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Dima Ovtcharov (Foto: ITTF)
Dimitrij Ovtcharov war so nah dran an einem Sieg in seiner 19. Partie gegen Ma Long wie noch nie / Spiel um Bronze gegen Lin Yin Ju am Freitag

Ovtcharov unterliegt Ma Long in jetzt schon legendärem Halbfinale

SH 29.07.2021

Tokio. Er war so nah wie nie dran an einem Sieg in seiner 19. Partie gegen Ma Long, aber es hat nicht sollen sein. Dimitrij Ovtcharov hat die Sieben-Satz-Schlacht im Halbfinale der Olympischen Spiele von Tokio gegen den Chinesen verloren, auf den so viele Spitznamen passen: Ma Long, der „Außerirdische“, der „Diktator“, der „Drache“, „Käpt’n Long“. Nicht immer sagt die elektronische Matchstatistik so deutlich wie an diesem Donnerstag, wie knapp ein Spiel verlaufen ist: In sieben Sätzen hat der Olympiasieger und Weltmeister aus China nur einen einzigen Punkt mehr gemacht als Deutschlands World-Cup-Sieger von 2017 und Weltranglistenerster von 2018. Erzielte Punkte: Ovtcharov 68: Ma Long 69.

Nach einer Spielzeit von 81 Minuten – und das in einem Match zweier kompromissloser Angreifer – hatte Ma Long das bessere Ende für sich mit 13:11, 11:8, 9:11, 9:11, 11:7, 5:11 und 11:9. Wie gegen Hugo Calderano im Viertelfinale am Vortag war Dimitrij Ovtcharov mit 0:2 in Satzrückstand geraten. Dabei hätte er den ersten Durchgang nach starkem Auftakt und 8:4-Führung sowie Satzball bei 10:9 gewinnen können, wahrscheinlich sogar müssen. Wie gegen Calderano kämpfte sich Ovtcharov jedoch zurück – was nicht vielen gegen die Dominatoren der Sportart aus dem Reich der Mitte gelingt, die im Normalfall an ihren Nerven nur dann scheitern, wenn sie nicht die ersten Punkte, nicht die ersten Sätze gewinnen. Doch wie schon gegen den Brasilianer war Dimitrij Ovtcharov konzentriert, präsent, fokussiert nur auf den nächsten Punkt – nichts davor, nichts danach ist wichtiger als der Moment des nächsten Ballwechsels. „Es war schade, dass ich den ersten Satz nicht genommen habe. Ich habe nur von Punkt zu Punkt gedacht, nicht ans Gewinnen und nicht ans Verlieren. Mein Matchplan ist gut aufgegangen: Ich hatte den besten Spieler der Welt am Rande einer Niederlage."

Komplette Bandbreite des Weltklasse-Tischtennis

Ma Long und Dimitrij Ovtcharov zeigten die komplette Bandbreite des Weltklasse-Tischtennis. Mal Hochgeschwindigkeits-Tischtennis mit Topspin-Topspin-Duellen nah am Tisch. Ihre längste Rallye aus der Halbdistanz ging über sagenhafte 28 Schläge mit voller Power. Mal waren es taktische Finessen mit überraschenden Varianten als Rückschlägen oder Veränderungen am eigenen Aufschlag. „Ich denke, das ist eines der besten Spiele gewesen, das ich jemals gesehen habe. Von der Art, der Qualität und der Dramatik war das Tischtennis der nächsten Stufe", bewertete DTTB-Sportdirektor Richard Prause.

Der zehnfache Europameister gewann die Sätze drei und vier, doch der 32-jährige dreifache Einzel-Weltmeister blieb unbeeindruckt. Der Showdown kam im siebten Durchgang. Zuvor war in den Rückhand-Duellen, so es dazu kam, Ovtcharov im Vorteil durch seine Härte sowie dem klugen Wechsel von Tempo und Platzierung. Auf der Vorhand war Ma Long der Dominierende und genau diese, seine größte Waffe neben seinen Aufschlägen, setzte er im siebten Satz plötzlich noch häufiger ein und schaffte es mehrfach, die Rückhand zu umlaufen. „Es war ein Wahnsinnsspiel von Dima von Anfang an; bis zum Ende extrem spannend und hochklassig, was man selten sieht. Er war gut vorbereitet, das hat man gesehen. Und diese ganzen Möglichkeiten hat er im taktischen Bereich ausgespielt", so Bundestrainer Jörg Roßkopf.

"Leere und tiefer Schmerz" und ein Anruf nach Hause

Ovtcharov machte den „Big point“ des Matches, vielleicht sogar beim Ballwechsel des Turniers, zum 4:5. Doch wieder war der Chinese ungerührt, die nächsten Punkte bis zum 8:4 gingen an ihn. Ovtcharov änderte noch einmal seine Taktik, wechselte unter anderem zurück zu den Rückhand-Aufschlägen, die ihm zwischenzeitlich keinen Erfolg gebracht hatten und konnte sich damit Vorteile verschaffen. Die ersten beiden Matchbälle seines Kontrahenten beim Stand von 7:10 konnte er abwehren. Eine neuerliche Wende aber sollte ihm nicht gelingen. Nach dem 11:9 stand die chinesische Seite der Spielertribüne dann Kopf, allen voran der Olympiasieger, Weltmeister, langjährige General-Cheftrainer der Chinesen und jetzige Verbandspräsident Liu Guoliang. Bei Ovtcharov war die Enttäuschung entsprechend umso größer: "Das war sicher eines meiner besten Spiele, aber nach dem Matchball war mehr oder weniger nur noch Leere. Ich konnte es gar nicht fassen, dass das Spiel vorbei war. Ich habe danach direkt danach meine Frau und meinen Vater in Deutschland angerufen. Ohne meine Familie würde ich das gar nicht schaffen, und ich wollte ihre Stimme hören. Die Worte taten mir gut.“

