..."

Mitgliedermangel: Gemischte Teams verhindern Kreativitä und frische Ideen

Was den Tischtennissport und insbesondere das Thema Mädchen und Frauen anbelangt, hat Anja Gersdorf einen Vorschlag, der aus ihrer eigenen Erfahrung als aktive Spielerin resultiert. "Da sich meine Damenmannschaft mangels Spielerinnen aufgelöst hat, spiele ich derzeit in einem Herren-Team", berichtet Gersdorf. "Diese Lösung sehe ich aber eher kritisch." Ihre Begründung ist sehr plausibel: "Die Regelung vereinfacht das Zusammenstellen der Mannschaften, aber sie löst ja das Problem nicht. Im Gegenteil: Gemischte Teams sind für Vereine zwar bequem, allerdings werden so die Klubs aus der Verantwortung entlassen, dem Mitgliedermangel bei Mädchen und Frauen aktiv mit frischen Ideen entgegenzuwirken."

Serie zur Mädchen- und Frauenförderung

Immer weniger Mädchen und Frauen spielen Tischtennis. Nur 20 Prozent beträgt der weibliche Anteil im DTTB, auch wenn es in Vereinen und Verbänden durchaus viele Positiv-Beispiele gibt. Dennoch sind die Zahlen rückläufig. Wie kann die Tischtennis-Gemeinde gemeinsam den Trend umkehren? Was kann man von Clubs lernen, in denen es besser läuft und welche Faktoren begünstigen die Mädchen- und Frauenförderung? Solchen und ähnlichen Fragen sind wir nachgegangen, die Arbeitsgruppe „Mädchen und Frauen“ im DTTB hat Standards für Vereine und Verbände entwickelt, welche von Präsidium und Beirat beschlossen wurden. Über zwei Wochen lang präsentieren wir Ihnen täglich Hintergrundinfos, Geschichten und Interviews zu dem Thema.

Teil 1: Rückläufige Zahlen, aber leichte Hoffnungsschimmer

Teil 2: Interview: „Wenn die Atmosphäre nicht stimmt, kann man Mädchen nicht halten“

Teil 3: 40 Jahre Damen-Bundesliga - ein Rückblick in drei Akten (I)

Teil 4: Mein Tischtennis-Leben: Nina Spalckhaver (18) aus Lübeck trainiert Flüchtlingskinder

Teil 5: Fünf Fragen - fünf Antworten

Teil 6: 40 Jahre Damen-Bundesliga - ein Rückblick in drei Akten (II)

Teil 7: Mein Tischtennis-Leben: Nachwuchstrainerin Nathalie Schröter vom TSV Butzbach

Teil 8: Mädchen-Training: Anregungen und Tipps

Teil 9: 40 Jahre Damen-Bundesliga - ein Rückblick in drei Akten (II)

Teil 10: Bundesweites Damen-Turnier mit Kennenlernen und Kinderbetreuung: BW Datteln macht's vor

Teil 11: Spielerische Wettkampfformen für Mädchen

Teil 12: Anja Gersdorf: Der Traum vom Highlight Olympia und kreativen Ideen

Teil 13: Interview mit Dr. Petra Tzschoppe: Frauen als Schlüssel zur Problemlösung für Vereine

Teil 14: Interview Eva Jeler: Über Selbstbewusstsein, Souveränität und Investitionen

Teil 15: Wiebke Julius: Sportreferentin, Demokratietrainerin, Tischtennisspielerin

Teil 16: Der "Perfekte Mädchentrainer"

Teil 17: Ministerin Schwesig: "Vereine können es sich gar nicht leisten, auf Frauen und Mädchen zu verzichten"

Teil 18: Best Practice: Es geht auch anders!

Standards zur Mädchen- und Frauenförderung für Vereine und Verbände

Was können Vereine und Verbände tun, damit sich das ändert? Der Deutsche Tischtennis-Bund hat in seiner Arbeitsgruppe zur Mädchen- und Frauenförderung Standards für Verbände und Vereine entwickelt. Darin heißt es unter anderem, dass ein Verein „grundsätzlich geschlechtergerechte Zugangsvoraussetzungen schafft“, „die Möglichkeit des weiblichen Spielbetriebs forciert“ oder eine „Trainerin hat“.

In der Präambel der Standards für Verbände heißt es: "Ziel der Mädchen- und Frauenförderung des DTTB und seiner Landesverbände ist die gleichberechtigte und selbstverständliche Teilhabe von Mädchen und Frauen im Tischtennis..." Unter anderem soll bei der Planung von Maßnahmen, Lehrgängen und Veranstaltungen für beide Geschlechter darauf geachtet werden, dass der Anteil der weiblichen Teilnehmenden bei mindestens 30 Prozent liegt.

Standards zur Mädchen- und Frauenförderung im Tischtennis für Vereine und Verbände


Standards für die Mädchen- und Frauenförderung in Vereinen (pdf-Datei)


Standards für die Mädchen- und Frauenförderung in Verbänden (pdf-Datei)

 

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