Stephanie Grebe (Foto: Binh Truong, DBS)
Die DBS-Asse müssen nach der Paralympics-Verschiebung Job, Sponsoren und Training komplett neu gestalten

Deutschlands Paralympics-Asse: Von "schnell abgehakt" bis "tiefes Loch"

Jannik Schneider 14.04.2020

Hamburg/Viechtach/Westuffeln. Viel wurde und wird in den vergangenen Wochen über die Folgen der Olympia-Verschiebung diskutiert. Doch neben Timo Boll und Co. ist auch die Para-Nationalmannschaft betroffen. Einige Halbprofis, die sich komplett auf die Paralympics fokussiert hatten, müssen jetzt Job, Sponsoren und Training komplett neu gestalten.

Stephanie Grebe ist körperlich und mental gerade voll gefordert. Allerdings überhaupt nicht auf die Art und Weise, wie sich das die 32-Jährige in den Monaten vor den Paralympics erhofft hatte. Die Behindertensportlerin arbeitet hauptberuflich in einem Jobcenter in Hamburg.

Aufgrund der Umstände der Covid-19-Pandemie versuchen Grebe und ihre Kollegen die Flut von Anträgen zu bewältigen, den Menschen zu helfen. Das ist in dieser besonderen, für alle Menschen ungewohnten Situation auch eine Art Leistungssport.

Langfristige Planung: Die Vereinbarkeit von Job und Training

Dabei ist die gebürtige Berlinerin, die ihre Heimat in Hamburg gefunden hat, seit Jahren eine der Leistungsträgerinnen in der Behinderten-Nationalmannschaft im Tischtennis. 2016 gewann sie in ihrer Wettkampfklasse 6 (hier spielen Athleten mit der stärksten körperlichen Einschränkung) bei den Paralympics in Rio die Silbermedaille.

Doch da im Zuge der Pandemie auch die Paralympics 2020 in Tokio abgesagt wurden, ist nun alles anders. Die Spitzensportler im Behindertensport sind es gewohnt, Job und Training präzise und langfristig zu planen und miteinander zu vereinbaren – erst recht im Paralympics-Jahr. Die neue Situation stellt die Athleten vor große Herausforderungen.

An Tischtennis-Alltag ist nicht zu denken

„Bei mir ist, was die zukünftige sportliche Planung angeht, noch vieles im Unklaren. Ich muss zugeben, ich bin noch etwas ratlos“, erklärt Grebe. Klar ist zurzeit nur: Sie arbeitet weiter beim Jobcenter. „Die Belastung und die Intensität der Arbeit dort sind aufgrund der Umstände stark angestiegen.“ An so etwas wie Tischtennis-Alltag sei momentan nicht zu denken.

Mit dieser Situation ist Grebe nicht allein. Die Planungen aller Nationalspieler sind ad absurdum geführt. Das weiß auch Bundestrainer Volker Ziegler. „Wir haben dieses Jahr keinen anderen Jahreshöhepunkt – nur die Paralympics – und darauf hatten alle unsere Athleten jedes Detail abgestimmt“, sagt der A-Lizenz-Inhaber.

Es sei keineswegs so, dass das Event einfach nur ein Jahr später stattfinde, sondern die "persönlichen Planungen" seien ins Wanken geraten. "Athleten, die Eltern sind, haben die Erziehungszeiträume bei ihren kleinen Kindern mit ihren Partnern passgenau auf die Spiele abgestimmt. Das geht jetzt alles nicht mehr."

Grebe etwa wäre demnächst beruflich etwas kürzergetreten. Stattdessen ist sie nun voll gefordert. Die Stimmung unter den Athletinnen und Athleten sei ganz unterschiedlich, erklärt der Bundestrainer. Einige Sportler hätten das sehr schnell abgehakt und nach vorne geschaut. „Andere sind erstmal in ein Loch gefallen und haben nur Leere gespürt, weil sie jeden Tag rückwärts gezählt und das Gefühl hatten, richtig gut in der Vorbereitung gewesen zu sein“, sagt Ziegler, der das Team seit rund sieben Jahren führt.

