Will hoch hinaus: Yannik Rüddenklau (Foto: Hannes Doesseler)
Yannik Rüddenklau nimmt die Paralympics in Tokio 2021 und Paris 2024 ins Visier

„Ich habe halt ein Bein, das man abnehmen kann"

DBS 22.05.2020

Westuffeln. In Corona-Zeiten greift Yannik Rüddenklau auch mal zur Bratpfanne statt zum Tischtennisschläger und spielt auf dem Wohnzimmertisch über ein aus Konservendosen aufgebautes Netz. Ein Video zum Schmunzeln des 23-jährigen, der im „Homeoffice“ im hessischen Westuffeln in der Nähe von Kassel nicht etwa neue Methoden präsentierte, um an der Technik zu feilen. „Ins Training werde ich das besser nicht einbauen, sonst gibt’s angesichts der Haltung Ärger mit der Physiotherpeutin“, sagt Rüddenklau lachend.

Zum Lachen war ihm in den vergangenen Wochen nicht immer zumute. Eigentlich wollte er gerade beim Qualifikationsturnier in Slowenien um ein Ticket für die Paralympics kämpfen. Darauf war die gesamte Planung ausgerichtet. Doch Corona machte einen Strich durch die Rechnung. Turnier abgesagt, Paralympics verlegt – Yannik Rüddenklau muss neu organisieren und hoffen, dass 2021 ein Qualifikationsturnier stattfinden kann. Für ihn ist es der letzte Strohhalm, um den Traum von den Paralympics im kommenden Jahr verwirklichen zu können. „Ich muss abwarten, wie, wann und ob es weitergeht. Alle Entscheidungen sind erst einmal vertagt und viele Variablen offen.“ Die Chancen für eine Teilnahme 2021? „Sehr schwer zu sagen. Ich werde jedenfalls alles geben, um meine Chance aufrechtzuerhalten“, betont Rüddenklau.

Achtungserfolg bei der WM 2018: An der Weltspitze geschnuppert

Bei der Weltmeisterschaft 2018 setzte der Spieler der TTG Büßfeld ein Ausrufezeichen, schaffte den Einzug ins Viertelfinale und schnupperte sogar zwischenzeitlich an einer Medaille. Doch nach fünf Sätzen musste er sich der damaligen Nummer zwei der Welt geschlagen geben. „Natürlich war ich ein bisschen enttäuscht, dass ich das Halbfinale so knapp verpasst habe. Andererseits hat es mich auch sehr motiviert. Denn ich habe bei der WM erlebt, was möglich sein kann, wenn ich spielerisch und mental mein bestes Tischtennis zeige.“ Yannik Rüddenklau hat Blut geleckt. Und er weiß: „Ich bin noch nicht am Höhepunkt meines Leistungsvermögens angkeommen. Allerdings ist es kein Selbstläufer, Körper und Kopf müssen unbedingt mitspielen.“

Dabei machte ihm der Körper in den vergangenen Jahren immer mal wieder einen Strich durch die Rechnung. Mehrere Verletzungen warfen ihn zurück. Darüber hinaus musste er seine Prothese wechseln. „Früher habe ich mit einer Alltagsprothese gespielt, dann wurde allerdings eine Umstellung notwendig, früher als geplant. Seitdem habe ich eine zusätzliche Prothese nur für Tischtennis – damit waren aber die Muskeln erstmal überfordert und der Stumpf hat Probleme gemacht“, erklärt Rüddenklau und fügt an: „Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich mich richtig daran gewöhnt habe. Das war eine lange, harte Zeit mit vielen Besuchen beim Arzt und der Physiotherapeutin.“

Linker Unterschenkel musste sehr früh amputiert werden

Ein Leben ohne Prothese kennt Yannik Rüddenklau nicht. Aufgrund einer Krebserkrankung musste ihm mit anderthalb Jahren der linke Unterschenkel amputiert werden. „Ich bin mit Prothese aufgewachsen und kenne es nicht anders. Es war von Anfang an normal für mich. Für mein Umfeld war die Diagnose damals bestimmt ein Schock, ich habe allerdings keine Erinnerungen daran und weiß es nur aus Erzählungen.“ Mit vier Jahren kickte der kleine Yannik im Fußballverein, schon im Kindergartenalter sei die Prothese selbstverständlich gewesen und daran hätte sich bis heute nichts geändert. „Ich habe halt ein Bein, das man abnehmen kann. Das eine Bein funktioniert eben besser als das andere, aber ich spiele ja auch mit der rechten Hand besser Tischtennis als mit links. Ich habe nicht das Gefühl, behindert zu sein.“ Starke Worte eines starken Typen, der als Kind und Jugendlicher wie seine Altersgenossen ebenfalls alles ausprobierte – nur eben mit Prothese. „Auf Bäume klettern war nicht so meine Stärke, aber das ist ja halb so wild“, sagt Rüddenklau augenzwinkernd. Er sei dankbar dafür, dass der Krebs bis auf die Prothese keine weiteren Spuren hinterlassen hätte und er sein Leben so wie jetzt führen könne.

