Doha. Nein, es wurde nichts aus der ersten WM-Medaille für ein deutsches Damen-Doppel seit 1939. Yuan Wan und Sabine Winter, die erst seit Ende vergangenen Jahres ein Duo bilden, das bei den Welttitelkämpfen in Doha in den Runden zuvor Asiens Asse aus China und Taiwan ausgeschaltet hatte, unterlagen im Viertelfinale ausgerechnet europäischen Konkurrentinnen. Bei ihrem 3:1-Sieg verstanden es die amtierenden Europameisterinnen Sofia Polcanova und Bernadette Szöcs perfekt, die Stärken von Wan/Winter auszuschalten. Die seit 2019 im internationalen Turnierzirkus erfolgreiche österreichisch-rumänische Links-Rechs-Kombination spielte ohne Angst auf Sabine Winters Rückhand-Anti-Belag, nagelte die Deutschen oft auf der tiefen Rückhand-Seite fest, um so die krachenden Vorhand-Topspins und -Schüsse der DTTB-Damen zu umgehen.
Wan und Winter waren dabei nicht chancenlos. In Durchgang eins legten sie direkt mit 3:0 vor, wurden dann jedoch von Polcanova/Szöcs abgefangen, die immer besser ins Match kamen und klug platzierten. Den Schwung des glatten Sieges in Durchgang drei konnten Wan und Winter nicht ganz mit in Satz vier nehmen. Einen 7:10-Rückstand egalisierten sie zwar noch, doch am Ende waren es Polcanova und Szöcs, die EM-Einzel-Gewinnerin und die Finalistin von Linz, die sich freudestrahlend und auf dem Boden kniend innig umarmten. Für das Top-Ten-Duo Polcanova/Szöcs, die einzigen in der Weltrangliste so hoch platzierten Nicht-Asiatinnen, ist es beim dritten gemeinsamen Auftritt bei Weltmeisterschaften Edelmetall Nummer eins. Im Halbfinale am Samstag treffen sie auf die an Position sieben gesetzten Südkoreanerinnen Ryu Hanna und Shin Yubin.
Ein Doppel mit Zukunft
Was den Deutschen bleibt, ist ein beachtliches WM-Debüt mit dem Erreichen der Runde der besten acht Doppel der Welt. Doha war erst das vierte gemeinsame Turnier für die Weinheimerin Wan und die in der Bundesliga für Dachau auf Punktejagd gehende Winter und das dritte nach der mutigen Materialumstellung der zweifachen Doppel-Europameisterin. "Es ist sehr schade. Wenn man kurz vor der Medaille steht, fängt man natürlich auch an zu träumen und man will sie haben, denn man hat nicht alle Tage die Chance dazu“, sagte Sabine Winter. Die 32-jährige Bayerin befand: „Wir hatten unser bestes Match gegen China. Auch heute hatten wir die Chance, noch in den siebten Satz zu kommen. Ich bin mir sicher, dass Yuan und ich auch noch besser werden und auch aus dem Spiel heute etwas lernen. Wir werden an uns arbeiten, damit wir die Chance nutzen, wenn wir sie irgendwann wieder bekommen."
Yuan Wan konnte sich an ihrem 28. Geburtstag nicht das erhoffte schönste Geschenk machen. "Im Moment ist die Enttäuschung noch sehr groß. Aber ich glaube, nach ein bisschen Zeit werde ich realisieren, wie gut wir zusammen gespielt haben und was wir für ein Niveau haben können. Darauf bin auch stolz“, erklärte die gebürtige Eberswalderin und schloss ein Lob an ihre Partnerin an: „Dass Sabine mit dem Anti im Einzel und Doppel so ein Tischtennis auf den Tisch zaubern kann, ist schon sehr bewundernswert. Ich bin ihr auch sehr dankbar: Sie ist erfahrener und hat mich in den entscheidenden Situationen wieder etwas runtergeholt. So knapp an der Medaille zu scheitern, tut gerade weh. Wir haben alles gegeben, aber die Gegner waren heute einfach besser."
Lob von Boros und Prause
Nach herausragenden Leistungen in den Einzeln durch Ying Han (3. Runde, 1:4 gegen die an Position zwei gesetzte Chinesin Wang Manyu) und Annett Kaufmann (2. Runde gegen die Weltranglisten-Dritte Chen Xingtong aus China) sowie ebenfalls erwartbare Niederlagen von Wan und Winter gegen favorisierte Japanerinnen sowie Achtelfinale bzw. Viertelfinale der neu formierten Doppel Annett Kaufmann/Xiaona Shan (1:3 gegen Ryu/Shin KOR) und Wan/Winter zieht Damen-Bundestrainerin Tamara Boros eine positive Bilanz: "Im Einzel haben wir zweimal gegen Japan und zweimal gegen China verloren. Unsere Gegnerinnen waren einfach besser. Ich hoffe aber, dass wir uns in Zukunft weiter verbessern können. Annett und Ying haben unglaubliche Spiele gemacht. Für Sabine und Yuan war es erst das dritte Turnier, und sie kommen ins Viertelfinale. Ich bin stolz auf die Mädels. Wir haben ein gutes Turnier gespielt."
