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Foto: Team Deutschland / Galys
Nach einem 1:3 gegen Hongkong konstatiert die scheidende Bundestrainerin Jie Schöpp: „Sie haben zwar gekämpft, aber vor allem gegen ihren Druck, gegen ihre Ängste. Das müssen wir beim nächsten Mal besser machen"

Das kleine Finale der verpassten Chancen: DTTB-Damen werden Olympia-Vierter

SH 05.08.2021

Tokio. „Vierter bei den Olympischen Spielen. Das muss man erst mal machen“, hat Deutschlands Fahnenträger Patrick Hausding mal gesagt. Vierter Platz, die sogenannte Blechmedaille, die noch nie tatsächlich jemandem um dem Hals gehängt wurde. Bei keinem Mannschaftsturnier wird dieser Rang ausgespielt, nur ausgerechnet bei Olympia. Viele große Athleten haben dieses Tal der Tränen durchschreiten müssen: von Ungarns Tibor Klampar bei der Olympia-Premiere des Tischtennissports 1988, über Steffen Fetzner/Jörg Roßkopf 1996 bis zu den großen Schweden Jörgen Persson 2000 und 2008 sowie Jan-Ove Waldner 2004 oder 2016 Japans Medienstar Ai Fukuhara und der belarussische Tischtennis-Gentleman Vladimir Samsonov. In Tokio hat es Deutschlands Damen getroffen. Umso bitterer war diese Niederlage im Spiel um Bronze gegen Hongkong am frühen Donnerstagmorgen deutscher Zeit wegen der Vielzahl an verpassten Chancen.

Ausgerechnet gegen Deutschlands Mrs. Zuverlässig, Han Ying, gelang den Asiatinnen das Break. Ihr Einzel gegen Soo Wai Yam Minnie – die zur Matchwinnerin der Partie avancieren würde – verlief kurios. Im ersten Satz hatte die DTTB-Abwehrchefin das Spiel bis zum 10:6 im Griff und unterlag der trotz oder wegen des Rückstands unbekümmert agierenden Soo noch mit 10:12. "Da stand ich auf einmal enorm unter Druck, und sie hat ein anderes Tempo gespielt. Das hat mir Stress gemacht", gab die European-Games-Finalistin von 2019 einen Einblick in ihr Innenleben. "Ich hätte vielleicht etwas mutiger spielen sollen."

In Durchgang zwei verwandelte Han einen 0:4-Rückstand in ein 10:6. Nach einem am Ende noch mal nervenaufreibenden 11:9 lief sie im dritten Satz einem Vier-Punkte-Rückstand hinterher, verlor danach knapp. Han Ying hatte Probleme, ihre Abwehrbälle flach zu halten und spielte wenig variabel. Soo wiederum hatte die notwendige Ruhe, die Nummer drei der Europarangliste mit ihrer starken Vorhand durch die Box zu schicken und mit immer mal wieder eingestreuten langen Aufschlägen aus dem Rhythmus zu bringen. „Wir hatten so gehofft, dass Ying diesen eigentlich sicheren Punkt nach Hause bringt“, sagte Bundestrainerin Jie Schöpp. „Sie war insgesamt zu nervös, hat fast nur mit der Rückhand in Soos Vorhand geschupft. Das kennt man sonst von ihr nicht.“

Führungen auch für Shan im vierten Spiel

Auch Shan Xiaona verspielte angesichts eines schier erdrückenden 1:2 ihrer Mannschaft, als sie zur vierten Partie den Centercourt des Tokyo Metropolitan Gymnasium betrat, eine 7:3-Führung im ersten Satz gegen „Minnie“ Soo sowie ein 5:2 und 10:8 im zweiten. Den Dritten ließ sich Soo dann nicht mehr nehmen, auch wenn die zweifache Deutsche Einzel-Meisterin bis zum letzten Ball kämpfte. „Soo hat heute super gespielt. Sie hat einfach alle Bälle zurückgebracht“, sagte Shan, die eigentlich selbst als menschliche Gummiwand bekannt ist und ihre Kontrahentinnen mit ihrer mit kurzen Noppen geklebten Penholder-Vorhand damit zur Verzweiflung treibt, dass Ballwechsel gegen sie niemals zu enden scheinen. „Ich habe mir natürlich wieder viel Druck gemacht und es am Ende leider nicht geschafft.“

