Der König von Europa heißt Timo Boll (Foto: Schillings)
Der Rekord-Europameister besiegt Ovtcharov-Bezwinger Jonathan Groth in sechs sehenswerten Sätzen

Boll holt nächstes Gold für Deutschland bei European Games

SH / MS 26.06.2019

Minsk. Timo Boll hat sich auch den letzten großen europäischen Einzel-Titel geschnappt, der ihm noch fehlte. Im Finale der 2. European Games von Minsk besiegte der Rekord-Europameister und sechsfache Gewinner des kontinentalen Ranglistenturniers den Dänen Jonathan Groth in sechs Sätzen. Vor allem zu Beginn der Partie bekam Boll die aktuelle Topform des Doppel-Europameisters von 2016 zu spüren, der zuvor unter anderem Dimitrij Ovtcharov geschlagen hatte.

Groth hatte nach schnell gewonnenem ersten Satz in diesem Linkshänder-Duell eine 9:4-Führung in Durchgang zwei herausgespielt, die Boll in der Verlängerung noch in einen Sieg verwandeln konnte. Im Dritten wehrte der Deutsche zwei Satzbälle ab, bevor er den eigenen zweiten nutzte. In der Folge spielte Timo Boll mehr und mehr seine große Variabilität und enorme Ballsicherheit aus. Der lange sehr druckvoll agierende Groth gestaltete die Partie fast bis zum Schluss offen, beugte sich erst im sechsten Satz seinem Kontrahenten, den er dann deutlich verlor.

Boll: "Heute war es vor allem ein Sieg der mentalen Stärke"

Die große Variabilität, mit der Timo Boll zu Werke gehen musste, hatte zwei Gründe: Die enorme Stärke Groths und sein eigener, rechter Oberschenkel: dieser hatte beim Warmspielen zugemacht. Timo Boll sagte nach dem Titelgewinn: "Physisch hatte ich dadurch nicht die besten Voraussetzungen, konnte nicht voll belasten und keine so weiten Wege gehen. Deshalb war es heute vor allem ein Sieg der mentalen Stärke." Boll erklärt: "Ich habe ganz viele Dinge probiert, die ich sonst nie mache, zum Beispiel einen Aufschlag, den ich fast nie spiele. Beim Rückschlag habe ich manchmal den Schläger gedreht, um mit dem anderen Belag zu spielen. Ich habe dauernd etwas versucht, um meinen Gegner zu verunsichern." Dies habe am Ende gut funktioniert, so Boll: "Jonathan hatte ja auch viel mehr Druck im Match. Er ist ein junger Spieler, der hier seinen ersten Titel gewinnen will, das ist immer schwer. Ich hatte das Olympiaticket in der Tasche und habe schon einige Finals mehr gespielt."

Jonathan Groth: "Es ist Timo Boll - so what"

Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf: ""Ganz wichtig war der Gewinn des zweiten Satzes. Bei einer 2:0-Führung wäre Groth, der bei diesem Turnier in Topform spielt, nur schwer zu stoppen gewesen", ergänzt Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf. Jonathan Groth erlebte die Wende im Spiel bei 9:4-Führung so: "Timo hat dann seinen Aufschlag geändert, damit bin ich überhaupt nicht zurecht gekommen. Ich hatte zwar meine Chancen, aber am Ende hat Timo sein Spiel total umgestellt. Gegen ihn zu führen, heißt gar nichts: Es ist Timo Boll - so what?"

Starker Groth, verkrampfter Oberschenkel

Allzu große Sorgen um seinen Oberschenkel mache er sich aber nicht, so Boll: "Als der Oberschenkel verkrampfte, sind natürlich direkt alle Alarmglocken angegangen. Man will nicht aufgeben, aber auch nichts für den wichtigen Teamwettbewerb riskieren. Ich musste dann zu Beginn des Matches erst herausfinden, zu wieviel Prozent ich belasten kann. Das ist für den eigenen Körper ein komisches Gefühl, aber auch für den Gegner, der das ja merkt. Aber es ging dann am Ende doch ganz gut. Jetzt muss unsere medizinische Abteilung in der Nacht ran. Die kriegen das schon bis zum Mannschaftswettbewerb morgen Nachmittag in den Griff." Boll hatte in der Nacht zuvor wenig Schlaf bekommen und war bereits müde in das Halbfinale gegen Tomislav Pucar gegangen: "Ich hatte wirklich kaum ein Auge zugemacht. Erst wurde irgendwo im Gebäude Tischfussball bis tief in die Nacht gespielt, und um 5.30 Uhr hat dann das Piepsen von Lieferwagen den letzten Schlaf geraubt." Physiotherapeut Peter Heckert: "Timo war fast ohne Schlaf und einfach müde, deshalb hat der Oberschenkel zugemacht."

