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Gegen den ein Jahr jüngeren Lebrun hat es diesmal noch nicht gereicht: Andre Bertelsmeier (Foto: MS)
In drei von fünf Sätzen zwingt Andre Bertelsmeier Turnierfavorit Felix Lebrun in die Verlängerung

Bertelsmeier begeistert: Ein Schlag hinter dem Rücken, ein EM-Achtelfinale fast auf Augenhöhe

SH 19.10.2024

Linz. Andre Bertelsmeier weiß eine Halle zu begeistern. Den parallelen Vorhand-Topspin Felix Lebruns in seine Rückhand hatte er nicht erwartet. In der Vorwärtsbewegung in Richtung seiner eigenen Vorhandseite schießt er kurzerhand den Ball des Franzosen mit einem Notschlag hinter dem Rücken so fest und präzise in Lebruns Rückhand zurück, dass der überraschte zweifache Olympia-Dritte von Paris den Ball ins Netz spielt. Es ist der Punkt zum 12:10 in Druchgang drei, Bertelsmeier verkürzt auf 1:2 in Sätzen in dieser Achtelfinalpartie der Europameisterschaften in Österreich. Der Rechtshänder reißt jubelnd den linken Arm in die Höhe und dreht sich in Richtung des ihn betreuenden Nachwuchs-Bundestrainers Dustin Gesinghaus. Das Publikum in der TipsArena Linz ist hörbar verzückt. Die ganze Halle applaudiert dem 19-jährigen Kölner Zweitligaspieler. Der lächelt fast entschuldigend Felix Lebrun an, als beide auf dem Weg zu den Handtüchern für die Satzpause aufeinander zu laufen. Bertelsmeier erklärt im Anschluss vor Journalisten gewohnt locker: „Beim Satzball musste ich etwas improvisieren. Ich glaube, den Ball treffe ich so schnell nicht wieder. Aber besser in der Situation treffen und dann ein Jahr im Training nicht mehr.“ Lebrun erträgt den Zauberschlag mit Fassung. Der 18-jährige Topgesetzte aus Montpellier wird die Partie am Ende trotzdem mit 4:1 gewinnen.

"Es war ein wunderschönes Erlebnis. Ich habe sehr gut gespielt und konnte ihn ein bisschen ärgern. Das war auch mein Ziel“, sagte Bertelsmeier, als alles vorbei ist. „Ich habe leider in den entscheidenden Momenten die eine oder andere Chance liegen lassen. Aber das macht ihn auch aus. Die hohe Qualität im Aufschlag, diese Rückhand, die ihm erst mal einer nachmachen muss: Er spielt sehr, sehr gutes Tischtennis.“

Kreativ, mit sehr guter Spielübersicht, furchtlos

In drei der fünf Sätze zwingt Andre Bertelsmeier den Turnierfavoriten in die Verlängerung. Der Deutsche ist beidseitig stark, ein kreativer Spieler mit sehr guter Spielübersicht, pfeilschnell in der Reaktion und mit Durchschlagshärte. Vor allem ist er furchtlos. Gebürtig aus dem westfälischen Hamm stammend beherzigt Bertelsmeier die ewige Trainer-Vorgabe, „Punkt für Punkt“ zu spielen, also nicht daran zu denken, was davor war oder im Anschluss kommen könnte. So hält er Felix Lebrun mit dessen eigenen mentalen Waffen in Schach, denn auch dieser geht immer aufs Ganze, ob es 0:0 steht oder 10:11 im Entscheidungssatz für den Gegner in einem großen Finale. Dass Andre Bertelsmeier am Ende verliert, ist nicht schlimm gegen Europas Superstar. Schließlich ist es die erste EM des jungen Deutschen bei den Erwachsenen. Den Startplatz dafür hatte er sich im Frühjahr durch den überraschenden Einzug ins Halbfinale bei der U21-EM erkämpft.