"Mit dem Viertelfinale im Doppel haben wir ein gutes Ergebnis gespielt, bei dem heute auch ein paar Chancen waren, sogar die Medaille zu holen. Sabine und Yuan haben ein sehr gutes Turnier gespielt, das chinesische Duo bezwungen“, befand DTTB-Vorstand Sport Richard Prause. „Das spiegelt auch die Gesamtbilanz der Damen wieder, die ein gutes Turnier gespielt haben, nur leider ohne die Krönung heute mit einer Medaille. Wir haben China einmal geschlagen. Das hätte sicher auch nicht jeder erwartet.“
Herren bleiben unter den Erwartungen
Team Deutschland bleibt in Katar auch bei den Herren ohne WM-Medaille. Zwei Jahre zuvor hatten Patrick Franziska und Dimitrij Ovtcharov aus dem Doppelwettbewerb in Südafrika überraschend Bronze mit nach Hause gebracht. „Bei den Herren haben wir die Setzungen verpasst, dann können wir nicht sagen, wir sind zufrieden“, so Prause. „Es war für uns die WM der verpassten Chancen.“ Er hob die Partien von Patrick Franziska (3:4 gegen Lin Yun-Ju TPE) und Benedikt Duda (2:4 gegen Quadri Aruna NGR) hervor, „wo wir das Spiel für uns hätten entscheiden können. Spielerisch war das gut, aber am Ende ist Tischtennis ein Ergebnissport und sie haben den letzten Punkt nicht gemacht. Wir haben einige gute Leistungen bei den Herren erbracht, ohne uns zu belohnen.“
Dimitrij Ovtcharov war angeschlagen zum Doppel angetreten und hatte danach auf das Einzel wegen einer Bandscheibenverletzung ganz verzichten müssen. Prause sei mit den Ergebnissen der Herren nicht zufrieden, aber weit davon entfernt, sie schlechtzureden. „Denn auch wenn wir uns die letzten 16 anschauen bei der WM, sieht man, wie eng alles beieinander ist. Wir müssen schauen, wie wir diese zwei Prozent noch drauflegen können, damit wir bei der nächsten WM wieder mehr erreichen als nur ein Achtelfinale.“ Er wies auf die vier Deutschen in den Top 20 der Weltrangliste hin, Dang Qiu, Benedikt Duda, Patrick Franziska und Dimitrij Ovtcharov. „Da gehören wir auch hin. Aber wir müssen das auch bei einer WM zeigen. Das haben wir diesmal nicht in allen Bereichen gemacht."
Damen-Doppel, Viertelfinale
Yuan Wan/Sabine Winter - Sofia Polcanova/Bernadette Szöcs AUT/ROU 1:3 (-7,-7,4,-10)
Ryu Hanna/Shin Yubin KOR - Satsuki Odo/Sakura Yokio JPN 3:1 (9,-9,6,16)
Miwa Harimoto/Miyuu Kihara JPN - Kim Nayeong/Lee Eunhye KOR 3:0 (3,5,8)
Wang Manyu/Kuai Man CHN - Adina Diaconu/Maria Xiao ROU/ESP 3:0 (7,9,6)
Halbfinale am Samstag
Sofia Polcanova/Bernadette Szöcs AUT/ROU AUT/ROUT - Ryu Hanna/Shin Yubin KOR
Kuai Man/Wang Manyu CHN - Miwa Harimoto/Miyuu Kihara JPN
Finale am Sonntag
Ergebnisse und Live-Ticker (WTT-Website)
Livestream Tische 2-8 (kostenlos, WTT-YouTube-Kanal)
Livestream Tisch 1 (DYN) (kostenpflichtig)
Das WM-Aufgebot des DTTB
Herren
Dang Qiu (Borussia Düsseldorf, WR: 11), Benedikt Duda (TTC Schwalbe Bergneustadt, WR: 13), Patrick Franziska (1. FC Saarbrücken TT, WR: 14), Dimitrij Ovtcharov (TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell, WR: 20), Ricardo Walther (ASV Grünwettersbach, WR: 35)
Damen
Sabine Winter (TSV Dachau, WR: 45), Ying Han (KTS Tarnobrzeg/Polen, WR: 47), Xiaona Shan (ttc berlin eastside, WR: 50), Yuan Wan (TTC Weinheim, WR: 62). Annett Kaufmann (SV DJK Kolbermoor, WR: 111)
Herren-Doppel
Benedikt Duda/Dang Qiu, Patrick Franziska/Dimitrij Ovtcharov
Damen-Doppel
Annett Kaufmann/Xiaona Shan, Yuan Wan/Sabine Winter
Gemischtes Doppel
Annett Kaufmann/Patrick Franziska, Yuan Wan/Benedikt Duda
Sportliche Leitung
Richard Prause (DTTB Vorstand Sport)
Trainerteam
Jörg Roßkopf (Bundestrainer Herren), Lars Hielscher (Cheftrainer Düsseldorf), Tamara Boros (Bundestrainerin Damen), Zoltan Batorfi (Assistenz-Bundestrainer Damen), Sascha Nimtz (Experte für Videoanalysen, Wissenschaftskoordinator IAT Leipzig)
Medizinische Abteilung
Dr. Thomas Garn (Teamarzt), Dr. Christian Zepp (Sportpsychologischer Experte), Annette Zischka, Christian Bressau-Krabbe (Physiotherapeuten, OSP Hessen in Frankfurt/Main)
Organisationsleiter
Rainer Kruschel (Leiter Referat Leistungssport)
Schiedsrichter
Melanie Timke (Sielmingen)
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Manfred Schillings (DTTB)