Grebes Gefühlswelt ist nach eigenen Angaben irgendwo dazwischen anzusiedeln. Der Behindertensport auf höchstem Niveau ist schließlich ein großer Bestandteil ihres Alltags. Grebe ist ohne Hände auf die Welt gekommen, auch das rechte Bein ab Oberschenkelhöhe fehlte. Die Diagnose lautete: Dysmelie – eine angeborene Fehlbildung eines oder mehrerer Gliedmaßen. Warum sie so auf die Welt kam, weiß sie nicht und das sei für sie auch okay so, weil „ich von Anfang an gut damit zurechtgekommen bin“. Doch diese Ungewissheit 2020, die vor der Verlegung lange Zeit zu spüren war, machte ihr zu schaffen. Nun geht es ihr besser. Zugang zu einem Tischtennistisch fehlt ihr aber komplett. „Ich gehe nach der Arbeit laufen und mache zuhause meine Übungen. Das erfordert besonders jetzt sehr viel Disziplin, aber das klappt bisher ganz gut“, sagt Grebe, die hofft, dass ihre Sponsoren bis 2021 treu bleiben.

Schmidberger: Vollprofi nur vor den Paralympics

Diese Sicherheit hat Tom Schmidberger bereits. Er sagt: „Ich kann meinen Sponsoren sehr dankbar sein, weil alle zeitnah zugesichert haben, mich bis zum neuen Termin 2021 unterstützen zu wollen.“ Schmidberger ist einer der wenigen in der Nationalmannschaft, die im Zyklus vor den Paralympics als Vollprofi leben. Dass die Sponsoren in dieser ungewissen Zeit mitziehen, ist für ihn sportlich existenziell. Der Rollstuhlfahrer - Schmidberger wurde als Kleinkind von einem Auto angefahren - hat trotz seiner erst 28 Jahre sowohl in London 2012 als auch in Rio schon Silber- und Bronzemedaillen in der Wettkampfklasse 3 ergattert. Dieses Jahr sollte es Gold werden.

Der Bayer, der in Viechtach lebt, sieht die Umstellung mittlerweile wieder recht pragmatisch. „Ich hatte zwar wirklich alles auf die Paralympics ausgerichtet. Größere existenzielle Folgen hat die Verlegung aber zum Glück nicht. Wenn die Situation sich wieder einigermaßen beruhigt hat, machen wir eine neue Planung und dann wird wieder alles fokussiert darauf ausgerichtet.“

Die positive Grundhaltung war aber nicht von Anfang an da. „Mental war es auf jeden Fall ein großer Rückschlag. Ich war richtig niedergeschlagen und habe mich immer noch nicht ganz davon erholt“, gibt Schmidberger zu.

Beratung durch den Team-Psychologen

Um den mentalen Aspekt weiß auch Ziegler. Doch die Professionalisierung hat längst auch Einzug in den Behindertensport erhalten. "Wir haben mit Torsten Leber einen sehr guten Team-Psychologen und jeden Kontakt sind wir gemeinsam angegangen unter seiner Federführung."

Schmidberger und seine Nationalmannschaftskollegen sind über dieses Angebot dankbar. Der Rechtshänder hat bei sich zu Hause sowohl einen Tischtennistisch als auch einen kleinen Fitnessraum und hält sich dort bis auf weiteres in Form.

„Wir haben tatsächlich einige Spieler – auch Rollstuhlfahrer – die einen Tisch im Keller stehen haben und bei denen die barriererefreien Voraussetzungen gegeben sind, so dass sie da trainieren können", erzählt Ziegler. Andere hätten ihre Werkstatt ausgeräumt, um trainieren zu können. Grundsätzlich habe das Trainerteam den Spielern vorgegeben, bis Ostern tischtennisspezifisch runterzufahren und „die Trauer über die Absage zuzulassen“.