Auch Hans Wilhelm Gäb, Ehrenpräsident des Deutschen Tischtennis-Bundes, stellte klar: "Jetzt ist Dima wirklich ein Weltstar!“ Und fügt mit einem Halbsatz hinzu, was das für das Herren-Nationalteam bedeuten könnte. „Wenn er in dieser Form die Mannschaftskämpfe bestreiten kann…"

Spiel um Bronze gegen Taiwans Lin Yun Ju am Freitag um 13 Uhr

Erst einmal geht es für Dimitrij Ovtcharov im Spiel um Bronze gegen Taiwans 19-jährigen „silent assassin“, wie englischsprachige Kommentatoren ihn nennen, Lin Yun Ju, der den Weltranglistenersten Fan Zhendong in einem ebenfalls epischen und sehenswerten, fast anderthalbstündigen Match an den Rand einer Niederlage brachte. Für Ovtcharov wäre es die zweite Bronzemedaille im Einzel nach London 2012. Lin, der World-Cup-Dritte von 2019, gibt im Tokyo Metropolitan Gymnasium sein Olympia-Debüt. "Wir werden ihm helfen und wieder aufbauen", versprach Jörg Roßkopf. "Es gibt nicht viele Spieler, die bei Olympia zwei Medaillen im Einzel gewonnen haben. Lin Yun Ju ist der Spieler, der sich hier in der besten Form befindet. Schwierig zu spielen für Dima, weil er ein Linkshänder mit extrem gutem Aufschlag-Rückschlag-Spiel ist. Gegen Chuang in London war es sicher einfacher“, blickt der Herren-Bundestrainer nach vorne. 

Im beiden Einzel-Endspiel kommt es zum Schaulaufen des Reichs der Mitte. Nach dem Ausrutscher im gemischten Doppel, wo die amtierenden Weltmeister Xu Xin und Liu Shiwen – die in Tokio nicht für den Einzelwettbewerb vorgesehen waren – Japans Traum-Duo Jun Mizutani/Mima Ito unterlagen, ist die erfolgreichste Tischtennis-Nation der Welt im Herren- und Damen-Einzel wieder in der Erfolgsspur. Am frühen Nachmittag deutscher Zeit fordert Han-Ying-Bezwingerin Sun Yingsha Nationalteamkollegin Chen Meng im Kampf um Gold heraus. Am Freitag um 14 Uhr MESZ dann stehen sich Ma Long und Fan Zhendong gegenüber.

Herren-Einzel, Halbfinale
Dimitrij Ovtcharov – Ma Long CHN 3:4 (-11,-8,9,9,-7,5,-9)
Fan Zhendong CHN – Lin Yun Ju TPE 4:3 (-6,9,12,-13,9,-9,7)

Spiel um Bronze am Freitag, 13 Uhr MESZ
Dimitrij Ovtcharov – Lin Yun Ju TPE

Finale am Freitag, 14 Uhr MESZ
Ma Long CHN - Fan Zhendong CHN

 

Damen-Einzel, Halbfinale am Donnerstag
Sun Yingsha CHN - Mima Ito JPN 4:0 (3,9,6,4)
Chen Meng CHN - Yu Mengyu SIN 4:0 (6,8,7,6)

Spiel um Bronze am Donnerstag, 13 Uhr MESZ
Mima Ito JPN - Yu Mengyu SIN

Spiel um Gold am Donnerstag, 14 Uhr MESZ
Sun Yingsha CHN - Chen Meng CHN

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Das deutsche Aufgebot bei den Tischtenniswettbewerbe in Tokio

Herren-Team: Dimitrij Ovtcharov (Fakel Gazprom Orenburg, Russland), Timo Boll (Borussia Düsseldorf), Patrick Franziska (1. FC Saarbrücken TT), Ergänzungsspieler: Benedikt Duda (TTC Schwalbe Bergneustadt)
Damen-Team: Petrissa Solja (TSV Langstadt), Han Ying (KTS Enea Siarka Tarnobrzeg, Polen), Shan Xiaona (ttc berlin eastside), Ergänzungsspielerin: Nina Mittelham (ttc berlin eastside)
Herren-Einzel: Dimitrij Ovtcharov, Timo Boll
Damen-Einzel: Petrissa Solja, Han Ying
Gemischtes Doppel: Patrick Franziska/Petrissa Solja
Teilmannschaftsleiter: Richard Prause (Sportdirektor)
Trainer-Team: Jörg Roßkopf (Bundestrainer Herren), Jie Schöpp (Bundestrainerin Damen), Lars Hielscher (Assistenztrainer)
Physiotherapeut: Peter Heckert (OSP Hessen)
Arzt: Dr. Antonius Kass (Düsseldorf)
Schiedsrichterin: Anja Gersdorf (Düsseldorf)
Öffentlichkeitsarbeit: Benedikt Probst (Frankfurt/Main)

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