Schon vor dem Abitur, das er im Frühjahr erfolgreich am Lessing-Gymnasium und -Berufskolleg Düsseldorf als DTTB-Partnerschule absolviert hat, war er in die Herren-Trainingsgruppe am Deutschen Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf aufgerückt. Das dortige Bundestrainer-Team mit Herren-Chefcoach Jörg Roßkopf, Lars Hielscher als Cheftrainer Düsseldorf, Bundesstützpunktleiter Dirk Wagner und Dustin Gesinghaus als Bundestrainer 19/15 männlich, der seinen Schützling schon als Vereinstrainer in Hamm betreut hatte, ist sehr zufrieden mit seiner Entwicklung und seinem Trainingsfleiß, den er schon in ganz jungen Jahren an den Tag gelegt hatte. In Linz hat es die Nummer zwei des 1. FC Köln in allen drei Konkurrenzen aus der Qualifikation heraus ins Achtelfinale geschafft, neben dem Einzel war das im Mixed mit Mia Griesel und Doppel mit Fanbo Meng. In der zweiten Einzel-Hauptrunde besiegte Andre Bertelsmeier den 90 Plätze vor ihm in der Weltrangliste rangierenden Rumänen Ovidiu Ionescu, WM-Zweiter im Doppel von 2019 und EM-Zweiter im Einzel von 2018, mit 4:2. „Meine Bilanz des Turniers ist sehr gut: Ich bin in jeder Konkurrenz ins Hauptfeld gekommen, habe gegen die Nummer fünf der Welt mitgehalten. Ich bin sehr glücklich und hätte mir davor nicht erträumen können, dass ich soweit komme", sagt Bertelsmeier. Seine Leistung ist kein völlig unerwarteter Ausreißer nach oben. In diesem Jahr hat er bereits vier Turniere auf der WTT-Youth-Tour gewonnen. Vor zwei Wochen wurde er bei Europas großem Nachwuchsranglistenturnier, dem Europe Youth Top 10, hervorragender Zweiter. Schon 2023 hatte er auf sich aufmerksam gemacht, bei der Jugend-19-EM mit dem Team Bronze geholt und war am Jahresende zusammen mit Mixed-Partnerin Griesel bei der Jugend-WM ebenfalls ins Halbfinale gestürmt. Beim felix-Award, mit dem jedes Jahr die Sportler des Jahres in Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet werden, gehört er zu den fünf Nominierten in der Kategorie „Newcomer“.

Kind des Ruhrgebiet, im Tischtennis in Spätstarter

Er ist ein Kind des Ruhrgebiets. Erst mit neun Jahren hat er in seinem Heimatverein Westfalia Rhynern mit dem Tischtennis begonnen und spielte zunächst parallel noch Fußball. Als die Freude am Tischtennis wuchs, spielte er zwischenzeitlich viermal pro Woche Tischtennis und ging einmal zum Fußball. Irgendwann überlappten sich die Trainings- und Spielzeiten. „Mich zu entscheiden, war am Anfang nicht so leicht“, erinnert er sich. Doch mit dem Erfolg wird es einfacher.

Fünf Jahre nach seinen ersten Schritten im schnellsten Rückschlagspiel der Welt wechselt er zum TTC GW Bad Hamm, wo er mit 14 Jahren seine ersten Spiele in der 2. Bundesliga absolviert. 2020 dann der Schritt ins Rheinland. Er verließ sein Elternhaus, um am Deutschen Tischtennis-Internat in Düsseldorf Schule und Sport miteinander optimal verbinden zu können. Mit 14 Jahren war er dort zunächst der jüngste Bewohner. Als Hamm 2023 abstieg, wechselte der 1,82 Meter große Rotschopf zum 1. FC Köln.

