Cluj-Napoca. 36 Jahre nach dem Triumph von Steffen Fetzner und Jörg Roßkopf könnte Deutschland wieder einen Weltmeister-Titel im Doppel feiern. Im rumänischen Cluj-Napoca greift die 19-jährige Mia Griesel an der Seite ihrer walisischen Partnerin Anna Hursey nach Gold, steht am heutigen Samstag ab 18 Uhr gegen die topgesetzten Chinesinnen Zong Geman und Qin Yuxuan. Das Porträt einer Spielerin, die selten im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht, sportlich aber absolut dorthin gehört.
Mit dem Einser-Abi in der Tasche ab nach Düsseldorf und zur Bundeswehr
Wenn Mia Griesel über die Anlage des Deutschen Tischtennis-Zentrums läuft, wirkt sie eher wie jemand, der sich ruhig in eine Szene einfügt als eine, die sie anführt. Seit dem Herbst lebt sie in Düsseldorf, der sportlichen Heimat der deutschen Tischtennis-Nationalmannschaften.
Mit dem Einser-Abi in der Tasche kann sie sich jetzt voll auf die Profikarriere konzentrieren. Dabei hilft ihr auch die Sportfördergruppe der Bundeswehr, der sie sich in diesem Jahr angeschlossen und deren Grundausbildung sie erfolgreich absolviert hat. „Dort bekomme ich große Unterstützung. Das hilft mir enorm, weil ich so den Kopf für den Sport frei habe", erklärt die gebürtige Niedersächsin.
Ab der 8. Klasse Umzug ins Sportinternat Hannover
Schon früh war sie es gewohnt, selbstständig zu sein. Seit der 8. Klasse besuchte Griesel mit der Humboldtschule Hannover eine Eliteschule des Sports und lebte im Sportinternat am Bundesstützpunkt der niedersächsischen Landeshauptstadt, wo sie 2022 „Eliteschülerin des Jahres“ wurde. Mit dieser Auszeichnung würdigt das Land Niedersachsen jährlich junge Sporttalente, die Leistungssport und Schule erfolgreich meistern.
Ihr Vater Chris war kurz vor ihrem zehnten Geburtstag verstorben. So begleiteten Mutter Tanja und ihr älterer Bruder Mattis sie durch Schule, Training und Entscheidungen, waren auch aus der Ferne immer für sie da.
Spielerisch war die Umstellung von Hannover auf Düsseldorf in diesem Jahr groß. „Das Niveau ist in jeder Einheit hier enorm hoch“, beschreibt sie. Vielleicht fühlt es sich manchmal sogar erschreckend hoch an für eine, die lange die mit Abstand Beste in der Trainingsgruppe auf Landesverbandsebene war. Aber genau auf dieses hohe Niveau in Düsseldorf will sie dauerhaft kommen. „Schon in den ersten Wochen habe ich direkt gemerkt, wie schnell ich Fortschritte mache, wenn ich täglich mit Weltklassespielerinnen am Tisch stehe.“
Niederlagen sind ihre Motivation auf dem harten Weg in den Erwachsenenbereich
Niederlagen werfen die zweifache U21-Europameisterin im Doppel nicht aus der Bahn, sondern dienen ihr als Motivation weiterzuarbeiten. "Ohne Ehrgeiz geht es im Leistungssport nicht", weiß sie. "Man muss auf vieles verzichten, auf Feiern, Treffen, Freizeit." Um den harten Trainingsalltag durchzuhalten, helfe es ihr, klare Ziele vor Augen zu haben, hat sie dem ZDF erzählt. "Olympia wäre natürlich schon so ein Träumchen", verriet die 19-Jährige lachend. "Oder eine WM-Medaille – das wäre auch okay."
Griesel kann der Sprung vom Jugend- in den Erwachsenenbereich gelingen, aber, sagt DTTB-Sportvorstand Richard Prause, „dieser Sprung ist brutal schwierig“. In der U19-Weltrangliste ist Griesel auf Position 17 notiert. Bei den Damen ist sie die 205. „Es ist im Erwachsenenbereich am Anfang anders, da verliert man öfter", weiß sie. „Man fängt nicht bei null an, aber man muss schon damit rechnen, dass es ab und zu ein bisschen deprimierender wird.“
Sie ist Realistin und sagt das ohne Wehmut. Sie verlässt sich lieber auf Fakten, hatte schon in der Schule ein Faible für Mathematik und Naturwissenschaften, während ihr Gedichtsinterpretationen ein Gräuel waren.
Von jeder WM mindestens eine Medaille
Griesel, geboren 2006 in Bremervörde, ist eine der eher Leisen im deutschen Kader. Unauffällig im Auftreten vielleicht, aber nie im Ergebnis. Sie ist eine, die man von Medienseite womöglich unterschätzt, bis man begreift, wie radikal präzise ihr Spiel ist. Eine, die seltener laut jubelt, aber oft weit kommt. Und eine, die von internationalen Turnieren verlässlich Edelmetall mitbringt.
Seit 2019 nominiert das Bundestrainer-Team das aktuelle Mitglied des DTTB-Perspektivkaders regelmäßig für Jugend-Europameisterschaften. Bei ihrer Premiere der Jugend-Euros holte sie mit dem Jugend-15-Team auf Anhieb Bronze. Zwei Jahre später in Varazdin gewann sie mit Annett Kaufmann, Josephina Neumann und Faustyna Stefanska den U15-Titel.
