Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf: Immer hoch motiviert und immer den Erfolg im Visier (Foto: Schillings)
Interview mit Jörg Roßkopf: Was der Herren-Bundestrainer vom Jahr 2018 erwartet

Jörg Roßkopf: "Was zählt, sind Titel"

MS 27.01.2018

Frankfurt. Das neue Kalenderjahr ist noch jung, und es begann mit den Weltranglistenpositionen 1 und 3 für Dimitrij Ovtcharov und Timo Boll spektakulär. Eine Konsequenz daraus: Gesteigerte Hoffnungen in den künftigen Duellen mit China und damit nicht zuletzt für die Team-Weltmeisterschaften Ende April in Schweden. Was Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf, der seine Schützlinge schon am 1. Januar zum Training antreten ließ, vom Jahr 2018 erwartet, erfahren Sie im Interview von tischtennis.de mit dem Rekordnationalspieler.

Herr Roßkopf,  in der Januar-Weltrangliste hat Deutschland die 81-monatige Alleinherrschaft Chinas beendet: Dimitrij Ovtcharov ist erstmals die Nummer 1, zudem ist Deutschland mit Boll auf 3, Filus auf 18, Walther auf 27 und Steger auf 31 so gut wie nie aufgestellt. Nicht weit dahinter sind Franziska auf 43 und Duda auf 46 als sechster und siebter deutscher Spieler ebenfalls in den Top 50 platziert. Besser hätte das Jahr für Sie eigentlich doch gar nicht beginnen können, oder?

"Das gefällt uns natürlich, aber bringt uns allein noch keine Medaillen. Das Selbstbewusstsein war und ist immer da, sonst ist es schwer als Leistungssportler zu bestehen. Aber die Erfolge des letzten Jahres, die sich in den Ranglistenpositionen ausdrücken, machen Hunger auf mehr. Daran wollen wir bei der WM in Schweden anknüpfen."

Die Erfolge von Ovtcharov und Boll im Herbst über Ma Long, Fan Zhendong, Lin Gaoyuan und Yan An geben Hoffnung, dass die Chinesen Europas bei den Team-Weltmeisterschaften den Titelverteidiger angreifen kann. Was müsste passieren, damit Deutschlands Traum vom WM-Titel in Halmstad Realität werden könnte?

"Zunächst einmal ist China immer noch der große Favorit auf den Titel. Wir Deutschen müssen bei der WM zuerst unsere Hausaufgaben machen und viele gute Nationen schlagen - zum Beispiel Japan, Südkorea, Portugal, Österreich und Schweden -, bevor wir uns auf China konzentrieren dürfen. Um aber auf die Frage zurückzukommen, was passieren müsste: Aktuell wären die Chancen gut, da Ma Long zuletzt verletzt und nicht in Topform war. Wenn aber China in guter Form ist und mit seinen großen Drei - Ma Long, Fan Zhendong und Xu Xin - spielen kann, dann werden sie sehr wahrscheinlich zu stark sein. Kommen die Spieler hinter den großen Drei zum Einsatz, wäre das eine Chance für uns.“

Die Stärke von Ovtcharov und Boll unserer Spieler, die Umstellung auf den neuen Ball, vielleicht auch die internen Umstrukturierungen im Trainerbereich sind Faktoren, die im Herbst zu einer Verunsicherung der Chinesen und nach 81 Monaten zur Veränderung an der Weltspitze geführt haben. Ist das temporär – oder gehört die jahrelange einseitige Vormachtstellung der Chinesen nun der Vergangenheit an?

„Ich denke, es wird sich wieder zurück zu den alten Kräfteverhältnissen regulieren. Aber es tut gerade ganz gut zu sehen, dass auch die Chinesen Probleme bekommen, wenn ihr System mal nicht wie gewohnt funktioniert. Uns sind diese Probleme wie zu viele Termine, Verletzungen, wenig Vorbereitungszeit bestens bekannt, aber für China war diese Anhäufung neu. Mit ziemlich großer Sicherheit passen sie nun ihr System wieder an, ziehen sich über zwei bis drei Monate in Lehrgänge zurück und kommen dann in alter Stärke wieder zurück.“

Dem wollen Sie naturgemäß mit ihren Spielern entgegenwirken. Zum Jahresbeginn hatten Sie zwei Lehrgänge mit dem Nationalkader, von denen der erste sogar schon am Neujahrstag mit einer Trainingseinheit begonnen hat. Letzte Woche folgte dann der World-Tour-Auftakt in Ungarn. Waren Sie zufrieden?

