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Beide untergetaucht: Ovtcharov (vorn) und Calderano (Foto: ITTF)
Dimitrij Ovtcharov hatte das Olympia-Viertelfinale eigentlich schon verloren / Am Donnerstag spielt er im Halbfinale gegen Ma Long

Ovtcharov triumphiert im Calderano-Krimi

SH 28.07.2021

Tokio. Dimitrij Ovtcharov hatte das Olympia-Viertelfinale eigentlich schon verloren. Mit 0:2 in Sätzen lag er zurück und mit 4:8 in Durchgang drei gegen einen Hugo Calderano, der zu diesem Zeitpunkt einfach keine Fehler machte. Gewohnt geschmeidig, schnell und spritzig war der Brasilianer, zur Stelle in der weiten Vorhand wie der tiefen Rückhand. Schwache Mitte? Nicht bei ihm! Er überraschte Ovtcharov mit sehr guten, sehr platzierten Rückschlägen, mal halb kurz, mal halblang, mal als Flip. Taktisch variabel bei den Rückschlägen, aggressiv bei den ersten Bällen mit seiner hohen Beschleunigung aus Unterarm und Handgelenk. „Hugo hat extrem stark begonnen und gar keinen Fehler zugelassen. Mein Spiel ist überhaupt nicht zusammengelaufen. Er hat meine Aufschläge gut gelesen, ich seine schlecht", so Ovtcharov. Auch bei Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf war das ein oder andere Stirnrunzeln zu erkennen: „Dima war am Anfang überhaupt nicht anwesend. Beide waren angespannt, aber Calderano hat es besser gemacht. Es stand 0:2 und 4:8. Für das Level hat Dima sehr schwach gespielt, und er konnte keine Antworten finden."

8:4 also, und wären die maximal möglichen 10.000 Zuschauer im Tokyo Metropolitan Gymnasium erlaubt gewesen, es hätte zu diesem Zeitpunkt wohl kaum einer auf den Deutschen gesetzt. Doch der blieb seiner Linie treu. Punkt für Punkt werde er spielen, ausblenden, was davor war, und nicht darüber nachdenken, was danach sein könnte. Dimitrij Ovtcharov kämpfte sich zurück, pushte sich lautstark nach jedem Punkt, übernahm die Initiative. Und Calderano? Ihm schien der Faden gerissen zu sein. Sieben Punkte in Folge machte Ovtcharov zum Satzgewinn. "Bei 2:0, 8:4 habe ich gemerkt, dass er das Spiel zumachen will, und er wurde etwas hektischer und nervöser. Das habe ich bemerkt, und plötzlich hatte ich Oberwasser und war fast fehlerfrei."

In Durchgang vier ging es so weiter. Ovtcharov wurde der Dominante, schlug variabler auf, und Calderano konnte nur noch reagieren. Der World-Cup-Sieger von 2017 und ehemalige Weltranglistenerste ließ sich Führungen von 6:1, 7:2 und 9:6 nicht nehmen und egalisierte auf 2:2 in Sätzen.

Leiser Jubel und am Donnerstag das Halbfinale gegen Ma Long

In Satz fünf zog Hugo Calderano dann plötzlich davon. „In einem Match über sieben Gewinnsätze spielt man fünf oder sechs verschiedene Matches, weil sich die Topspieler immer wieder gegenseitig auf eine neue Taktik des Gegenübers einstellen“, hatte der 25-jährige dreifache Goldmedaillengewinner bei den Panamerika-Spielen nach seinem knappen Achtelfinalerfolg über Jang Woojin aus Südkorea erklärt. Gegen Ovtcharov am Tag danach waren pünktlich zum Beginn des fünften Satzes plötzlich seine Weltklasseschläge zurück, unterstützt auch mal von Netz und Kante. Ovtcharov wiederum produzierte einige leichte Fehler. Doch trotz eines 1:7-Rückstands gab „Mr. Olympia“, der mit vier Medaillen erfolgreichste Tischtennisspieler Deutschlands, auch diesen Satz noch nicht verloren. Beim Stand von 6:8 aus Sicht Ovtcharovs breakte er gleich zweimal den Aufschlag seines Kontrahenten. Dann schien der Bann gebrochen. Nachdem Satz fünf mit 11:8 an den Einzel-Bronzemedaillengewinner von London 2012 gegangen ist, resignierte „The thrill from Brazil“, wie Calderano genannt wird, der am Liebherr Masters College in Ochsenhausen lebt und trainiert, schon fast. Mit 11:2 ließ sich „Dima“ den Sieg und damit den Einzug in das zweite Halbfinale seiner Karriere in einem olympischen Einzelturnier nicht mehr nehmen. "Es ist seine Stärke, dass er dran bleibt, weiter kämpft und mental dann zurückkommt. Er hat sich besser bewegt und es wurde ein offenes Spiel", sagte Roßkopf. 