Seit ihrer ersten Jugend-WM 2021 hat sie jedes Jahr mindestens eine Medaille gewonnen. Fünf Turniere, sechsmal Podest. Silber und Bronze im U15-Doppel bzw. -Mixed, Bronze in Doppel, Mixed und Einzel der Jugend 19 bis einschließlich 2024 – und nun steht sie mit der Waliserin Anna Hursey im Doppel-Finale der U19-WM 2025. Ob Gold oder Silber, Griesels WM-Serie wird auch in ihrem letzten Jugendjahr makellos bleiben.
Gastspiel in der Herren-Bezirksoberliga: eine wichtige Erfahrung
Bereits mit elf Jahren spielte sie in ihrem Heimatverein TSV Lunestedt in der Verbandsliga der Damen. Später trat Griesel sogar in der Herren-Bezirksoberliga an, als ihr Verein die Damen-Mannschaft kurzfristig zurückgezogen hatte. Eine 13-Jährige im oberen Paarkreuz der Männer: 15:7-Siege, viele hochgezogene Augenbrauen und die Erkenntnis, dass ihr Erfolg nicht nur ihrem Talent im Umgang mit dem Ball zu verdanken ist, sondern auch ihrer Durchsetzungsfähigkeit. „Im Nachhinein war das eine lustige Erfahrung“, erzählte Mia Griesel dem Fachmagazin „tischtennis“ 2023. „Da habe ich auch gelernt, mit irgendwelchen Sprüchen umzugehen.“ Sie wechselte zum MTV Tostedt, wo sie im September 2020 mit 14 Jahren ihr erstes Spiel in der 2. Bundesliga bestritt. Ihre vorerst letzte Vereinsstation: Deutschlands Topklub ttc berlin eastside, mit dem sie in diesem Jahr in ihrer ersten Saison im Oberhaus die Champions League gewann.
„Perfektionistisch, zielstrebig, fleißig“
Auf Instagram postet sie selten. Zwei Beiträge sind bislang auf ihrem öffentlichen Profil zu sehen, die Team-Europameister-Grafik und der Bademantel-Schnappschuss nach dem spontanen Sprung ins Mittelmeer zur Meisterfeier mit Mannschaft und Trainer-Team. Bevor sie etwas posten würde, denkt sie lieber einmal zu viel nach als einmal zu wenig. So wirkt sie im Alltag, so spielt sie auch: ruhig, kontrolliert, zweifelnd im produktiven Sinne. Nicht zögerlich spielen, aber trotzdem mit eingeschaltetem Kopf!
Sie sucht die Öffentlichkeit nicht. Mit 15 war sie in der RTL-Show "Gipfel der Quizgiganten" zu Gast. In einem rund zehnminütigen Spiel mussten ihre Gegner, die TV-Moderatoren Günther Jauch, Guido Cantz und Johannes B. Kerner, möglichst viele ihrer zehn Aufschläge auf den Tisch zurückbringen. Kerner war mit zwei erfolgreichen Rückschlägen der Beste. Mia Griesel hatte sich als eines von Deutschlands größten Nachwuchstalenten nicht um den Auftritt in der Show gerissen. Als sie gefragt wurde, ob sie dabei sein möchte, war ihre Antwort nicht ein freudenstrahlendes „Ja, natürlich“, sondern die Rückfrage, was denn mit Annett sei. Der drei Monate jüngeren Annett Kaufmann gehörte bereits damals die größere Aufmerksamkeit.
Beste Waffe: die variable Rückhand
Am Tisch ist ihre variable Rückhand Griesels beste Waffe. Auf der Vorhand spielt sie eine kurze Noppe, einen Belag, der ihr Tempo, Variation und eine gewisse Rotationsvielfalt verleiht. Auf der Rückhand vertraut sie klassischem Material. Ihr Stil ist kein Spektakel mit großer Gestik, dafür mit großer Ballsicherheit und enormer Spielübersicht. Ihre Stärken liegen im oft sehr hoch geworfenen Aufschlag, in der Rückhand-Eröffnung und im klugen Spielaufbau.
Trainer beschreiben sie als Perfektionistin, die Aufgaben erst dann abhakt, wenn sie zu 100 Prozent erledigt sind. Sie suche nicht die Entschuldigung für Defizite, sondern die Verbesserung für Künftiges. Und wenn sie ein Ziel erreicht, setzt sie sofort ein neues.
„Bodenständig und eher zurückhaltend“
Ihre Mutter Tanja, eine engagierte Lehrerin, beschreibt ihre Tochter als „bodenständig und eher zurückhaltend“. Ihre Familie trägt ihr Übriges dazu bei: Sie drängt die begabte Tochter, Schwester und Enkelin nicht, sondern trägt sie, wo es notwendig ist.
Nun steht Mia Griesel im WM-Finale der Jugend. Es wird als Altersgründen die letzte Nachwuchs-WM für die zuverlässige Medaillensammlerin sein. Danach wird vieles noch erwachsener. Düsseldorf, Bundesliga und Champions League im Titeljäger-Verein ttc berlin eastside, Nationalteam-Herausforderungen, voller WTT-Turnierkalender. Mia Griesel bringt alles mit: Technik, Talent, Realismus, Zielstrebigkeit. Und die Fähigkeit, sich selbst treu zu bleiben.
Als Leise im Kader wird sie noch oft überraschen. Und vielleicht ist sie genau deshalb eine, mit der das deutsche Tischtennis langfristig rechnen darf. Selbst wenn ihre Entwicklung im Erwachsenenbereich nicht die schnellste sein sollte: Sie dürfte zu den stabilsten gehören. Mia Griesel ist eine, die gekommen ist, um zu bleiben.
U19-WM, Mädchen-Doppel, Finale
18 Uhr: Mia Griesel/Anna Hursey GER/WAL - Zong Geman/Qin Yuxuan CHN
WM:
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DTTB Top 12: