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Jubel und Erleichterung beim DTTB-Team (Foto: ITTF)

Bronze für die DTTB-Herren nach Thriller gegen Korea / Doppelte Tränen bei Boll

FL 17.08.2016

Rio de Janeiro. Nach Silber für die DTTB-Damen gab es in Rio am Mittwoch auch Edelmetall für die Herren. In einem packenden, und nervenaufreibenden Match um Bronze schlugen Dimitrij Ovtcharov, Timo Boll und Bastian Steger Südkorea mit 3:1. Ovtcharov, erstmals das Doppel Boll/Steger und Boll im Einzel markierten die Punkte. Drei Partien vor 3000 Zuschauern im Riocentro 3 wurden erst im fünften Satz entschieden. Wegen einer Nackenblockade musste Boll im Doppel behandelt werden, gewann dann das entscheidende Spiel. Für Deutschland ist es nach Silber 2008 in Peking und Bronze 2012 in London die dritte olympische Mannschafts-Medaille in Folge.


Timo Boll weinte während des Spiels und danach. Dimitrij Ovtcharov war nach dem Matchball plötzlich in den Katakomben verschwunden – und Bundestrainer Jörg Roßkopf fühlte sich an die Geburt seiner drei Kinder erinnert. Das Bronze-Match in Rio sorgte für eine Vielzahl an Emotionen: Vorher, weil die Anspannung im DTTB-Team nach der Halbfinal-Niederlage gegen Japan so groß war, wie lange nicht; währenddessen, weil drei der vier Spiele extrem spannend verliefen und sich deutsche Fans zwischenzeitlich um Timo Boll sorgten; und nachher, als sich pure Freude und Erleichterung breitmachten. Direkt nach dem verwandelten Matchball im vierten Einzel jubelten zunächst nur Boll, Steger und Roßkopf. Von Dimitrij Ovtcharov fehlte jede Spur. Der 27-Jährige lieferte hinterher die Erklärung, die zeigt, was diese Mannschaft neben der spielerischen Klasse auch ausmacht: Teamgeist. „Ich wollte unbedingt Patrick Franziska in den Innenraum holen. Er war dann aber schon die Tribüne runter geflitzt, während ich ihn gesucht habe. Wir haben uns leider verpasst. Es war schön, dass er hinterher mit auf dem Feld war. Er ist absolut Teil des Teams, hat hier einen großen Job geleistet und hat die Medaille genauso verdient wie wir“, sagte Ovtcharov über den Team-Ersatzmann und sogenannten „P-Akkreditierten“ Franziska, der das Team in diesen Tagen von Rio – genau wie Sabine Winter bei den Damen – stark unterstützt hatte.


„Die Mannschaft hat das sehr verdient“


Timo Boll nach dem Matchball (Foto: ITTF)Vom DTTB-Team fiel nach dem erwartet schweren Spiel gegen Korea eine riesen Last von den Schultern: „Wir waren alle schon sehr nervös. Es wird oft gesagt, dass ich relativ ruhig und entspannt auf der Bank sitze. Diesmal muss ich sagen, nach der Geburt von drei Kindern war das mit Sicherheit das Schwierigste und Anstrengendste, das ich je erlebt habe“, betonte Bundestrainer Jörg Roßkopf. „Heute haben wir eine perfekte Aufstellung getroffen, haben gut gespielt. Die Jungs haben viel Erfahrung, viel Power reingelegt. Man hat schon gestern gespürt, dass sie richtig heiß drauf sind. Die Medaille ist für diese Mannschaft, die ja schon länger zusammenspielt, ein toller Abschluss dieses Events hier. Wir sind aus dem Einzel-Wettbewerb mit einer Enttäuschung raus gegangen und haben jetzt eine Bronzemedaille. Das war unser großes Ziel gewesen. Das hat die Mannschaft sehr verdient“, sagte Roßkopf.


Steger wird zu Beginn nicht belohnt


Der erste Doppelsieg war auch der wichtigste: Boll/Steger (Foto: ITTF)Die erste Partie bestritt Bastian Steger, der gegen Koreas Nummer eins, den Weltranglisten-12. Jeoung Youngsik, ein klasse Spiel machte, am Ende aber nicht belohnt wurde, drei Matchbälle im fünften Satz ausließ und bei 10:9-Führung einen Kantenball kassierte. „Ich wusste, wenn ich gut spiele, geht was. Ich habe mich geärgert, weil es ein super Spiel von mir war und es das Break gewesen wäre“, sagte der Unterlegene. „Wir wussten, dass es schwer wird und dass wir im Spiel von Basti und im Doppel eher Außenseiter sind. Basti hat super gespielt, unglaublich unglücklich verloren, bei eigenem Matchball einen Kantenball gekriegt. Da habe ich gedacht: ‚Fängt ja gut an‘“, sagte Jörg Roßkopf.


