DTTB stellt Doping-Verfahren gegen Ovtcharov ein / Suspendierung aufgehoben

DTTB 15.10.2010

Frankfurt/Main. Das Präsidium des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) hat einstimmig beschlossen, das Verfahren wegen Dopings gegen Dimitrij Ovtcharov einzustellen. Die Suspendierung des für den russischen Verein Gazprom Orenburg aktiven Nationalspielers wird mit sofortiger Wirkung aufgehoben.

Nach eingehender Prüfung der Sachlage sowie der Befragung und Einschätzung von Experten wie Prof. Wilhelm Schänzer, Leiter des Biochemischen Instituts an der Sporthochschule Köln, sowie Dr. Detlef Thieme, Direktor des Instituts für Dopinganalytik und Sportbiochemie in Kreischa/Dresden, ist das DTTB-Präsidium zu dem Schluss gekommen, dass im Fall von Ovtcharov kein schuldhafter Verstoß im Sinne von Artikel 2.1 in Verbindung mit Artikel 12.1 sowie Artikel 10 der Anti-Doping-Ordnung vorliegt.

Tatbestand

In der Urinprobe Dimitrij Ovtcharovs im Rahmen einer Trainingskontrolle am Tag nach seiner Rückkehr (23. August) von einem Pro-Tour-Turnier in China wurde Clenbuterol mit einem Wert von 75 pg/ml* nachgewiesen. Dieser Wirkstoff ist Bestandteil der Verbotsliste 2010 und als S 1 "anabole Substanzen" klassifiziert. Damit wurde der Dopingtest als positiv seitens des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln gewertet.

Neue Fakten

Bei vier weiteren Athleten des DTTB, die ebenfalls an den China Open teilgenommen hatten, wurden am 24. August, einen Tag nach der Ovtcharov-Kontrolle, ebenfalls unangekündigte Trainingskontrollen durchgeführt. Die Ergebnisse waren allesamt negativ.

Im Auftrag der NADA, mit Befürwortung des DTTB und zur Glaubwürdigkeitsüberprüfung des von Ovtcharov angeführten Kontaminierungverdachts wurden die genannten Proben nach Bekanntwerden des positiven Befundes bei Dimitrij Ovtcharov im Rahmen von Nachkontrollen mit einer deutlich empfindlicheren und in der Praxis normalerweise nicht angewandten Messmethode auf Clenbuterol überprüft. Die Nachprüfung im Nano-Bereich sollte Aufschluss darüber geben, ob das Phänomen Clenbuterol etwa auch bei anderen Startern der China Open in Spuren aufgefunden werden konnte, Bei dieser Analyse zeigten sich dann tatsächlich diese Spuren von Clenbuterol in einem normalerweise nicht mehr gemessenen, extrem niedrigen Konzentrationsbereich (2,5 pg/ml*, 5 pg/ml, 7,1 pg/ml und 10 pg/ml).

Die vier Proben erfüllen nicht die diesbezüglichen Kriterien des sogenannten "Adverse Analytical Finding", fallen also wegen ihrer minimalen Befunde nicht in den Bereich eines Doping-Verdachts. Die NADA bestätigte dies in ihrem Schreiben an den DTTB vom 27. September.

Eine von Prof. Dr. Schänzer angeratene und vom Athleten gleichzeitig freiwillig angebotene Haarprobe Dimitrij Ovtcharovs ergab sodann nicht die geringsten Hinweise auf Clenbuterol oder seinen Missbrauch. Clenbuterol hätte im Haar nachgewiesen werden können, wenn es in hoher Dosierung oder längerfristig genutzt worden wäre.

Nach den Feststellungen sowohl von Herrn Prof. Schänzer als auch Herrn Dr. Thieme steht fest, dass Clenbuterol lediglich in einer ganz geringen Menge im Urin nachgewiesen und der Zeitraum für die Aufnahme von Clenbuterol in einem sehr engen Bereich zwischen maximal fünf bis sechs Tagen gelegen haben muss. Dies bedeutet, dass die Aufnahme des Wirkstoffs - wie bei den anderen vier Athleten auch - im zeitlichen Zusammenhang mit dem Wettkampf in China erfolgt sein muss. Prof. Wilhelm Schänzer hat zudem bestätigt, dass Clenbuterol, um eine Doping-Wirkung zu erzielen, mehrfach und über einen längeren Zeitraum eingenommen werden muss.

Die Begründung der Beschlussfassung

Aufgrund der Feststellungen in den analysierten Proben aller Athleten sowie der Ausführungen Schänzers und Thiemes steht nach Überzeugung des Präsidiums mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fest, dass Dimitrij Ovtcharov den Wirkstoff Clenbuterol während seines Aufenthalts in China oder auch auf der Flugreise nach China oder von China zurück einmalig unverschuldet aufgenommen hat. Der 22-jährige Hamelner befand sich vom 16. bis einschließlich 22. August bei den China Open.Verschiedene Dokumente und Artikel chinesischer Medien belegen, dass es in China bekanntermassen zahlreiche Fälle von Clenbuterol-verseuchtem Fleisch und der Aufnahme von Clenbuterol beim Menschen durch die Nahrung gibt.