Die Bronzemedaille sowie das dritte und letzte Olympia-Ticket nach Tokio 2020 sicherte sich Bolls Halbfinalgegner Tomislav Pucar. Der Kroate besiegte Kou Lei aus der Ukraine in fünf Sätzen.

Am Donnerstag beginnen die Team-Wettbewerbe

Die deutschen Tischtennis-Cracks steuern damit vor Beginn der Team-Wettbewerbe in Weißrusslands Hauptstadt zwei Goldmedaillen - Boll und das Mixed Patrick Franziska/Petrissa Solja - und einmal Silber - Han Ying - für die Gesamtmannschaft "Team Deutschland" bei, die inzwischen mit viermal Gold, einmal Silber und fünfmal Bronze auf Rang sieben der Nationalwertung steht.

Als topgesetztes Land in beiden Tischtennis-Mannschaftskonkurrenzen stehen die Nationalteams bereits im Viertelfinale der Europaspiele, die am Donnerstagnachmittag (Damen) bzw. -abend (Herren) ausgetragen werden. Die Mannschaft von Bundestrainerin Jie Schöpp mit Han Ying, Petrissa Solja, Nina Mittelham und Ersatzspielerin Shan Xiaona erwartet dort den Sieger der Partie Weißrussland gegen die Niederlande. Jörg Roßkopfs Trio mit Timo Boll, Dima Ovtcharov und Patrick Franziska, ergänzt von Ricardo Walther, trifft entweder auf Weißrussland oder Rumänien.

Mittwoch, 26. Juni

Herren-Einzel, Finale um 18 Uhr
Timo Boll - Jonathan Groth DEN 4:2 (-6,10,-12,9,6,4)

Spiel um Bronze
Tomislav Pucar CRO - Kou Lei UKR 4:1 (2,-9,9,7,2)

Halbfinale
Timo Boll - Tomislav Pucar CRO 4:1 (4,9,5,-10,4)
Jonathan Groth DEN - Kou Lei UKR 4:0 (11,5,5,10)

 

Damen-Einzel, Finale
Han Ying - Yu Fu POR 2:4 (-5,-8,9,9-6,-7)

Spiel um Bronze
Ni Xialian LUX - Yang Xiaoxin MON 4:2 (3,-3,-10,7,7,8)

Halbfinale
Han Ying - Yang Xiaoxin MON 4:3 (-7,9,8,10,-8,-9,9)
Ni Xialian LUX - Yu Fu POR 2:4 (-6,-5,5,6,-6,-8)

Links

Das deutsche Aufgebot

Herren
Timo Boll (Weltrangliste: 6, Borussia Düsseldorf)
Dimitrij Ovtcharov (Nr. 12, Fakel Gazprom Orenburg/Russland)
Patrick Franziska (Nr. 16, 1. FC Saarbrücken TT)
Ersatz für den Team-Wettbewerb: Ricardo Walther (Nr. 38, ASV Grünwettersbach)

Damen
Petrissa Solja (Weltrangliste: 26, TSV 1909 Langstadt)
Han Ying (Nr. 45, KTS Zamek Tarnobrzeg/Polen)
Nina Mittelham (Nr. 50, ttc berlin eastside)
Ersatz für den Team-Wettbewerb: Shan Xiaona (Nr. 165, ttc berlin eastside)

Trainer
Jörg Roßkopf (Herren-Bundestrainer)
Jie Schöpp (Damen-Bundestrainerin)
Lars Hielscher (Assistenztrainer)

Delegationsleiter
Richard Prause (Sportdirektor)

Medizinische Abteilung
Peter Heckert (Physiotherapeut, OSP Hessen)
Dr. Antonius Kass (Mannschaftsarzt)

Schiedsrichter
Christoph Geiger

 

Der Zeitplan

Freitag, 21. Juni
Auslosung
ab 10 Uhr (deutscher Zeit)
Samstag, 22. Juni
Damen- und Herren-Einzel, 1. und 2. Runde
ab 9 Uhr (ohne deutsche Beteiligung)

Sonntag, 23. Juni
Gemischtes Doppel, Achtelfinale
9 Uhr/9.45 Uhr (mit Patrick Franziska/Petrissa Solja)
Damen-Einzel, 3. Runde (beste 32)
12 / 13 / 14 / 15 Uhr (mit Petrissa Solja, Han Ying)
Herren-Einzel, 3. Runde (beste 32)
16 / 17 / 18 / 19 Uhr (mit Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov)

Montag, 24. Juni
Gemischtes Doppel, Viertelfinale
9 Uhr/9.45 Uhr
Damen-Einzel, Achtelfinale
12 / 13 / 14 / 15 Uhr
Herren-Einzel, Achtelfinale
16 / 17 / 18 / 19 Uhr