„Nach zwei Lehrgängen, bei den die Jungs hart gearbeitet haben, ist es immer schwierig, zu so einem frühen Zeitpunkt schon gut in Form zu sein. Aber sie haben das in Budapest schon sehr anständig gemacht. Der Einzug von Patrick Franziska in das Viertelfinale mit sehr starken Ergebnissen und die guten Leistungen der anderen Spieler stimmen mich zuversichtlich. Und Dima und Timo waren ja nicht am Start.“

Europameister Deutschland reist Ende Februar zum World Team Cup nach London. Wie wird Ihre Mannschaft genau aussehen, und ist das schon eine Standortbestimmung für die WM?

„Es ist ein prestigeträchtiges, tolles Turnier, bei dem wir gut spielen wollen. Zwei Monate vor der WM ist der World Team Cup aber natürlich keine Standortbestimmung, zumal ja auch das olympische System mit Doppel und nicht das WM-System gespielt wird. Wir werden mit unserer Nummer eins Dima Ovtcharov, Ruwen Filus, Patrick Franziska und Benedikt Duda nach England reisen. Timo Boll wird nicht spielen, das Turnier ist nicht Bestandteil seiner WM-Vorbereitung.“

Für Ovtcharov und Boll beginnt die Turniersaison 2018 nächstes Wochenende beim Europe Top 16. Erwarten Sie in Montreux die Fortsetzung der deutschen Endspiel-Serie der zweiten Jahreshälfte von 2017, wo Dima und Timo sich in vier Finals gegenüberstanden?

„Das erhoffe ich mir als Bundestrainer natürlich immer. Aber es wird 2018 nun für die beiden noch schwerer als zuvor: Denn alle wollen die Nummern 1 und 3 der Welt schlagen, und es geht ja die gesamte europäische Spitze an den Start. Aber die Jungs verfügen über ausreichend viel Erfahrung, um mit einer solchen Situation umzugehen. Beide sind Titelaspirant und wollen sich natürlich auch ihren Startplatz für den World Cup der Herren in Paris im Oktober sichern.“

Die German Open vom 20. bis 25. März in Bremen und vom 2. bis 4. März zuvor die Deutschen Meisterschaften in Berlin sind die letzten Heimturniere vor den Weltmeisterschaften. Spielen die Turniere in diesem Jahr für die WM-Nominierung eine Rolle?

„Es ist immer gut in Deutschland zu spielen, so dass die deutschen Fans die besten Spieler sehen können. Die Leistungen dort sind dabei weniger wichtig: Sorgen fange ich mir an zu machen, wenn es Mitte April ist und dann die Spieler schlecht drauf wären. Denn dann wird die Zeit bis zur WM doch schon etwas knapper.“

In den letzten Jahren gingen Sie sehr transparent mit ihren Nominierungskriterien um, die Spieler wussten genau, was Sache ist. Wie sehen 2018 Ihre Kriterien aus?

„Ein Punktesystem wie zuletzt gibt es diesmal nicht, dafür war die Zeit zu knapp. Nur Dima und Timo sind fix - dahinter haben viele Spieler eine Chance. Die Nominierung ist vollkommen offen, und aus unserem starken Kader hätten viele sie verdient. Fakt ist: Egal ob alt oder jung, es müssen die fünf besten Spieler in Schweden an den Start gehen. Leider müssen somit einige zuhause bleiben, so ist das Geschäft.“

Nach Modifizierungen beim Weltranglistensystem kommen nun bis zu acht Veranstaltungen pro Jahr in die Wertung. Wird sich das auf die Turnierteilnahmen der Spieler auswirken?

„Ja. Und es bedeutet noch mehr Stress für die Spieler und weniger Training. Für die jüngeren Spieler wird es zudem schwerer, da in der World Tour nur noch 6 Spieler pro Nation teilnehmen können. Starke Nationen sehe damit benachteiligt. Ein Beispiel: Ein Benedikt Duda als Nummer 46 der Welt hat keine Chance in Katar zu spielen, wenn die sechs vor ihm in der Weltrangliste vertretenen deutschen Spieler alle antreten. Das führt dazu, dass wir auch teilweise auf weniger wichtige Events der Challenge-Serie ausweichen müssen. Ich befürchte, das hat Auswirkungen auf den gesamten Terminkalender der deutschen Ligen und auf die Lehrgänge.“

Ihre Prognose: Welche Nation stellt am Ende des Jahres im Dezember den Weltranglisten-Ersten?

„China. Aber Ranglisten sind nicht das entscheidende Kriterium für das Jahr. Was am Ende zählt, sind Titel - und da wollen meine Jungs und ich das Maximum für Deutschland herausholen.“

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