Zwischen Han und Shan hatte Petrissa Solja das Hochgeschwindigkeitsduell mit Doo Hoi Kem verloren. Ein schweres Spiel wie bereits vorab zu erwarten war, und das auf Deutschlands Habenseite daher „nicht eingeplant“ war. Die Weltranglisten-15. und eigentliche Nummer eins der Asiatinnen zwang der zweifachen Europameisterin von Warschau ihr Spiel mit wuchtigen, gut platzierten Topspins aus Vor- wie Rückhand auf, unglaublich schnell auf den Beinen und zu wissen scheinend, wohin Solja den Ball als nächstes spielen würde.

Schöpp: "Sie haben zwar gekämpft, aber vor allem gegen ihren Druck, gegen ihre Ängste“

Bundestrainer Schöpp fasste zusammen, was in ihren Spielerinnen vorgegangen war: „Gegen Japan im Halbfinale vor fünf Jahren hatten wir nichts zu verlieren. Hier haben wir zwar gesagt, wir brauchen keine Angst zu haben. Am Tisch aber hat man gemerkt, dass wir uns den Druck des Favoriten machen. Sie haben zwar gekämpft, aber vor allem gegen ihren Druck, gegen ihre Ängste. Das müssen wir beim nächsten Mal besser machen.“

Dabei hatte das „kleine Finale“ so gut für Team Deutschland begonnen. „Wir sind super gestartet, haben das Doppel hart umkämpft gewonnen“, so Peti Solja, „aber wussten, dass es danach kein Selbstläufer wird und wir am Ende drei Punkte brauchen würden.“ Nach zu leicht verlorenem ersten Satz im Auftakt-Doppel gegen das langjährige Stamm-Duo der Metropole, Lee Ho Ching/Doo Hoi Kem, - Hongkongs Damen-Cheftrainer und Taktikfuchs Li Ching hatte in Tokio zuvor immer mit Soo/Lee eröffnen lassen - fanden Shan/Solja zu ihrem Spiel und führten in den kommenden drei Sätzen die Regie. Erst am Ende des vierten Durchgangs wurde es noch einmal spannend, als sie sich nach einer 9:6-Führung bei 9:10 einem Satzball ihrer Kontrahentinnen gegenüber sahen. Die amtierenden Europameisterinnen sicherten sich schließlich den Erfolg mit ihrem vierten Matchball und an der erleichterten Umarmung erkannten auch die Zuschauer an Fernseher und Livestream in der Heimat, wie wichtig diese 1:0-Führung für die Mannschaft war. Nur eigentlich wichtig, wie sich zwei Stunden später herausstellen sollte.

Solja: „Wir müssen uns keinen Vorwurf machen"

Was bleibt für die DTTB-Damen und deren Trainingsgruppe im Deutschen Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf, die die Olympia-Vorbereitung so herausragend unterstützt hatte? Die Damen haben in jeder Partie alles gegeben. Sie waren das Team mit der größten Bandbreite an Spielsystemen - einer Abwehrspielerin, einer Linkshänderin und einer Penholderspielerin -, was bis auf China allen Gegnerinnen in Tokio und sonstwo auf der Welt zu schaffen macht. Sie sind eine Mannschaft mit einem guten Teamgeist, den Petrissa Solja schon in den Tagen vor den Sommerspielen herausgestellt hatte, ergänzt von Ersatzspielerin Nina Mittelham, die sich in Japan komplett in den Dienst der Mannschaft stellte. Sie präsentierten sich stets fokussiert, mit einem unbändigen Siegeswillen, aber direkt nach dem Spiel ebenso mit einer sympathischen Lockerheit und stets zu Scherzen aufgelegt, auch über die eigene große Nervosität.

