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Immer guter Laune, und wenn er gebraucht wird, legt Oberschiedsrichter Sven Weiland auch beim Tischaufbau selbst Hand an (Foto: MS)
Der oberste Regelhüter der EM erlebte in Malmö Schlägerrätsel, Wikingerrufe und unvergessliche Familien-Momente

EM-Referee Sven Weiland: "Eine Ehre, dieses Prestigeturnier zu leiten"

Finley Heinze 30.09.2023

Malmö. Die Europameisterschaften in Malmö waren ein Höhepunkt für Fans und Spieler, den Gastgeber Schweden mit dem Titelgewinn bei den Herren krönte, während Tischtennis-Deutschland die Goldmedaille der Damen und die Silbermedaille der Männer feierte. Auch für Sven Weiland aus Uhingen in Baden-Württemberg, der erstmals als Referee, als verantwortlicher Oberschiedsrichter, bei Europameisterschaften fungierte, waren die Titelkämpfe in Südschweden eine in jeder Hinsicht gelungene Großveranstaltung. 

EM der kurzen Wege in familiärer Atmosphäre

Das Abenteuer EM begann für das deutsche Schiedsrichterteam, zu dem neben Weiland auch dessen Kollegin Anja Gersdorf (Düsseldorf) zählte, am Kopenhagener Flughafen, von dem es mit dem Zug in 12 Minuten über die Öresundbrücke, die weltweit längste Schrägseilbrücke für kombinierten Straßen- und Eisenbahnverkehr, bis direkt vor die Malmö Arena weiterging. Die Anreise verlief reibungslos, und die Nähe von Hotel und Veranstaltungshalle erleichterte die Organisation erheblich, wie Weiland betont: „Da wir alles zu Fuß erreichen konnten, waren wir unabhängig von Transportmitteln und hatten gleichzeitig die Möglichkeit, die Stadt zu erkunden.“ Der 47-Jährige stand an der Spitze einer insgesamt 19-köpfigen Gemeinschaft von Unparteiischen: "Unser Kollektiv bestand aus drei Oberschiedsrichtern und 16 Schiedsrichtern aus insgesamt 13 verschiedenen Nationen, was die Vielfalt dieses Sports eindrucksvoll widerspiegelt. Wir sind wie eine große, international verflochtene Familie und die Vorfreude auf das Wiedersehen der Kolleginnen und Kollegen gehört ebenso dazu, wie die Spiele selbst." 
 
Schläger-Rätsel am spielfreien Tag

Am spielfreien Tag des Turniers ereignete sich eine für Weiland allerdings überraschende Situation, von der er schmunzelnd berichtet: "Ich erhielt im Hotel eine WhatsApp-Nachricht von einer Spielerin. Sie schickte mir ein Bild ihres Schlägers, genauer gesagt, des Belags und fragte, ob der Schläger mit seiner Beschädigung am Belag noch zulässig wäre und ob sie damit am nächsten Tag spielen könne. Da diese Entscheidung nur vor Ort endgültig getroffen werden darf, musste sich die Spielerin allerdings bis zum nächsten Tag noch ein wenig gedulden.“ Am Ende ging die Geschichte gut aus. Weiland berichtet: "Der Riss im Belag war zwar sichtbar, aber klein und nicht tief genug, um gegen die Richtlinien zu verstoßen. Alles war regelkonform, die Spielerin konnte beruhigt weiter am Turnier teilnehmen". 

