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Nach 16 Jahren gewinnt DTTB-Auswahl erneut Olympia-Silber

18.08.2008

Peking. 16 Jahre nach dem Duo Jörg Roßkopf/Steffen Fetzner in Barcelona haben deutsche Tischtennisspieler bei Olympischen Spielen wieder für eine Silbermedaille gesorgt. In Peking wurde der Siegeszug von Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und Christian Süß (alle Borussia Düsseldorf) erst im Finale des neu eingeführten Mannschaftswettbewerbs von den favorisierten chinesischen Gastgebern gestoppt. Das Team von Bundestrainer Richard Prause musste sich mit 0:3 geschlagen geben. Die Bronzemedaille ging an Südkorea. Der WM-Zweite von Guangzou hatte sich am Vormittag deutscher Zeit gegen Österreich mit 3:1 durchgesetzt.

"Glückwunsch an China. Sie sind verdient Olympiasieger geworden", bilanzierte Dirk Schimmelpfennig, der Sportdirektor der Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB). "Wir haben unsere Chance gesucht, aber die Chinesen haben uns keine Chance gelassen. Mit Platz zwei haben wir das Maximum erreicht. Dennoch: Eine Niederlage im Finale ist nicht gerade schön, aber man muss realistisch sein. China ist im Moment als Mannschaft nicht zu schlagen."

Vor über 8000 Zuschauern im ausverkauften University Gymnasium, der Arena der Pekinger Universität, brachte der Weltranglisten-Erste, Wang Hao, sein Team gegen Dimitrij Ovtcharov schnell mit 1:0 in Führung. Die 19-jährige Nummer 14 der Weltrangliste wehrte sich vor allem im zweiten Durchgang nach Leibeskräften, war aber dem furios aufspielenden Olympia-Zweiten von Athen am Ende deutlich unterlegen in drei Sätzen unterlegen. Timo Boll unterlag im Anschluss dem dreifachen World-Cup-Sieger Ma Lin. Dabei hielt der Europameister die Partie offen, gewann den zweiten Satz und konnte auch in Durchgang vier nach Rückständen immer wieder verkürzen, zuletzt von 4:7 auf 7:7. Mit 11:7 sicherte sich Ma jedoch diesen Satz und damit den zweiten Punkt für China.

Boll und Ma Lin: zwei Großmeister im "Hochgeschwindigkeitsschach"

Im Anschluss konnten die WM-Zweiten von 2005, Timo Boll/Christian Süß, nach einem 1:5-Rückstand noch den ersten Satz gewinnen, danach schlugen Wang Liqin und Wang Hao jedoch zurück, gewannen mit 11:5, 11:8 und 11:7. Um 15.07 Uhr deutscher Zeit verwandelten Wang/Wang ihren zweiten Matchball.

"Tischtennis ist Hochgeschwindigkeitsschach. Mit Timo und Ma Lin haben wir zwei Großmeister gesehen", so Herren-Bundestrainer Richard Prause. "Ma Lin war heute einen Tick besser. Aber wenn es im Einzel zu dieser Partie kommen sollte, bin ich optimistisch, dass Timo dagegen halten kann. Für Dima war es ein schwieriges Spiel. Man muss bedenken, dass er mit erst 19 Jahren in diesem Olympiafinale stand. Er hat alles versucht. Für mich als Coach ist es zweifellos der Höhepunkt meiner Laufbahn, aber es gibt mit diesem Team mit Sicherheit noch viele Ziele. Unser Ziel war es in Peking, eine Medaille zu holen. Das haben wir geschafft. Den Olympiasieg Chinas müssen wir neidlos anerkennen."

Boll zu Silber: "Größter Triumph meiner Karriere"

Auch der Weltranglisten-Sechste gratulierte den Siegern. "Ich muss den Chinesen sehr großen Respekt zollen", sagte Timo Boll. "Ma Lin hat gegen mich heute ein exzellentes Spiel gemacht. Ich konnte zeigen, dass ich mithalten kann. Das gibt mir Auftrieb dafür, ihn im Viertelfinale herauszufordern, sollte es zu diesem Duell kommen. Die Chinesen haben heute ihre Topleistung abgerufen und unsere Hoffnung, dass sie vielleicht dem Druck nicht standhalten, hat sich nicht erfüllt. Die Silbermedaille ist der größte Triumph meiner Karriere. In einem Olympiafinale zu stehen, ist einfach unglaublich. Aber selbstverständlich hätten wir hier heute gerne gewonnen."

