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Deutschlands Damen jubeln über den Halbfinaleinzug (Foto: ITTF)
Shan: „Ich war vor dem Spiel so nervös, dass ich die Tränen einfach nicht zurückhalten konnte." Solja: "Das kannst du beim nächsten Mal wieder so machen."

Tränen vor dem Spiel, Freude danach: DTTB-Damen im Halbfinale

SH 03.08.2021

Tokio. Wer am frühen Dienstagmorgen in Deutschland aufgestanden war, um das deutsche Damen-Viertelfinale bei den Olympischen Spielen in Tokio gegen Südkorea zu verfolgen, wurde nicht enttäuscht. In einer mehr als dreistündigen Nervenschlacht auf hohem spielerischen Niveau rang das Team von Bundestrainerin Jie Schöpp den WM-Dritten von 2018 mit 3:2 nieder. Han Ying steuerte zwei Punkte zum Erfolg bei. Das Entscheidungsmatch gewann Shan Xiaona.

Für Deutschlands Damen-Trio, das in Tokio von Nina Mittelham ergänzt wird, ist es der zweite Einzug in ein olympisches Halbfinale. In Rio vor fünf Jahren hatten sie in der Vorschlussrunde sensationell Japan bezwungen und mussten sich im Endspiel den übermächtigen Chinesinnen beugen. „Ich kann gar nicht glauben, dass wir wieder im Halbfinale sind. Ich bin super glücklich und super stolz auf die beiden“, freute sich Deutschlands Nummer eins, Petrissa Solja. „Ich habe heute zwar keinen Punkt holen können, aber wir sind als Team so unglaublich stark. Die Südkoreanerinnen haben richtig, richtig gut gespielt. Diese knappe Spiel macht uns noch mal stärker.“

Im Halbfinale steht Deutschland nun in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch um 3 Uhr MESZ vor der schwerst möglichen Hürde China. Der Titelverteidiger und alleinige Goldfavorit China überließ der Auswahl Singapurs bei seinem 3:0-Erfolg nur einen einzigen Satzgewinn.

Überraschung bei der Doppel-Aufstellung Südkoreas

Die Südkoreanerinnen hatten mit ihrer Doppel-Aufstellung überrascht. Anders als im Achtelfinale gegen Polen schickte Damen-Nationaltrainer Choo Kyosung seine Einserin an der Seite von Youngster Shin Yubin ins Rennen, Jeon Jihee. Das Duo hatte sich bereits im März in Katar bewährt und den WTT Star Contender in Doha gewonnen. Nach ausgeglichenem Verlauf der ersten vier Sätze spielten sich die Koreanerinnen nach einem „Big Point“ zum Auftakt von Durchgang fünf in einen wahren Rausch gegen das Europameister-Duo Shan/Solja. Sie erkämpften sich trotz der für das deutsche Doppel eigentlich etwas besseren Position vor dem Wechsel eine 5:0-Führung, die sie bis zum ihrem ersten Matchball, den sie beim Stand von 10:3 verwandelten, nicht mehr hergaben. „Wir hätten den Vorteil nutzen und den zweiten Satz gewinnen müssen“, erklärte Jie Schöpp. „Je länger das Spiel dauerte, desto besser waren sie auf uns eingestellt.“

Trotz der 0:1-Bürde spielte Han Ying gegen Choi Hyojoo nahezu fehlerlos. Die 23-jährige Linkshänderin mit kurzen Noppen auf der Rückhand fand kein Mittel gegen das Abwehr-Bollwerk Han, der European-Games-Finalistin von 2019.

Petrissa Solja versuchte im Anschluss alles gegen die Weltranlisten-14., Jeon Jihee, der sie zuvor in vier Vergleichen dreimal unterlegen war. Die zweifache Europameisterin von Warschau spielte gut, musste sich aber im Linkshänder-Duell in vier Sätzen einer Gegnerin beugen, die variabel aufschlug, Soljas Aufschläge gut las und mit ihrem mächtigen Vorhand-Topspin ein ums andere Mal punktete. „Jeon Jihee spielt schon seit Monaten in einer unglaublichen Form, war es auch hier im Einzel. Wir wussten, dass wir die Punkte wahrscheinlich irgendwo anders machen müssten“, verriet Jie Schöpp nach dem Gesamterfolg ihrer Damen.

