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Bei jedem Turnier ein kleiner Wald

19.05.2006

Bremen. Beim jedem Turnier ist er Herr über einen kleinen Wald: Ottmar Liebicher, der Chef des Kopierdienstes. Rund 200.000 Blatt in A4-Größe und noch einmal etwa 40.000 Blatt in A3 waren bei der LIEBHERR Mannschafts-WM 2006 vor wenigen Tagen mit Auslosungen, Ergebnissen, Startlisten und weiteren Informationen gefüllt. Sie gingen an die Delegationen, den Weltverband ITTF, die Journalisten, die Zuschauer. Bei der Senioren-WM ist es deutlich weniger Kopierpapier, da reicht etwa eine mittlere Baumschule aus. 50.000 Mal A4, 20.000 Mal A3, schätzt Ottmar Liebicher. Und das obwohl allein die Tageszusammenfassung der Hauptrunde 40 Doppelseiten umfasst.

Bei Tischtennis-Großveranstaltungen in Deutschland ist er in dieser Funktion seit den Europameisterschaften 2000 in Bremen aktiv. Er war bei zahlreichen German Open und beiden WMs in diesem Jahr. In seinem zehn Quadratmeter kleinen Räumchen im Büro-Teil des AWD-Dome im Erdgeschoss schwitzt er pro Tag bis zu vier T-Shirts durch. 48 Grad Celsius waren einmal das erreichte Maximum, als alle Kopierer auf vollen Touren liefen. Eine Sauna, in der ein Aufguss streng verboten ist. Denn in dieser Sauna befinden sich 58 Ablagefächer, in die die Kopien nach zweimal acht Altersklassen, nach Einzel, Doppel, Vorrunde, Hauptrunde, Trostrunde und auch verschiedenen Verteilstationen sortiert sind, zum Beispiel für die Info-Theke und das Pressezentrum. Und für die Aushänge für Aktive und Zuschauer in Halle 4 ? 52 Meter lang ist die gigantische Ergebnis-Wand. Bei der Mannschafts-WM waren es noch einmal 30 Ablagefächer mehr. Sortiert ist alles nach einer intern schon ?Ottmar-System? genannten Ordnung. Der Chef weiß genau, an wen was in welcher Ausfertigung schon geliefert wurde und was warum noch aussteht.

20-Stunden-Schicht

Ottmar LiebicherOttmar Liebichers längste Schicht war gestern. Sie dauerte von 7 Uhr 15 bis 3 Uhr 15. Auch an seinem Geburtstag hat er für Tischtennis gearbeitet. Natürlich. Am vergangenen Sonntag ist er 51 Jahre alt geworden. Da hat er während der Eröffnungsfeier der Senioren sein anderes Hobby aufleben lassen und mit seiner Spiegelreflexkamera fotografiert.

Allein ist er nicht im Kopierservice. Bei der Senioren-WM hat er fünf Helfer. ?Acht hätten es eigentlich sein sollen, aber die fünf arbeiten für mindestens acht?, sagt er. Helge Kirsch hat sogar den halben rechten Arm in Gips. Auf die Team-WM musste er verzichten, weil der starre Verband zu der Zeit noch bis zur Schulter ging. Bei den Veteranen wollte er unbedingt dabei sein. Er und die anderen Helfer legen während der Turniertage Dutzende Kilometer in den fünf Veranstaltungshallen zurück, treppauf, treppab. ?Wir sind ein gutes Team?, bestätigt Ottmar Liebicher. ?Ohne das geht?s auch nicht.?

?Sollen lieber die Kollegen zugucken?

Von der Mannschafts-WM, bei der Deutschlands Herren Dritter wurden, hat er lediglich einen Teil des Halbfinals gegen China gesehen. Pflichtbewusst hatte er, bevor er die Tür zu seinem Arbeitsraum verschloss, eine Notiz hinterlassen: ?Bin in der Halle und komme bei Bedarf sofort zurück.? Der Bedarf war groß; nur etwa die Hälfte der spannenden Partie hat er sehen können. Es mache ihm nicht so viel aus, sagt er zumindest. ?Ich habe schon so viel gesehen und so viele Fotos gemacht bei verschiedenen Veranstaltungen. Ich möchte zwar schon gerne noch mehr sehen, aber wichtiger ist, dass die Arbeit hier gut über die Bühne geht. Sollen lieber die Kollegen zugucken gehen.?

Bei der Senioren-WM hätte er sogar selbst mitspielen können. Auch hier war das Pflichtbewusstsein größer. Im Training wäre er gewesen. Beim TSV Kronshagen spielt er nach einer Bandscheiben-Operation in der 8. Kreisklasse und ist auch im Betriebssport aktiv.

Zirkus-Fan will in den Raubtierkäfig

Im richtigen Leben ist gelernte Buchdrucker im Strafvollzug tätig und arbeitet, wo sonst, in der Justizdruckerei. ?So habe ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.? Sonderurlaub gibt es für seine Tischtennis-Ausflüge nicht. Die sind Teil von Liebichers Urlaub. Er habe genügend Überstunden durch Wochenenddienste, und irgendwie müsse man den regulären Urlaub ja wegbekommen, bevor er verfalle. Er fügt gleich hinzu: ?So was kannst du nur als Junggeselle machen.? 

Auch seine Liebe zu Varieté und Zirkus funktioniert wohl nur so. Einen kompletten Jahresurlaub lang ist er schon einmal mit einem Zirkus mitgereist, half beim Auf-, Um- und Abbau, schoss Fotos für die Bewerbung der Vorstellungen, stand den Messerwerfern gegenüber am Brett und war Teil einer Volunteers an der VerpflegungsstationClownnummer ? ?was sonst??, fragt der humorvolle Mann aus Kiel lachend. Seine nächste Herausforderung steht schon fest: einmal mit in den Raubtierkäfig. Tischtennis-Deutschland hofft auf satte Löwen und Tiger. Denn bei den LIEBHERR German Open in Bayreuth im November ist Ottmar Liebicher schon wieder fest als Chef eingeplant.

Die Volunteers sind überall im Einsatz - und ständig gut gelaunt

 

Simone Hinz
Fotos: Manfred Schillings
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