Individuelle Angebot und Videos für die Aktiven

Darüber hinaus weiter zu planen, ist keine leichte Aufgabe. „Wir hätten nun vier Monate Vollgas gegeben. Jetzt sind es aber plötzlich 16 Monate. So lange kann man diese Intensität natürlich nicht aufrechterhalten. Nun müssen wir diesen Zeitraum ganz anders strukturieren, ohne zu wissen, wann wir aufgrund der Beschränkungen wieder voll einsteigen können“, erklärt Ziegler. Seit Ostern werden die Nationalspieler mit Videos und individuellen Angeboten versorgt.

Am 15. April trifft der internationale Verband einige wichtige Entscheidungen, unter anderem was mit dem für Mai geplanten und ausgefallenen Qualifikationsturnier im slowenischen Lasko passiert und was mit der für die Paralympics wichtigen Weltrangliste geschieht.

Rüddenklau: Studienabschluss noch einmal verschieben?

Großes Interesse an Infos zu dem Qualifikationsturnier hat auch Yannik Rüddenklau. Anders als die erfahrenen Grebe und Schmidberger hoffte der 22-Jährige noch über dieses Turnier auf den Tokio-Zug aufzuspringen. „Die Situation jetzt hat größere Auswirkungen auf mein BWL-Studium“, sagt der gebürtige Hesse aus Westuffeln bei Kassel.

Rüddenklau hatte sich viele Pausen in das jetzige Semester gelegt, um sich auf dieses Turnier zu fokussieren. Stattdessen konnte er seit März kein Tischtennis mehr spielen. Ursprünglich wollte er 2021 erst seinen Abschluss machen. „Da muss ich jetzt auf die Verlegungen warten, bis ich planen kann“, sagt der Rechtshänder mit der Unterschenkelprothese. Im Alter von anderthalb Jahren musste ihm wegen einer Krebserkrankung der Unterschenkel amputiert werden.

Und so hält sich auch Rüddenklau mit individuell vorgegebenen Fitnessübungen irgendwie auf Betriebstemperatur. Immerhin: Der Youngster hatte in der Vergangenheit immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen und möchte die jetzige Zeit nutzen, alte Strukturen aufzubrechen. „Ich war viel verletzt. Jetzt kann ich an meinen körperlichen Grundlagen arbeiten.“

Nationalteam-Arzt Kass: „Jetzt langwierige Verletzungen auskurieren“

Der Mannschaftsarzt der Nationalmannschaft, Dr. Antonius Kass, hält genau das nun für eine sehr gute Idee. „Meine Praxis ist wieder geöffnet, die Physiotherapeutin der Nationalmannschaft ist erreichbar. Insofern können hartnäckige Verletzungen weiter gut behandelt werden. Ich denke auf der anderen Seite, dass durch den wahrscheinlich zwangsweise verminderten Trainings- und gerade auch Wettkampfbetrieb endlich mal die Möglichkeit besteht, langwierige Verletzungen auszukurieren.“

Bundestrainer Ziegler beschäftigt sich momentan noch mit 2020. „Wir haben bis November ein großes Loch im Turnierkalender. Ich persönlich rechne im gesamten Kalenderjahr ohnehin mit keinem Turnier mehr im ursprünglichen Weltcup-Format aufgrund der Reisebeschränkungen und unterschiedlichen Voraussetzungen“, sagt Ziegler. Um für Wettkampfpraxis später im Jahr zu sorgen, muss nach neuen Lösungen gesucht werden.

Für die Spielerinnen und Spieler um Stephanie Grebe war es derweil noch nie so schwer wie jetzt, Job und Leistungssport miteinander zu vereinbaren. Sie sagt: „So richtig ist es mir erst in den letzten Tagen klar geworden, was das eigentlich alles bedeutet.“ Momentan liegt ihr Fokus darauf, auf der Arbeit, den Menschen zu helfen.“

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Über den Autor: Jannik Schneider (29) ist freier Journalist und war früher selbst im Behindertensport als Spieler aktiv. 

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