Mit dem Druck des 0:1-Rückstands im Rücken ging Dimitrij Ovtcharov gegen den weltbesten Abwehrspieler Joo Saehyuk in die Box. Der 27-jährige Europameister dominierte die Partie, doch Joo wurde in der Defensive mehr und mehr sicher, gewann die Durchgänge drei und vier. Im fünften Satz bei 5:5 war die Partie auf Messers Schneide, nach einer eigenen Auszeit zog Ovtcharov in starker Manier davon. „Es war klar, das Dima das Spiel gewinnen muss. Das war dann schon ganz groß, wie er das nach 2:0 und 2:2 im fünften Satz gemacht hat. Wir wussten, dass das Doppel der entscheidende Punkt werden kann. Wir haben endlich mal im fünften Satz gewonnen. Das war auch unser bestes Doppel hier“, sagte Bastian Steger.


Im Schlüsselmatch des olympischen Spielsystems behielten Boll/Steger gegen Jeoung Youngsik/Lee Sangsu in fünf spannenden Sätzen die Oberhand zum wichtigen 2:1 für Deutschland. Das Bronze-Match hatte bis dato schon drei Stunden gedauert. Boll/Steger gewannen ihr erstes Doppel in Rio, genau zum richtigen Zeitpunkt. „Nachdem die Doppel vorher teilweise knapp weggingen, musste das Glück mal auf unsere Seite sein. Ich glaube, das Doppel war heute ausschlaggebend. Wenn das weggegangen wäre, hätten wir es vielleicht nicht geschafft. Ich bin ganz stolz, dass die Jungs das geschafft haben“, sagte Dimitrij Ovtcharov. Jörg Roßkopf meinte: „Wir wussten, dass wir zwei gute Spieler gegen Abwehr haben, von daher war das Doppel schon sehr wichtig. Die Koreaner sind etwas nervös geworden. Timo und Basti haben es verdient. Wir haben hartnäckig an dem Doppel festgehalten, das am Ende einen ganz wichtigen Punkt geholt hat.“


Boll dachte an Nowitzki


Alle Tischtennis-Fans in Deutschland und im Riocentro 3 fühlten zwischendurch mit Timo Boll, der im Verlauf des Spiels immer mal das Gesicht vor Schmerzen verzog. Ausgerechnet vor dem entscheidenden fünften Satz nahm Boll eine Verletzungs-Auszeit, ließ sich von Team-Arzt Dr. Antonius Kass behandeln. Im ersten Satz war dem Rekord-Europameister ein Wirbel im Nackenbereich rausgesprungen, ein Phänomen, das in den vergangenen Monaten schon häufiger bei ihm aufgetaucht war. „Es war so ein unverhoffter Ball, der so extrem schnell kam, mit dem ich auch nicht gerechnet hatte und wo ich dann mit dem Kopf nach unten bin. Dann war es passiert. Ich habe den Kopf nicht mehr bewegen und auch nicht mehr richtig schlagen können“, erklärte Boll. Der Wirbel springe zwar von selber wieder rein, allerdings verhärte sich die Muskulatur zu einer Art schmerzhafter Zerrung. Von Mannschaftsarzt Kass erhielt Boll Spritzen, eine Schmerztablette und Eisbehandlung.


„Mir sind schon in der Verletzungspause Tränen gelaufen, weil ich dachte, es ist vorbei. Und genauso sind mir nach dem Spiel vor Freude Tränen gelaufen“, sagt Boll später, der auf die Zähne biss. „Das ist eine Odenwälder und eine deutsche Qualität, wenn es mal nicht so läuft, auf die Zähne zu beißen. Wir sind bei Olympia, da versucht man natürlich alles. Ich habe mich an Dirk Nowitzki erinnert, als er damals in den Finals mit über 40 Fieber gespielt hat.“


„Das sah schon böse aus“


Hielt dem Druck stand: Dima Ovtcharov (Foto: ITTF)Dimitrij Ovtcharov erlebte die Verletzungsunterbrechung von Boll so: „Ich habe die Spritzen gesehen, das sah schon böse aus, wie er da hinter den Vorhängen behandelt wurde. Stark, wie er da auf die Zähne gebissen hat, vor allem mit dieser nervlichen Anspannung im Doppel. Das war noch viel wichtiger als das Einzel, dieses Doppel zu holen. Was er dann gegen Joo Saehyuk gezeigt hat, kann man gar nicht besser machen gegen Abwehr. Das war Perfektion. Timo ist jetzt auch schon ein paar Tage älter. Dass er immer noch so ein Niveau gegen Abwehr spielen kann, ist Wahnsinn. Hochachtung“, lobte die deutsche Nummer eins.


