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Vom Publikum gefeiert: Nina Mittelham und Shan Xiaona (Fotos: MS)
Die European Championships im eigenen Land werden mit mindestens vier und bestenfalls fünf Mal Edelmetall für die Gastgebernation enden

Drei deutsche Damen, ein EM-Halbfinale, drei Herren unter den besten Acht

SH 19.08.2022

München. Drei deutsche Damen im Halbfinale, die Herren haben wegen eines deutschen Duells in der Runde der besten Acht mindestens eine weitere Medaille sicher – die European Championships im eigenen Land werden mit mindestens vier und bestenfalls fünf Mal Edelmetall für die Gastgebernation enden. Herausragend auch beim Spannungsbogen haben sich dabei am Freitag die Damen präsentiert. Nina Mittelham drehte ein schon verloren geglaubtes Match gegen die Mixed-Europameisterin von Montag aus Frankreich, Jianan Yuan. Mit 2:3 in Sätzen und 5:9 lag sie im Rückstand, bis eine Sechs-Punkte-Serie sie angetrieben vom lautstarken Publikum in der Rudi-Sedlmayer-Halle auf die Siegerstraße in diesem Spiel brachte. Am Nebentisch behielt Xiaona Shan gegen ihre gute Freundin, die Portugiesin Jieni Shao, auch dann die Nerven, als diese die Berlinerin nach 2:1- und 3:2-Satzführungen noch in den siebten Durchgang zwang. Deutlich entspannter lief es bei Sabine Winter, die – ihr großes Ziel von der ersten Einzelmedaille vor Augen – Italiens Giorgia Piccolin in vier Sätzen im Griff hatte, nachdem sie in Durchgang eins einen 4:8-Rückstand mit einer gelungenen Aufholjagd in den 11:9-Satzgewinn verwandeln konnte.

Am Samstag stehen sich Nina Mittelham und Xiaona Shan im Spiel um den Einzug ins Finale gegenüber. Sabine Winter bekommt es mit Doppel-Europameisterin Sofia Polcanova aus Österreich zu tun. Beide sind nicht nur gut befreundet, Winter war vor zwei Jahren bei Polcanovas Hochzeit sogar eine ihrer Brautjungfern.

Boll, Qiu und Ovtcharov weiter

Bei den Herren besiegte Timo Boll das slowakische Abwehrass Wang Yang in vier Sätzen. „Gegen Abwehr spiele ich einfach gut, wenn ich konzentriert bin und mich gut bewegen kann“, erklärte Europas Rekord-Champion. „Dann habe ich keine Angst vor seinen Schnittbällen, obwohl er viel variiert und auch probiert anzugreifen. Er hat viel versucht, aber ich habe zum Glück auf alles eine gute Antwort gehabt.“ Boll trifft am Samstag im Viertelfinale auf seinen Nationalteam- und Düsseldorfer TTBL-Kollegen Dang Qiu, der sich im deutschen Duell gegen seinen Doppelpartner Benedikt Duda durchsetzen konnte. Dimitrij Ovtcharov lieferte sich ein „sauknappes Spiel“ (Zitat Ovtcharov) gegen den EM-Finalisten von 2015 aus Portugal, Marcos Freitas. Nachdem Mr. Olympia drei Matchbälle beim Stand von 10:7 in Durchgang sechs ungenutzt ließ und frustriert im siebten Satz ins Hintertreffen geriet, waren es die Fans, die ihn zum Erfolg trugen. „Da war das Publikum voll da. Ohne die Zuschauer hätte ich das nicht gepackt. Sie haben ‚Dima, Dima‘ gerufen, und ich habe plötzlich geile Bälle gespielt“, so Ovtcharov. Dimitrij Ovtcharov trifft am Samstag auf Patrick Franziskas Schwager, Schwedens Doppel-Welt- und Europameister Kristian Karlsson. Franziska selbst ist wie Benedikt Duda ausgeschieden. Der Ma-Long-Bezwinger von Budapest und junge Vater unterlag seinem ehemaligen Saarbrücker Mannschaftskollegen Tiago Apolonia mit 2:4.