Schöpp: „Kompliment an die Mannschaft“

Han Ying hielt die mit 17 Jahren jüngste koreanische Tischtennisspielerin, die jemals bei Olympia war, in vier Sätzen in Schach. Die Wahl-Düsseldorferin variierte ständig ihre Rotation und griff zudem sicher an. Trotzdem war es ein 45-minütiger Marathon mit Ballwechseln, die schon im Durchschnitt zwölf Ballkontakte hatten. „Ich wusste, dass es gegen sie schwierig für mich sein würde, auch wenn wir kein Spiel von ihr gegen Abwehr für die Videoanalyse gefunden haben“, sagte Matchwinnerin Han. „Ich wusste: Wenn ich diesen zweiten Punkt hole, haben wir alle Chancen, dieses Spiel zu gewinnen.“

Shan Xiaona war dann diejenige, die den Mannschaftserfolg gegen Choo klarmachte. Nach glatt gewonnen Sätzen eins und zwei holte sie im dritten Durchgang einen 1:6-Rückstand auf und verwandelte nach 7:9 ihren ersten Matchball zum 11:9. „Auch wenn 'Nana' sehr, sehr nervös war, hat sie taktisch sehr clever gespielt“, so die Bundestrainerin und 117-fache Nationalspielerin, Schöpp. „Alle haben zu jeder Zeit daran geglaubt, das Spiel gewinnen zu können. Kompliment an die ganze Mannschaft!“

Erstmals Tränen bei Shan unmittelbar vor dem Einzel

An ihre sehenswerten Ballwechsel kann sich Shan, die zweifache Deutsche Einzel-Meisterin, im Nachhinein nicht erinnern. „Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt gut gespielt habe. Ich habe mich vor allem über meine einfachen Fehler geärgert.“ Etwas für sie völlig Neues habe ihr überraschend den Druck genommen: „Es war das erste Mal. Das passiert mir sonst nicht: Vor dem Einzel habe ich auf der Toilette ein bisschen geweint. Ich war so nervös, dass ich die Tränen einfach nicht zurückhalten konnte“, bekannte Shan in der Mixed-Zone, wo die Sportlerinnen nach dem Wettkampf auf die Journalisten treffen. „Das kannst du beim nächsten Mal wieder so machen“, flachste „Peti“ Solja. „Oder einfach richtig laut schreien“, schlug Han Ying vor.

Nicht zuletzt dank dieses Teamgeists können die DTTB-Damen im Tokyo Metropolitan Gymnasium wieder eine Olympia-Medaille gewinnen. Selbst wenn der Kontrahent in der nächsten Runde wie erwartet China heißen sollte: „Sie sind natürlich die klaren Favoriten, aber wir werden nicht ins Spiel gehen und denken, wir verlieren sowieso“, stellte Solja klar. „Sie haben einen Megadruck zu gewinnen und werden einen Riesenrespekt vor uns haben. Sie werden top vorbereitet gegen uns antreten, aber wir werden alles versuchen zu gewinnen.“ Die 27-jährige Nummer eins der Europarangliste fügte hinzu: „Falls wir nicht gewinnen, ist es halt die Vorbereitung für das Bronzespiel.“

Im zweiten Halbfinale – schon am heutigen Dienstag um 12.30 Uhr MESZ – steht Olympia-Gastgeber Japan, an Position zwei gesetzt, erwartungsgemäß Hongkong gegenüber.

Die deutschen Herren spielen heute ab 7.30 Uhr gegen Taiwan um den Einzug in die Vorschlussrunde.

Damen-Mannschaft, Viertelfinale
Deutschland - Südkorea 3:2
Shan Xiaona/Petrissa Solja - Jeon Jihee/Shin Yubin 2:3 (9,-8,6,-6,-3)
Han Ying - Choi Hyojoo 3:0 (3,3,8)
Petrissa Solja - Jeon Jihee 0:3 (-6,-11,-3)
Han Ying - Shin Yubin 3:1 (6,-10,6,9)
Shan Xiaona - Choi Hyojoo 3:0 (8,6,9)

China - Singapur 3:0
Hongkong - Rumänien 3:1
Japan - Taiwan 3:0

Halbfinale
Japan – Hongkong, Dienstag um 12.30 Uhr MESZ
Deutschland – China, Mittwoch um 3 Uhr

Spiel um Gold am 5. August, 12.30 Uhr, und Bronze um 4 Uhr

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Das deutsche Aufgebot bei den Tischtenniswettbewerbe in Tokio

Herren-Team: Dimitrij Ovtcharov (Fakel Gazprom Orenburg, Russland), Timo Boll (Borussia Düsseldorf), Patrick Franziska (1. FC Saarbrücken TT), Ergänzungsspieler: Benedikt Duda (TTC Schwalbe Bergneustadt)
Damen-Team: Petrissa Solja (TSV Langstadt), Han Ying (KTS Enea Siarka Tarnobrzeg, Polen), Shan Xiaona (ttc berlin eastside), Ergänzungsspielerin: Nina Mittelham (ttc berlin eastside)
Herren-Einzel: Dimitrij Ovtcharov, Timo Boll
Damen-Einzel: Petrissa Solja, Han Ying
Gemischtes Doppel: Patrick Franziska/Petrissa Solja
Teilmannschaftsleiter: Richard Prause (Sportdirektor)
Trainer-Team: Jörg Roßkopf (Bundestrainer Herren), Jie Schöpp (Bundestrainerin Damen), Lars Hielscher (Assistenztrainer)
Physiotherapeut: Peter Heckert (OSP Hessen)
Arzt: Dr. Antonius Kass (Düsseldorf)
Schiedsrichterin: Anja Gersdorf (Düsseldorf)
Öffentlichkeitsarbeit: Benedikt Probst (Frankfurt/Main)

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