Dienstag, 25. Juni
Gemischtes Doppel, Halbfinale
9 Uhr/9.45 Uhr
Damen-Einzel, Viertelfinale
12 / 13 Uhr
Herren-Einzel, Viertelfinale
14 / 15 Uhr
Gemischtes Doppel, Spiel um Bronze
17 Uhr
Gemischtes Doppel, Finale
18 Uhr
Siegerehrung
anschließend, ca. 19 Uhr

Mittwoch, 26. Juni
Damen-Einzel, Halbfinale
9 / 10 Uhr
Herren-Einzel, Halbfinale
11 / 12 Uhr
Damen-Einzel, Spiel um Bronze
15 Uhr
Herren-Einzel, Spiel um Bronze
16 Uhr
Damen-Einzel, Finale
17 Uhr
Herren-Einzel, Finale
18 Uhr
Siegerehrung
anschließend, ca. 19 Uhr

Donnerstag, 27. Juni
Damen- / Herren-Mannschaft, Achtelfinale
9 / 12 Uhr (ohne deutsche Beteiligung)
Damen-Mannschaft, Viertelfinale
15 Uhr (mit Deutschland)
Herren-Mannschaft, Viertelfinale
18 Uhr (mit Deutschland)

Freitag. 28. Juni
Damen-Mannschaft, Halbfinale
9 / 12 Uhr
Herren-Mannschaft, Halbfinale
15 / 18 Uhr

Samstag, 29. Juni
Damen-Mannschaft, Spiel um Bronze
9 Uhr
Damen-Mannschaft, Finale
12 Uhr
Siegerehrung
anschließend, ca. 15 Uhr
Herren-Mannschaft, Spiel um Bronze
16 Uhr
Herren-Mannschaft, Finale
19 Uhr
Siegerehrung
anschließend, ca. 22 Uhr

 

Die Setzlisten

Herren-Einzel

1 Timo Boll (Deutschland), 2 Mattias Falck (Schweden), 3 Dimitrij Ovtcharov (Deutschland), 4 Liam Pitchford (England), 5 Vladimir Samsonov (Weißrussland), 6 Simon Gauzy (Frankreich), 7 Kristian Karlsson (Schweden), 8 Daniel Habesohn (Österreich), 9 Emmanuel Lebesson (Frankreich), 10 Jonathan Groth (Dänemark), 11 Marcos Freitas (Portugal), 12 Tomislav Pucar (Kroatien), 13 Tiago Apolonia (Portugal), 14 Cedric Nuytinck (Belgien), 15 Darko Jorgic (Slowenien), 16 Alvaro Robles Martinez (Spanien)

Damen-Einzel

1 Bernadette Szocs (Rumänien), 2 Sofia Polcanova (Österreich), 3 Matilda Ekholm (Schweden), 4 Petrissa Solja (Deutschland), 5 Elizabeta Samara (Rumänien), 6 Georgina Pota (Ungarn), 7 Li Jie (Niederlande), 8 Fu Yu (Portugal), 9 Britt Eerland (Niederlande), 10 Margaryta Pesotska (Ukraine), 11 Barbora Balazova (Slowakei), 12 Polina Mikhailova (Russland), 13 Han Ying (Deutschland), 14 Li Qian (Polen), 15 Ni Xia Lian (Luxemburg), 16 Hana Matelova (Tschechien)

Gemischtes Doppel

1 Lubomir Pistej/Barbora Balazova (Slowakei), 2 Stefan Fegerl/Sofia Polcanova (Österreich), 3 Patrick Franziska/Petrissa Solja (Deutschland), 4 Tristan Flore/Laura Gasnier (Frankreich), 5 Adam Szudi/Szandra Pergel (Ungarn), 6 Ovidiu Ionescu/Bernadette Szocs (Rumänien), 7 Alvaro Robles Martinez/Galia Dvorak (Spanien), 8 Laurens Tromer/Britt Eerland (Niederlande), 9 Aleksandr Shibaev/Polina Mikhailova (Russland), 10 Mattias Falck/Matilda Ekholm (Schweden), 11 Aleksandar Karakasevic/Izabel Lupulesku (Serbien), 12 Niagol Stoyanov/Giorgia Piccolin (Italien), 13 Cedric Nuytinck/Lisa Lung (Belgien), 13 Jakub Dyjas/Natalia Partyka (Polen), 15 Luka Mladenovic/Ni Xialian (Luxemburg), 16 Pavel Platonov/Nadezhda Bogdanova (Weißrussland)

Damen-Mannschaft

1 Deutschland, 2 Rumänien, 3 Ungarn, 4 Österreich, 5 Holland, 6 Ukraine, 7 Polen, 8 Spanien, 8 Luxemburg, 8 Russland, 11 Schweden, 12 Weißrussland

Herren-Mannschaft

1 Deutschland, 2 Schweden. 3 Österreich, 4 Großbritannien, 5 Frankreich, 6 Slowenien, 7 Kroatien, 8 Weißrussland, 9 Portugal, 10 Belgien, 11 Rumänien, 12 Dänemark

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