"Werbung für unseren Sport"

"Wir haben nicht Gold verloren, sondern die Silbermedaille gewonnen", kommentierte Thomas Weikert, der Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB). "Die Chinesen waren heute einfach besser, haben vor allem auf den ersten Ball eindeutig aggressiver agiert. Das wichtigste Spiel aus deutscher Sicht war der Sieg im Halbfinale gegen Japan. Das Medieninteresse war immens. Ich denke, dass das eine gute Werbung für unseren Sport war und wichtig für unsere künftige Förderung."

So sah es auch DTTB-Ehrenpräsident Hans Wilhelm Gäb: "Die Silbermedaille bedeutet, dass wir als einzige europäische Nation in die Phalanx der Asiaten einbrechen konnten. Wir haben mit unserer Sportart bei den Olympischen Spielen großen Respekt gewonnen. Wir erleben hier eine Beachtung, die wir selbst mit Europa- oder Weltmeisterschaften in diesem Ausmaß nicht finden können. Jeder schaut auf die deutschen Sportler. Und in dieser fünftgrößten Sportart der Welt haben sie gesehen, dass die Deutschen mithalten können."

"Eine hochdramatische Sportart"

Auch Heike Ahlert freute sich über die Begeisterung für das schnellste Rückschlagspiel der Welt in China: "Mit dem Gewinn einer Medaille hier in Peking haben wir gezeigt, dass der Aufwand, den wir all die Jahre betrieben haben und weiter betreiben werden, gerechtfertigt ist. Nur so haben wir eine Chance, näher an China heranzukommen", sagte sie. "Die Rückmeldungen, die wir hierhin nach China bekommen haben, sind durchweg positiv. Viele andere deutsche Sportler sowie Offizielle und Politiker haben registriert, was für eine hochdramatische Sportart Tischtennis ist."

Zuletzt hatte Jörg Roßkopf für deutsches Edelmetall bei Olympischen Spielen gesorgt. 1996 in Atlanta gewann der deutsche Rekordnationalspieler im Einzel Bronze. Auch wenn unmittelbar nach dem Spiel vielleicht eine kleine Enttäuschung zu spüren war: Die Freude über den Gewinn der Silbermedaille wird am Ende überwiegen und dem kompletten Team einen Schub für die Einzelwettbewerbe geben, die heute mit den ersten Vorrundenspielen ohne deutsche Beteiligung begonnen haben. Elke Schall (Busenbach) macht in der ersten Hauptrunde morgen Nachmittag den Auftakt gegen die Siegerin des Spiels zwischen Pan Li-Chun (Taiwan) und Hu Melek, der in China gebürtigen Türkin. Am Mittwoch folgen Wu Jiaduo (Kroppach) und Christian Süß mit ihren ersten Matches, bevor am Donnerstag Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov erstmals im Einzel in die Box steigen werden.

1000 Euro kostete ein Finalticket auf Pekinger Schwarzmarkt / Ungewohnte Tränen bei China

Die Resonanz vor diesem Finale in China, wo Tischtennis Volkssport ist, war immens. Die Schwarzmarktpreise für Eintrittskarten sollen Medienberichten zufolge bei 1000 Euro gelegen haben. Die Originalpreise waren fünf bis 75 Euro. Die Fans in der Halle ließen ihrer Begeisterung freien Lauf, sangen aus vollem Halse die Nationalhymne bei der Siegerehrung mit. Chinas Spieler bedankten sich auf dem Podium bei ihrem Trainer, hängten Liu Guoliang, dem zweifachen Olympiasieger von Atlanta, ihre drei Medaillen um den Hals.

Der deutsche Finalgegner hatte sich schon zuvor sehr emotional gezeigt: Nach der Umarmung mit Nationaltrainer Liu Guoliang direkt nach Spielende gab es sogar ungewohnte Tränen bei Ma Lin, Wang Liqin, Wang Hao und dem Coach. Eine große Last, der Druck des von einer ganzen Nation erwarteten Goldmedaille, war von ihnen abgefallen.