Wörtlich heißt es in der zusammenfassenden Bewertung von Herrn Prof. Schänzer vom 13. Oktober:

(…) "Damit kann von einer niedrigen Dosierung unterhalb der therapeutischen Menge von 20 µg* ausgegangen werden, die in den letzten Tagen vor der Kontrolle erfolgt sein muss. Eine Doping-relevante Anwendung von Clenbuterol ist deshalb höchst unwahrscheinlich, da Clenbuterol zu Dopingzwecken (Muskelaufbau und Fettabbau) in wiederholter Gabe und in Dosierungen von 20 µg und höher in der Phase außerhalb des Wettkampfes angewendet wird." (…)

Festgestellt wurde am Rande auch, dass nach medizinischen Erkenntnissen in der Fachliteratur und den Warnungen von Herstellern vor allem die erstmalige Anwendung von Clenbuterol, das als Dopingmittelwährend der Trainings- bzw. Aufbauphasen bisher vor allem zum Fettabbau und Muskelaufbau in Kraftsportarten missbraucht wurde, als häufigste Nebenwirkungen Tremor/Zittern, Schwindel, Kopfschmerzen und Übelkeit hervorruft und damit in einer Sportart wie Tischtennis besonders kontraproduktiv wäre. Bei einem Tischtennisspieler der Weltklasse spielt die Frage von Muskelaufbau zudemeine untergeordnete Rolle, und das Gewicht das Sportlers Ovtcharov bewegt sich nachweislich seit vielen Jahren um 78 Kilogramm, hätte also einer künstlichen Korrektur nicht bedurft.

Nach dieser Einschätzung musste das DTTB-Präsidium also die Aufnahme einer sogenannten "therapeutischen Menge", also einer „Doping-relevanten“ Zuführung von Clenbuterol, ausschließen.

Im Nachgang zur Anhörung vom 11. Oktober erfolgte seitens Prof. Schänzer im Einvernehmen mit Herrn Dr. Thieme am 13. Oktober eine zusammenfassende Bewertung der vorliegenden Analyseergebnisse. Darin heisst es unter anderem:

 

"Aufgrund der Tatsache, dass in den letzten Jahren zahlreiche Berichte über den illegalen Einsatz von Clenbuterol in der Tiermast in China bekannt und problematisiert wurden, ist die Annahme, dass bei allen Athleten eine Aufnahme von Clenbuterol in niedriger Menge über kontaminierte Nahrungsmittel erfolgte, die aus meiner Sicht wahrscheinlichste Befunderklärung."

Im Rahmen des Ergebnismanagements wurden umfangreiche Ermittlungen nicht nur vom DTTB, sondern auch von der Nationalen Anti Doping Agentur getätigt. Die komplette Aufklärungsarbeit wurde seitens des DTTB im Einverständnis mit der NADA und allen weiteren Beteiligten im Stadium des Ergebnismanagements geleistet. Da der objektive Verstoß - Auffinden einer verbotenen Substanz im Körper des Athleten (gemäß Artikel 2.1 ADO) - unstreitig war, hat das DTTB-Präsidium die Frage eines etwaigen Verschuldens zu bewerten. Diese Frage war auch der eigentliche Gegenstand der Anhörung am vergangenen Montag sowie der weiteren Ausführungen von Prof. Schänzer sowie des Instituts für Dopinganalytik und Sportbiochemie in Dresden, welches die Haarprobe des Athleten untersucht hatte.

Der Athlet hat nach diesen Feststellungen Clenbuterol unwissentlich aufgenommen. Die wahrscheinlichste Befunderklärung bei der Aufnahme von Clenbuterol in niedriger Menge ist die Aufnahme über kontaminierte Nahrungsmittel während des Aufenthaltes in China oder auf der damit verbundenen Reise im Zeitraum vom 16. bis einschließlich 22. August. Damit kann aus Sicht des Deutschen Tischtennis-Bundes ein Verschulden des Athleten im Sinne der ADO, insbesondere Artikel 10 ADO, ausgeschlossen werden.

In Anbetracht der vorliegenden Analysen und Bewertungen von neutraler und berufener Stelle, hat das Präsidium des DTTB sein Verfahrensrecht wahrgenommen, die Suspendierung des Athleten aufzuheben und damit eine weitere Gefährdung von Karriere und wirtschaftlicher Existenz des Sportlers zu beenden.

Zitate

Thomas Weikert, Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes

"Wir haben diesen Fall mit kühler Überlegung analysiert und von neutralen, wissenschaftlichen Instanzen analysieren lassen. Unsere Entscheidung haben wir auf Grundlage von Verantwortung sowie nach bestem Wissen und Gewissen getroffen."

Hans Wilhelm Gäb, Ehrenpräsident des Deutschen Tischtennis-Bundes

„Als Chef der Stiftung Deutsche Sporthilfe habe ich zur Einführung des Sporthilfe-Eids gegen Doping beigetragen und meine persönliche Position zu jeder Art von Betrug im Sport deutlich gemacht. Zum Kampf gegen Doping gehören im Einzelfall aber auch die Ermittlung von Fakten und die Verantwortung gegenüber dem Schicksal von Sportlern. Eine Verurteilung von Dimitrij Ovtcharov sähe ich angesichts der Indizienlage und der Expertenanalysen als großes Unrecht.“

*Maßeinheiten / Umrechnungstabelle

1 Gramm = 1000 Milligramm (mg)

1 Gramm = 1.000.000 Mikrogramm (µg)

1 Gramm = 1.000.000.000 Nanogramm (ng)

1 Gramm = 1.000.000.000.000 Pikogramm (pg)

g = Gramm

mg = Milligramm = 0,001 Gramm

µg = Mikrogramm = 0,001 Milligramm

ng = Nanogramm = 0,001 Mikrogramm

pg = Pikogramm = 0,001 Nanogramm

 

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