Zum Tischtennis kam Rüddenklau im Alter von neun Jahren. „2006 war das, durch die Mini-Meisterschaften in der Schule“, erinnert sich der Student der Wirtschaftswissenschaften. „Es lief direkt ganz gut und hat mir viel Spaß gemacht.“ Über die Organisatorin kam auch der Kontakt zum Behindertensport zustande. Anfangs war Rüddenklau parallel dazu weiter im Fußballverein aktiv, ehe dann die Entscheidung auf Tischtennis fiel. Heute spielt der 23-Jährige für den TTC Hofgeismar in der Hessenliga, der sechtshöchsten Spielklasse in Deutschland, auch gegen Gegner ohne Behinderung, hinzu kommen die Aktivitäten rund um die Para Tischtennis-Nationalmannschaft.

Seine bislang weiteste Reise führte ihn 2018 zu einem Turnier nach China und einem Trainingslager nach Tokio. „Von der Stadt habe ich leider fast gar nichts gesehen, nur den Flughafen und das Trainingszentrum. Vor der Stadtrundfahrt habe ich mich im Training am Knie verletzt und konnte nicht mit“, berichtet Rüddenklau, der Mitglied der Nachwuchseliteförderung von der Deutschen Sporthilfe und der DFL-Stiftung ist. So bleibt die Hoffnung auf eine erneute Reise in Japans Hauptstadt im kommenden Jahr. „Wenn ich von meinen Teamkollegen die Geschichten von den Spielen 2012 in London und 2016 in Rio höre, dann will ich das unbedingt auch erleben. Der Traum von den Paralympics besteht, seit ich mit dem Behindertensport in Berührung gekommen bin“, sagt Yannik Rüddenklau und ergänzt: „Sollte Tokio für mich zu früh kommen und die Qualifikation nicht klappen, werde ich wahrscheinlich trotzdem noch einmal angreifen. Ich bin ja noch jung.“

weitere Artikel aus der Rubrik
Para-TT 06.08.2020

Para-TT: Erster DBS-Lehrgang seit dem Lockdown

Eigentlich wären die Spieler*innen der Para-Tischtennis-Nationalmannschaft in diesen Tagen in den finalen Vorbereitungen auf die Paralympischen Spiele von Tokio. Doch um es mit Lothar Matthäus zu sagen: „Wäre, wäre, Fahrradkette.“ Stattdessen trafen sich die Paralympics- und Perspektivkader-Athleten am Sonntag in Düsseldorf zu ihrem ersten Lehrgang nach dem pandemiebedingten Lockdown.
weiterlesen...
Para-TT 14.04.2020

Deutschlands Paralympics-Asse: Von "schnell abgehakt" bis "tiefes Loch"

Viel wurde und wird über die Folgen der Olympia-Verschiebung diskutiert. Doch neben Timo Boll und Co. ist auch die Para-Nationalmannschaft betroffen. Einige Halbprofis, die sich komplett auf die Paralympics fokussiert hatten, müssen jetzt Job, Sponsoren und Training komplett neu gestalten.
weiterlesen...
Para-TT 08.04.2020

Warum die Corona-Krise Menschen mit Handicap gleich doppelt trifft

Die Corona-Krise inklusive der Ausgangsbeschränkungen betrifft die gesamte Gesellschaft und damit auch ganzheitlich den Tischtennissport. Fast alle müssen auf ihr geliebtes Hobby verzichten. Für die zahlreichen Behindertensportler in Tischtennis-Deutschland hat das noch weitere Konsequenzen. Denn: „Tischtennis ist dann nicht nur Hobby, sondern erfüllt auch einen gesundheitlichen Part.“
weiterlesen...
Para-TT 13.01.2020

Para-TT: Talentsuche in Coswig

Der TTV Radebeul und der Sächsische Behinderten- und Rehabilitationssportverband (SBV) laden am Sonntag, 9. Februar 2020, von 10.45 bis 16 Uhr gemeinsam zu einen Talent-Tag im Para-Tischtennis nach Coswig ein.
weiterlesen...
Para-TT 25.12.2019

Trainer im Para-Tischtennis: „Letztlich geht es um Tischtennis“

Inklusion im Sport: So gut funktioniert gemeinsames Training mit und ohne Handicap. Sonja Scholten hat den Trainern Melissa Dorfmann und Hannes Doesseler bei der Arbeit über die Schulter geguckt.
weiterlesen...
Para-TT 12.12.2019

ITTF Star Awards: Schmidberger ist „Para-Spieler des Jahres“

Der für Borussia Düsseldorf in der Rollstuhl-Bundesliga aktive Viechtacher gewann in diesem Jahr den Europameisterschaftstitel im Einzel und im Team sowie drei ITTF-Para-Turniere. Daneben führte die aktuelle Nummer zwei der Welt für mehrere Monate das internationale Ranking an.
weiterlesen...
© Deutscher Tischtennis-Bund e.V. - DTTB - Alle Rechte vorbehalten

Datenschutz | Impressum
made by 934tel Media Networx GmbH