„Wir müssen uns keinen Vorwurf machen, dass wir dieses Spiel verloren haben. Wir haben wirklich alles gegeben“, sagte Petrissa Solja, die schon im Mixed zu Turnierbeginn an der Seite von Patrick Franziska mit sieben Matchbällen im Viertelfinale gegen die späteren Olympiasieger Jun Mizutani/Mima Ito aus Japan die Überraschung auf dem Schläger gehabt hatte. „Es war gegen Hongkong eine wahnsinnige Stresssituation. Wir wollten diese Medaille unbedingt. Es waren so viele knappe Sätze dabei. Vielleicht hätten wir am Ende ein bisschen mehr Mut gebraucht. Aber so eine Situation ist eben etwas anderes als im Training. Wir haben so viel Leidenschaft reingesteckt und hätten am Ende gerne die Medaille gewonnen.“

Schöpps Abschiedsspiele

Für Bundestrainer Jie Schöpp sind es die Abschiedsspiele. Die 117-fache Nationalspielerin, unter deren Führung die Damen in Rio vor fünf Jahren das sensationelle Silber gewonnen hatten, übernimmt planmäßig eine Position im Nachwuchsbereich beim Deutschen Tischtennis-Bund. Tamara Boros tritt in ihre Fußstapfen, WM-Bronzemedaillengewinnerin im Einzel von 2003 für Kroatien. Sie wird die Damen in den nächsten Angriff auf olympisches Edelmetall führen. Auch in drei Jahren in Paris. Bis dahin gilt Patrick Hausdings Trost. Als Vierter bei Olympia ist Deutschland viertbeste Nation unter den 226 Mitgliedsverbänden der ITTF. „Das muss man erst mal machen.“

Damen-Mannschaft, Spiel um Bronze

Deutschland - Hongkong 1:3
Shan Xiaona/Petrissa Solja - Doo Hoi Kem/Lee Ho Ching 3:1 (-8,5,7,13)
Han Ying - Soo Wai Nam Minnie 1:3 (-10,9,-9,-7)
Petrissa Solja - Doo Hoi Kem 0:3 (-5,-6,-9)
Shan Xiaona - Soo Wai Nam Minnie 0:3 (-10,-11,-7)

Spiel um Gold am Donnerstag
China - Japan, 12.30 Uhr MESZ

 

Herren-Mannschaft, Spiel um Gold am 6. August
Deutschland – China, 12.30 Uhr MESZ

Spiel um Bronze am 6. August
Japan – Hongkong, 4 Uhr MESZ

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Das deutsche Aufgebot bei den Tischtenniswettbewerbe in Tokio

Herren-Team: Dimitrij Ovtcharov (Fakel Gazprom Orenburg, Russland), Timo Boll (Borussia Düsseldorf), Patrick Franziska (1. FC Saarbrücken TT), Ergänzungsspieler: Benedikt Duda (TTC Schwalbe Bergneustadt)
Damen-Team: Petrissa Solja (TSV Langstadt), Han Ying (KTS Enea Siarka Tarnobrzeg, Polen), Shan Xiaona (ttc berlin eastside), Ergänzungsspielerin: Nina Mittelham (ttc berlin eastside)
Herren-Einzel: Dimitrij Ovtcharov, Timo Boll
Damen-Einzel: Petrissa Solja, Han Ying
Gemischtes Doppel: Patrick Franziska/Petrissa Solja
Teilmannschaftsleiter: Richard Prause (Sportdirektor)
Trainer-Team: Jörg Roßkopf (Bundestrainer Herren), Jie Schöpp (Bundestrainerin Damen), Lars Hielscher (Assistenztrainer)
Physiotherapeut: Peter Heckert (OSP Hessen)
Arzt: Dr. Antonius Kass (Düsseldorf)
Schiedsrichterin: Anja Gersdorf (Düsseldorf)
Öffentlichkeitsarbeit: Benedikt Probst (Frankfurt/Main)

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