Tränen der Erleichterung bei Mittelham

Zurück zu den Damen: Feuchte Augen hatte Nina Mittelham schon kurz nachdem feststand, dass sie in München ihre erste EM-Einzelmedaille gewinnen würde. Spätestens bei den Gratulationen von Trainerin Tamara Boros, Physiotherapeutin Annette Zischka, von Familie und Freunden ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf. „Es passiert nicht so oft, dass ich vor Erleichterung anfange zu weinen, wenn ich ein Spiel gewinne. Es war ein unfassbar schweres Spiel“, erzählte die Europe-Top-16-Gewinnerin des Vorjahres. Als Team-Leader hatte sie die deutsche Mannschaft im vergangenen Jahr in Cluj zum sensationellen Mannschaftsgold geführt, ohne Petrissa Solja, ohne Ying Han, ohne Xiaona Shan. Doch bei der Heim-EM hatte die Position zwei im Einzel Gesetzte einfach nicht ins Turnier gefunden, war jeweils als Mitfavoritin bzw. Titelverteidigerin im Doppel im Viertelfinale, im Mixed gar im Achtelfinale ausgeschieden und haderte mit der eigenen Leistung.

Ihr Rezept zur Leistungssteigerung: Ruhe. „Es ist eine Wahnsinnsatmosphäre, wenn man hier in die Halle kommt. Ich bekomme da direkt weiche Knie“, beschrieb Mittelham. Doch was die einen pusht, ist für die anderen überfordernd. „Weil ich da nicht gespielt habe, ist es für mich nicht förderlich gewesen.“ Sie zog sich zurück, verbrachte Zeit mit Freund Sascha und ihren Eltern fernab des Geschehens im Delegationshotel und der Halle. „Das hat ganz gut geholfen.“ Umso stärker kam sie zurück und genoss in den entscheidenden Phasen das Publikum – diesmal als Angefeuerte und nicht als Zaungast nach schmerzhaften Niederlagen.

Das Deutschlandtrikot beflügelt sie: Xiaona Shan

„Egal, was ich gespielt habe, sie hat heute alles zurückgespielt. Ich habe taktisch ein bisschen blöd gespielt, die Bälle nur auf den Tisch gebracht und nicht gut platziert“, war Vorjahresfinalistin Shan unzufrieden mit ihrem Spiel gegen die Portugiesin Shao. „Im siebten Satz dachte ich dann: ‚Ich bin besser, und wenn ich das Deutschland-Trikot anhabe, dann muss ich gewinnen.‘ Und als das Publikum ‚Auf, Nana!‘ rief, war ich wieder da.“

Sabine Winter hielt gegen Piccolin vor allem dem eigenen Erwartungsdruck stand. „Ich habe mir hier viel vorgenommen. Im Doppel und Mixed hat es leider nicht so geklappt, wie ich es mir erhofft hatte. Dann blieb mir nur noch das Einzel, um hier endlich eine Medaille zu holen und sie hier in meiner Heimat zu behalten“, so die zweifache Doppel-Europameisterin. „Es ist super, dass das geklappt hat und damit ist die EM für mich mehr als gerettet. Ich habe vor dem Turnier schon gesagt, wie schön ich die Medaillen in diesem Jahr finde und dass ich gerne eine davon hätte. Das habe ich jetzt geschafft. Die Einzel-Medaille ist sehr, sehr wertvoll für mich.“

Sportdirektor Prause: „Ein wirklich gutes Ergebnis“

„Es war ein wirklich sehr guter Tag mit einem tollen Auftritt unserer Damen und mit richtig guten Spielen im Herren-Bereich. Wenn man drei Spieler im Viertelfinale hat, dann ist das ein wirklich gutes Ergebnis“, zog DTTB-Sportdirektor Prause eine Zwischenbilanz. „Bei den Damen waren es herausragende Matches.“ Er hob Mittelham und Han „mit ihren Krimis“ hervor. Gratulierte Sabine Winter die trotz des Favoritendrucks eine wirklich souveräne Leistung gezeigt habe. Genesungswünsche ging an die an Position eins gesetzte Ying Han, die direkt zu Beginn des Duells mit Sabine Winter im Achtelfinale wegen einer Rückenverletzung aufgeben musste.