Boll-Fan in seiner Kindheit gibt er in Linz selbst Autogramme

„Es war unglaublich, die ganze Halle stand“, erzählt Andre Bertelsmeier in Linz nach seinem Spiel gegen Felix Lebrun. „Ich glaube, das ist das erste Mal, dass so viele Leute für mich geklatscht haben. Bei Jugendturnieren sind ja immer weniger da. Es war echt was Besonderes hier. Ich durfte auch einige Autogramme geben. Das macht mich sehr stolz.“

Als junger Spieler war Timo Boll sein großes Vorbild und seine Ziele waren, ein festes Mitglied in der Herren-Nationalmannschaft zu werden sowie die Teilnahme an den Olympischen Spielen. „Andre steht am Anfang und sein Weg ist noch sehr weit. Seine Ergebnisse hier werden ihm aber einen weiteren Push geben“, ist Sportdirektor Richard Prause sicher.

Herren-Einzel, Achtelfinale (Auszug)
Andre Bertelsmeier - Felix Lebrun FRA 1:4 (-10,-3,10,-3,-12)
Patrick Franziska - Andrej Gacina CRO 4:1 (-8,8,6,6,5)
Benedikt Duda - Juan Perez ESP 4:0 (4,7,6,9)
Dimitrij Ovtcharov - Marcos Freitas POR 4:1 (-9,8,8,9,5)
Dang Qiu - Alvaro Robles ESP 4:0 (6,2,5,7)

Viertelfinale
Benedikt Duda - Felix Lebrun FRA, 19.40 Uhr
Anton Källberg SWE - Truls Möregardh SWE, 19.40 Uhr
Dang Qiu - Alexis Lebrun FRA, 20.30 Uhr
Patrick Franziska - Dimitrij Ovtcharov, 20.30 Uhr

Links
EM in Linz: Das Aufgebot des Deutschen Tischtennis-Bundes

Herren-Einzel
Hauptfeld: Dang Qiu (Borussia Düsseldorf, Weltranglistenplatz 13), Patrick Franziska (1. FC Saarbrücken TT, WR: 12), Dimitrij Ovtcharov (TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell, WR: 16), Benedikt Duda (TTC Schwalbe Bergneustadt, WR: 28)
Qualifikation: Andre Bertelsmeier (1. FC Köln, WR: 135), Fanbo Meng (TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell, WR: 151)

Damen-Einzel
Hauptfeld: Nina Mittelham (ttc berlin eastside, WR: 20), Sabine Winter (TSV Dachau, WR: 57), Annett Kaufmann (SV DJK Kolbermoor, WR: 103), Franziska Schreiner (TSV Langstadt, WR: 106), Yuan Wan (TTC Weinheim, WR: 108)
Qualifikation: Sophia Klee (TSV Langstadt, WR: 232), Mia Griesel (ttc berlin eastside, WR: 253), Elisa Nguyen (DJK Sportbund Stuttgart, WR: 501)

Damen-Doppel*
Hauptfeld: Annett Kaufmann/Nina Mittelham, Yuan Wan/Sabine Winter

Herren-Doppel*
Hauptfeld: Benedikt Duda/Dang Qiu
Qualifikation: Fanbo Meng/Andre Bertelsmeier

Gemischtes Doppel*
Qualifikation: Patrick Franziska/Annett Kaufmann, Andre/Bertelsmeier/Mia Griesel
*Pro Nation dürfen für die Doppel-Wettbewerbe maximal zwei Kombinationen gemeldet werden

Sportliche Leitung
Richard Prause (Sportdirektor)

Trainerteam Damen
Tamara Boros (Bundestrainerin Damen), Zoltan Batorfi (Assistenz-Bundestrainer Damen), Lara Broich (Bundestrainerin Nachwuchskader 1 weiblich / U19)

Trainerteam Herren
Jörg Roßkopf (Bundestrainer Herren), Lars Hielscher (DTTB-Cheftrainer Düsseldorf), Dustin Gesinghaus (Bundestrainer Nachwuchskader 1 männlich / U19)

Medizinische Abteilung
Dr. Thomas Garn (Teamarzt), Birgit Schmidt, Annette Zischka (Physiotherapeutinnen OSP Hessen)

Organisationsleiter
Kolja Rottmann (DTTB-Leistungssport)

Presse
Manfred Schillings

Schiedsrichter
Michaela Hübener (Stellv. Oberschiedsrichterin, Hürth), Nico Zorn (Bremen)

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