Im Einzel gegen Joo Saehyuk fand Boll immer besser rein, spielte geduldig und suchte sich die richtigen Bälle für den Endschlag aus. „Ich bin in die Box gegangen und habe gedacht, ich muss die Hand geben oder lasse mich halt abschießen. Die Spritzen haben dann aber angefangen zu wirken, es wurde besser und besser“, sagte der Linkshänder.


„Wir wollten dieses Spiel Boll gegen Joo treffen, Timo ist bei uns der Beste gegen Abwehr. Und man hat gesehen, dass er mit der weltbeste Spieler gegen Abwehr ist. Er hat sich durchgebissen, er hat richtig gut gespielt, durch Behandlung und Kampfeswille hat er das Spiel gewonnen. Das zeichnet einen Mannschaftsspieler aus, das zeichnet einen großen Sportler aus“, sagte Jörg Roßkopf. „Timo war angeschlagen, wir wussten nicht genau: Wie kriegt er es hin? Es war dann unglaublich, mit welcher Ruhe und Überlegtheit er die Bälle gespielt hat. Ganz großes Kompliment“, sagte Bastian Steger.


Ovtcharov: "Meine Frau ist im neunten Monat schwanger, hat mir die Daumen gedrückt von zuhause. Ohne sie hätte ich das sicherlich auch nicht geschafft.“


Jeoung Youngsik wehrte gegen Basti Steger drei Matchbälle ab (Foto: ITTF)Dimitrij Ovtcharov, der nach Silber in Peking 2008, Bronze in Einzel und Mannschaft 2012 in London nun seine vierte olympische Medaille gewonnen hat, resümierte: „Ich glaube, das heute war das Maximale, was wir aktuell leisten können. Jeder Spieler hat noch mal alles aus sich herausgeholt. Das Spiel war auf Messers Schneide, zum Glück hat es gereicht“, sagte der 27-jährige Weltranglistenfünfte.


„Es war mein großer Wunsch, zwei Medaillen mit nach Hause zu nehmen. Dann die große Enttäuschung im Einzel, dass ich mein ganzes Potenzial nicht abrufen konnte, etwas Pech hatte. Da kam vieles zusammen. Das war ein großer Schock. Aber das Team war für mich da, hat mich unterstützt. Ich bin froh, dass ich mich gefangen habe und im Team-Wettbewerb kein Spiel mehr verloren habe und meiner Mannschaft helfen konnte, die dritte Medaille in Folge für Deutschland zu gewinnen“, so Ovtcharov, der dem Team hinter dem Team dankte und seiner Ehefrau Jenny. „Sie ist im neunten Monat schwanger, hat mir die Daumen gedrückt von zuhause. Ohne sie hätte ich das sicherlich auch nicht geschafft.“


„Das fühlt sich wirklich gut an. Da fällt enorme Anspannung ab, die man seit Wochen und Monaten bei sich hat und die beim Turnier hier am größten ist. Jetzt fühlt man Freude, Erleichterung, dass man es geschafft hat, die Medaille zu holen“, betonte Bastian Steger, der eine kleine Vorahnung hatte. „Ich habe beim Aufstehen schon ein gutes Gefühl gehabt, dachte, das wird ein guter Tag.“ Es sollte so kommen.


Bronze-Match

Deutschland - Südkorea 3:1

Bastian Steger - Jeoung Youngsik 2:3 (-10,6,-6,6,-11)

Dimitrij Ovtcharov - Joo Saehyuk 3:2 (5,9,-8,-2,6)

Timo Boll/Bastian Steger - Lee Sangsu/Jeoung Youngsik 3:2 (-9,6,7,-9,9)

Boll - Joo 3:0 (8,9,6)

Videos

ARD-Zusammenfassung, Spiel um Bronze, 5:29 Minuten

ZDF-Zusammenfassung, Spiel um Bronze, 9:02 Minuten

ZDF-Kurzinterview mit Timo Boll, 1:59 Minuten

ZDF-Studiogäste bei Rudi Cerne: DTTB-Damen und -Herren, 9:17 Minuten

ZDF-Zusammenfassung, Spiel um Gold, 15:59 Minuten

 

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