Wie zuvor schon Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf kritisierte Prause den Auslosungsmodus. Seit der EM 2018 in Alicante wird bei der Setzung keine Rücksicht mehr auf die Nationalität genommen. In München befinden sich auf diese Weise mit Boll, Duda und Qiu drei Deutsche im selben Viertel, bei den Schweden sind es sogar vier. „Schade, dass wir die deutschen Duelle immer mal wieder früh haben, so auch morgen. Daraus müssen wir das Beste machen“, kommentierte er mit Blick auf die Partie Duda gegen Qiu ebenso wie Boll gegen Qiu am Samstag und schlug diplomatisch vor. „Vielleicht ist es wert, dass man darüber, völlig frei zu setzen, doch noch mal überdenkt und es gegebenenfalls ändert.“

Herren-Einzel, Achtelfinale
Dang Qiu - Benedikt Duda 4:1 (7,7,-8,9,11)
Patrick Franziska - Tiago Apolonia POR 2:4 (-8,9,5,-5,-8,-8)
Timo Boll - Wang Yang SVK 4:0 (1,8,6,9)
Dimitrij Ovtcharov - Marcos Freitas POR 4:3 (8,-8,7,-11,9,-10,5)

Viertelfinale am Samstag
10.30 Uhr: Timo Boll - Dang Qiu
11.25 Uhr: Mattias Falck SWE - Truls Möregardh SWE
12.20 Uhr: Dimitrij Ovtcharov - Kristian Karlsson SWE
13.15 Uhr: Tiago Apolonia POR - Darko Jorgic SLO

Damen-Einzel, Viertelfinale
Sabine Winter - Giorgia Piccolin ITA 4:0 (9,8,7,6)
Xiaona Shan - Jieni Shao POR 4:3 (-9,12,6,-10,8,-9,8)
Nina Mittelham - Jianan Yuan FRA 4:3 (11,-5,-5,7,-8,9,6)
Sofia Polcanova AUT - Bernadette Szocs ROU 4:2 (6,-4,8,6,-6,5)

Halbfinale am Samstag
15.00 Uhr: Sabine Winter - Sofia Polcanova AUT
15.55 Uhr: Nina Mittelham - Xiaona Shan

Das Aufgebot des DTTB in München

Herren
Dimitrij Ovtcharov (TTC Neu-Ulm, Weltrangliste vom 9. August: Platz 9, Patrick Franziska (1. FC Saarbrücken TT, WR: 12), Dang Qiu (Borussia Düsseldorf, WR 13), Timo Boll (Borussia Düsseldorf, WR: 14), Benedikt Duda (TTC Schwalbe Bergneustadt, WR: 36)

Damen
Ying Han (KTS Enea Siarka Tarnobrzeg, Polen / WR: 8), Nina Mittelham (ttc berlin eastside, WR: 12), Xiaona Shan (ttc berlin eastside, WR: 17),  Sabine Winter (TSV Schwabhausen, WR: 48), Yuan Wan (TTC Weinheim, WR: 89), Annett Kaufmann (SV Böblingen, WR: 122), Franziska Schreiner (TSV Langstadt, WR: 209)

Mit diesen Duos geht Deutschland in die Doppel-Konkurrenzen*
Herren-Doppel: Duda/Qiu
Damen-Doppel: Mittelham/Winter, Schreiner/Kaufmann
Mixed: Qiu/Mittelham, Duda/Winter
*Pro Nation dürfen nur maximal zwei Kombinationen an den Start gehen

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