Achtung, hier kommt eine Mittelham-Vorhand! (Foto: MS)
Zwischenstation Bremen: Die 22-jährige Nina Mittelham hat Tokio 2020 und die Top 20 im Visier / Ein Porträt

Über die German Open in Bremen nach Tokio

Susanne Heuing / Aus dem Programmheft für die German Open in Bremen 25.09.2019

Bremen/Düsseldorf. Wenn Nina Mittelham an ihre bisherigen Starts bei den German Open denkt, dann kommen vor allem Erinnerungen an das Jahr 2013 hoch. 16 Jahre alt war die Nationalspielerin, als sie in Berlin zum ersten Mal bei einem World-Tour-Turnier startete – und sich gleich ins Rampenlicht spielte. Mit Georgina Pota und Elizabeta Samara, damals Nummer 23 der Welt, schaltete das Talent zwei gestandene Spielerinnen aus und fand sich plötzlich als einzige gebürtige Europäerin im Achtelfinale wieder. „Das war schon etwas Besonderes“, erinnert sich Mittelham. „Beim ersten großen Turnier bei den Damen so abzuschneiden – das hat mir noch mal gezeigt, dass es richtig war, voll auf die Karte Tischtennis zu setzen.“

Die Zielsetzung ist sechs Jahre später in Bremen eine ähnliche, die Ausgangslage hat sich allerdings geändert. Denn jetzt wäre es keine Sensation mehr, wenn die Angriffsspielerin mit dem starken Vorhandspin in der 1. Hauptrunde oder dem Achtelfinale noch vertreten wäre. Die 22-Jährige kommt als amtierende Deutsche Meisterin im Einzel, Doppel und mit der Mannschaft an die Weser, im August enterte sie zudem erstmals die Top 40 der Weltrangliste. „Ins Hauptfeld zu kommen, ist mein Ziel“, sagt sie, ahnt aber: „Leicht wird das bei der Besetzung sicher nicht.“

„Ich war kurz davor, den Schläger an den Nagel zu hängen“ 

Ihrem Ziel, es einmal bis in die Weltspitze zu schaffen, hat die gebürtige Willicherin früh alles untergeordnet:?Im Alter von zwölf Jahren verließ die Gymnasiastin ihr Elternhaus und zog ins Internat des Deutschen Tischtennis-Zentrums nach Düsseldorf. Mittelham galt als Supertalent, all die Titel, die sie in ihrer Jugendzeit gewann (unter anderem Europameisterin im Schülerinnen- und im Mädchen-Einzel), weckten extrem hohe Erwartungen – die sie zunächst nicht erfüllen konnte. Drei Jahre lang wurde die Rheinländerin immer wieder von Verletzungen und Erkrankungen ausgebremst, konnte nur selten mal mehrere Monate am Stück beschwerdefrei trainieren. „Wenn der Körper nicht mitspielt, ist das frustrierend. Ich war wirklich sehr kurz davor, den Schläger an den Nagel zu hängen“, erzählt die Nationalspielerin, die unter anderem am Pfeifferschen Drüsenfieber litt und infolgedessen auch ihren Start an den Youth Olympic Games 2014 absagen musste.

Erschwerend kam hinzu, dass Mittelham sich mit dem Übergang aus dem Nachwuchs- in den Erwachsenenbereich schwertat, in vielerlei Hinsicht. „Bei den Frauen wird ganz anderes Tischtennis gespielt“, sagt sie. Das aber sei nicht das einzige Problem gewesen. Noch zu Internatszeiten wechselte sie in die Trainingsgruppe des Damen-Nationalteams in Düsseldorf, fand sich nur langsam in dem neuen Umfeld zurecht. Das Abitur 2016 bedeutete den nächsten Einschnitt. „Sich nach dem Abi nur auf Tischtennis zu konzentrieren und nebenher nichts anderes zu machen, war sehr ungewohnt, das ist mir nicht leichtgefallen.“

Schöpp: "Nina hat viel Zeit verloren. Aber die Top 20 sind ein realistisches Ziel"

Ein bisschen wirkten sich all diese Probleme auf ihre Einstellung im Training aus. „Eine Zeit lang hatte ich das Gefühl, dass Nina sich nicht mehr so für Tischtennis motivieren kann“, sagt Bundestrainerin Jie Schöpp. Sportlich ging es entsprechend nur in kleinen Schritten voran. 