Der deutsche Rekordnationalspieler Jörg Roßkopf, lag mit seinem Tipp richtig: "Ich hatte im Vorfeld schon gesagt, dass ich sicher bin, dass es zu einem Finale zwischen China und Deutschland kommen wird. Es sind die beiden zurzeit einfach besten Nationen der Welt. Und als die Auslosung zeigte, dass wir Südkorea aus dem Weg gehen würden, war die Chance da", erklärte Roßkopf, der mit dem Team in Peking in ständigem Kontakt per Internettelefonie Skype steht. "Unsere Spieler waren vor diesem Finale sehr nervös. Ich hatte trotzdem gehofft, dass wir die Chinesen, die in ihrer Heimat unter einem enormen Druck stehen, stärker in Bedrängnis hätten bringen können. Das ist uns leider nicht gelungen." Die Freude der chinesischen Kontrahenten konnte der Doppel-Weltmeister von 1989 und zweifache Olympiamedaillengewinner gut nachvollziehen. "Liu hat schon in seiner aktiven Zeit immer große Emotionen gezeigt. Als Spieler hat er alles gewonnen. Jetzt musste er sich als Trainer beweisen ? trotz seiner bisherigen Erfolge mit seinen Spielern bei Weltmeisterschaften", weiß Roßkopf. "Intern hatte es Kritik gegeben, weil Ma Long als Weltranglisten-Dritter nicht im Aufgebot stand. Hätten diese drei Spieler hier im Finale verloren, hätten wir sie wohl nach Olympia international nicht wiedergesehen. Diesen Druck spürt bei den Olympischen Spielen im eigenen Land jeder chinesische Sportler stärker als die übrige Konkurrenz.?  

SH/MO/G.C.
Fotos: ITTF, Kazuyuki Takahashi und Zhao Weizhen

Herren-Mannschaft, Finale

Deutschland ? China 0:3
Dimitrij Ovtcharov ? Wang Hao 0:3 (-4,-8,-7)
Timo Boll ? Ma Lin 1:3 (-7,8,-4,-7)
Christian Süß/Boll - Wang Liqin/Wang Hao 1:3 (11,-5,-8,-7)

Spiel um Bronze

Südkorea - Österreich 3:1
Oh Sang Eun - Werner Schlager 3:1 (-10,5,8,5)
Ryu Seung Min - Robert Gardos 1:3 (-12,-8,11,-5)
Yoon Jae Young/Oh Sang Eun - Chen Weixing/Robert Gardos 3:0 (8,4,11)
Ryu Seung Min - Chen Weixing 3:0 (9,5,7)

Die Ansetzungen der Einzelwettbewerbe mit deutscher Beteiligung im Überblick

Dienstag, 19. August ? Damen-Einzel/2. Runde/15.00 Uhr
Elke Schall gegen Siegerin Pan Li-Chun (TPE)/Hu Melek (TUR)

Mittwoch, 20. August ? Herren-Einzel/2. Runde/08.00 Uhr
Christian Süß - ?

Mittwoch, 20. August ? Damen-Einzel/3. Runde/14.00 Uhr
Wu Jiaduo - ?

Donnerstag, 21. August ? Herren-Einzel/3. Runde/06.00 Uhr
Dimitrij Ovtcharov - ?

Donnerstag, 21. August ? Herren-Einzel/3. Runde/09.00 Uhr
Timo Boll - ?

Links

Mannschaftswettbewerbe

Halbfinale: Jia you! Der Traum geht weiter: DTTB-Herren stehen im Finale

3. Runde: DTTB-Herren ziehen ins Halbfinale ein, Damen steigern sich gegen Hongkong

2. Runde: Deutsche Herren auf Halbfinalkurs - Turnier-Aus für DTTB-Damen

1. Runde: DTTB-Teams mit gemischter Auftaktbilanz

Stimmen zur 1. Runde der deutschen Herren und Damen

Allgemeines

Zeitplan der olympischen Tischtenniswettbewerbe

Die Olympischen Spiele auf der ITTF-Website

TV-Termine

ARTE-Reihe ?Im Körper der Topathleten? mit Ex-Weltmeister Werner Schlager

Langzeitplaner: Olympische Tischtenniswettbewerbe im Fernsehen Stand: 31. Juli

Auslosungen

Auslosung der Mannschaftswettbewerbe: DTTB-Herren mit Singapur, -Damen mit Hongkong in einer Gruppe

Einzel-Auslosung: "Ein Traumlos sieht anders aus"

Die deutschen Olympia-Starter im Überblick

Damen-Einzel: Elke Schall (TV Busenbach), Wu Jiaduo (FSV Kroppach)
Damen-Mannschaft: Zhenqi Barthel (TuS Holsterhausen), Elke Schall,
Wu Jiaduo, Ersatz: Amelie Solja (TTSV Saarlouis-Fraulautern)

Herren-Einzel: Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov, Christian Süß (alle Borussia Düsseldorf)
Herren-Mannschaft: Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov, Christian Süß, Ersatz: Bastian Steger (TTC Müller Frickenhausen/Würzburg)

Betreuer: Dirk Schimmelpfennig (Sportdirektor), Richard Prause (Herren-Bundestrainer),
Jörg Bitzigeio (Damen-Bundestrainer), Liu Liping (DTTB-Honorartrainer, Anreise zu den Einzelwettbewerben), Martin Ulrich (Physiotherapeut, Olympiastützpunkt Hessen)

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