Weltklasse-Tischtennis vor der "gula väggen", der gelben Wand

Über den Austragungsort freuten sich besonders die Skandinavier, für die das Event das Highlight des Jahres war. Die leidenschaftliche Stimmung ließ auch Sven Weiland nicht unbeeindruckt, der hauptberuflich als Diplom-Finanzwirt arbeitet: "Die schwedischen Fans haben eine Atmosphäre geschaffen, die nicht nur enthusiastisch, sondern auch fair war". Die berühmten Wikingerrufe der schwedischen Anhänger erinnerten ihn an die legendäre "gelbe Wand" beim Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund, was die Stimmung in der Halle umso beeindruckender machte. Eine weiere Gemeinsamkeit mit der Borussia. Auch in Schweden sprechen die Fans der Nationalmannschaften, gut lesbar in der ganzen Halle, seit geraumer Zeit auf Plakaten und Flaggen von der gelben Wand, der „gula väggen“. Weilands Eindrücke waren überaus positiv. „Trotz der guten Laune wurden gegnerische Spieler nicht beeinträchtigt, was auch nicht immer selbstverständlich ist“, so der Leiter des DTTB-Schiedsrichter-Ressorts. 

Faire EM, doch ein Bildschirmtritt hat Konsequenzen

Inmitten der auf den Rängen und an den Tischen herrschenden Fairness kam es dennoch zu einem unschönen Zwischenfall, der die Aufmerksamkeit aller Zuschauer – vor Ort und im Livestream - auf sich zog. Der dänische Weltklassespieler Anders Lind verschaffte nach seiner Niederlage gegen den Portugiesen Marcos Freitas seinem Ärger durch einen Tritt gegen die am Schiedsrichtertisch installierte LED-Ergebnisanzeige Luft. Oberschiedsrichter Sven Weiland sah den Vorfall zunächst nur aus der Distanz: "Von meinem Platz aus bekam ich nur mit, dass die Schiedsrichterin am Tisch dem Spieler eine gelbe Karte zeigte. Mir fiel jedoch auf, dass der Ergebnisscreen kein Bild und Ergebnis mehr anzeigte." 

Die Situation in dieser Viertelfinalpartie war brisant, da der von mehr als 200 dänischen Anhängern in der Halle unterstützte Lind seine Tätlichkeit gegen das technische Gerät zunächst bestritt. Infolgedessen entschied das dreiköpfige Oberschiedsrichterteam, sich die Szene noch einmal genauer anzuschauen. Für Weiland und Co. war eine spontane Videoanalyse die beste Option, um sich Klarheit zu verschaffen und die Situation zu klären. "Wir haben den aufgezeichneten Internet-Livestream genutzt, um den Vorfall erneut zu prüfen", erklärt Weiland. Das Ergebnis der improvisierten Überprüfung war eindeutig und ließ den Schiedsrichtern keine Wahl, Anders Lind wurde disqualifiziert. Nochmals Weiland: „Der Spieler hatte sicherlich keine böse Absicht, und wir Referees disqualifizieren Sportler nur ungern - aber in diesem Fall hatten wir keine andere Option.“  

"Eine Ehre, dieses Prestigeturnier zu leiten"

Für Dänemarks Herren-Team hatte die Sachbeschädigung prekäre Folgen: Der disqualifizierte Anders Lind verlor sein zweites Einzel kampflos, Portugal zog in die Medaillenränge ein. Konsequenz Nummer zwei kostet die Beteiligten Geld, berichtet Weiland: "Der zerstörte Screen ist Eigentum des schwedischen Tischtennisverbandes. Die Kosten dafür müssen entweder von Lind selbst oder vom dänischen Tischtennisverband getragen werden." 

Für Sven Weiland waren die Europameisterschaften unabhängig von diesem einzelnen Zwischenfall dennoch in jeder Hinsicht ein sportlicher Höhepunkt voller Weltklassetischtennis und Fairness, der Spieler, Trainer, Offizielle, Fans und Schiedsrichter gleichermaßen begeisterte. Der stets gut gelaunte Schwabe, der selbst Hand mit anlegte, als eine Stunde vor dem Damen-Finale zwischen Deutschland und Rumänien kurzfristig wegen einer Oberflächenbeschädigung noch einmal der komplette Tisch ausgetauscht werden musste, blickt in jeder Hinsicht positiv auf das Turnier im Süden Schwedens zurück: „Das war in allen Bereichen eine super Tischtennis-Veranstaltung. Für mich war es eine Ehre, dieses Prestigeturnier zu leiten.“ 

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