Dennoch ließ die Bundestrainerin das Talent nicht fallen, wohlwissend, welch große Möglichkeiten ihr Schützling hat. „Nina hat viel Zeit verloren. Aber die Top 20 der Welt sind ein realistisches Ziel – wenn sie es schafft, im Training hart zu sich selbst zu sein“, sagt Schöpp. Allzu weit sind die Top 20 gar nicht mehr entfernt, im August erreichte Mittelham mit Platz 38 ein neues Karrierehoch in der Weltrangliste, sie selbst peilt nun erst mal einen Platz unter den besten 30 an. Seit gut zwei Jahren ist die junge Deutsche nun von größeren Verletzungen verschont geblieben, das hilft ihr auch mental. „Ich bin im Training jetzt deutlich konzentrierter“, sagt sie. Dass ihr das früher schwerfiel, verneint sie gar nicht und erklärt: „Ich bin einfach eher der Wettkampftyp. Mich im Training zu 100 Prozent zu konzentrieren, damit habe ich mich immer schon schwergetan.“

Mittelham kann im Konzert der Großen mitspielen

Mit ein bisschen Verspätung zeigt das Talent, dass es auch im Konzert der Großen mitspielen kann. In der Nationalmannschaft ist Mittelham inzwischen eine feste Größe, Schöpp schenkt ihr auch in den wichtigen Spielen das Vertrauen. Und Mittelham zahlt es zurück. Im Frühsommer hatte sie großen Anteil daran, dass die deutschen Damen die European Games gewannen und damit das Olympia-Ticket lösten. Im Halbfinale gegen Polen holte Mittelham beim Stand von 2:2 in fünf nervenaufreibenden Sätzen den entscheidenden Punkt gegen Einzel-Europameisterin Li Qian. Im Einzel bedeuteten der Gewinn des Deutschen Meistertitels in diesem Jahr und im Doppel der EM-Titel mit Kristin Lang 2018 weitere Meilensteine in ihrer noch jungen Karriere.

Dass die Leistungskurve seit einiger Zeit kontinuierlich nach oben geht, führt die Willicherin auch auf ihren Wechsel zum ttc berlin eastside zurück. Zuvor hatte Mittelham für Berlins Erstliga-Rivalen Bad Driburg aufgeschlagen. Dort war sie Führungsspielerin, hat den Klub aus der 2. in die 1. Liga geführt. Mittelham fühlte sich wohl bei den Ostwestfalen, doch die Veränderung zu einem großen Verein, der um Titel mitspielt, war notwendig, um den nächsten Entwicklungsschritt zu machen. Beim Champions-League-Klub aus der Hauptstadt sind die Ansprüche höher, der Druck entsprechend größer. „Ich wollte außerdem in einer Mannschaft spielen, wo ich mir von meinen Teamkolleginnen noch was abschauen kann. Wie bereiten sie sich auf wichtige Spiele vor, wie gehen sie mit Druck um?“ Schon die erste Saison in Berlin habe ihr viel gebracht. „Ich glaube, ich habe manche Situationen in der Nationalmannschaft nur erfolgreich gemeistert, weil ich sie zuvor schon im Verein erlebt habe.“

Trotz all der Fortschritte in den vergangenen Monaten – das Olympia-Ticket hat Mittelham noch nicht in der Tasche. Nur drei Plätze im deutschen Team sind zu vergeben, eine vierte Spielerin darf als Ersatzfrau anreisen, muss die Partien aber von der Tribüne aus verfolgen. „Generell ist das wichtigste, überhaupt dabei zu sein, um mal die Atmosphäre mitzuerleben“, sagt sie und ergänzt:?„Aber so konstant, wie ich die letzten zwei Jahre gespielt habe, habe ich schon den Anspruch, in Tokio auch am Tisch zu stehen.“ Wenn das klappt, könnte Nina Mittelham den letzten Haken setzen in der Liste mit ihren Lebenszielen, die sie als Zwölfjährige in einem TV-Beitrag so formulierte: „Nationalspielerin werden, mein Abitur machen – und eine Olympia-Teilnahme.“

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