Ovtcharov gegen Ma Long: "Ich habe das Spiel schon lange im Kopf"

Ovtcharovs Jubel war ein stiller. Er schloss die Augen, setzte die Faust an den Kopf, an die Brust und wieder an den Kopf, zog sich das Trikot halb über den Kopf. Er umarmte Bundestrainer Jörg Roßkopf kurz – fast ungläubig. Einen Tag hat er Zeit zu realisieren, welche Meisterleistung ihm schon jetzt gelungen ist. Dann trifft er auf den absoluten Meister seines Fachs, Olympiasieger und Weltmeister Ma Long aus China (Donnerstag, 9 Uhr MESZ). Obwohl er gegen den, den sie wegen seiner kraftvollen und dominanten Spielweise den "Drachen" und den "Diktator" nennen, noch nie gewonnen hat, ist er optimistisch: "Gegen Ma Long habe ich oft verloren, aber das hat Ryu Seung-Min gegen Wang Hao auch und dann seinen einzigen Sieg gegen ihn bei Olympia gefeiert. Das gibt mir Hoffnung für morgen. Ich habe das Spiel schon lange im Kopf und glaube an meinen Sieg", sagte mit Bezug auf den überraschenden Olympiasieg des Südkoreaners in Athen 2004 gegen den chinesischen Topfavoriten. An eine Überraschung glaubt auch Roßkopf: "Dima versucht jetzt, an Ma Long ranzugehen. Er hat die Form, gut gegen ihn zu spielen. Und nach so einem Spiel von heute, wo man fast schon draußen war, ist vieles möglich. Das haben die Japaner im Mixed vorgemacht.“

Im anderen Halbfinale ab 8 Uhr MESZ stehen sich Ma Longs Landsmann Fan Zhendong, der Südkoreas Timo-Boll-Bezwinger Jeoung Youngsik in Schach hielt, und Taiwans Superstar Lin Yun Ju gegenüber.

Der Zeitplan der Herren ist spielerfreundlicher in Tokio. Während die Damen am Donnerstag nach dem Halbfinale auch die Partien um Gold und Bronze absolvieren müssen, haben die Herren für die Medaillenvergabe bis Freitag Zeit. Aber daran zu denken, wäre Dimitrij Ovtcharov wohl zu früh. „Punkt für Punkt“, ist seine Devise. Und nicht zuletzt die macht ihn bisher hier so überragend.

Nach dem Viertelfinal-Aus von Han Ying gegen Topfavoritin Sun Yingsha aus China ist Dimitrij Ovtcharov am Donnerstag nicht nur der einzige Deutsche im Einzelwettbewerb, sondern auch der letzte Europäer.

Herren-Einzel, Viertelfinale
Fan Zhendong CHN - Jeoung Youngsik KOR 4:0 (10,9,6,5)
Lin Yun Ju TPE - Darko Jorgic SLO 4:0 (4,7,4,6)
Ma Long CHN - Omar Assar EGY 4:1 (7,9,6,-11,6)
Dimitrij Ovtcharov - Hugo Calderano BRA 4:2 (-7,-5,8,7,8,2)

Halbfinale
Dimitrij Ovtcharov – Ma Long CHN, 9 Uhr MESZ
Fan Zhendong CHN – Lin Yun Ju TPE, 8 Uhr MESZ

Spiel um Bronze am Freitag, 13 Uhr MESZ
Finale am Freitag, 14 Uhr MESZ

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Das deutsche Aufgebot bei den Tischtenniswettbewerbe in Tokio

Herren-Team: Dimitrij Ovtcharov (Fakel Gazprom Orenburg, Russland), Timo Boll (Borussia Düsseldorf), Patrick Franziska (1. FC Saarbrücken TT), Ergänzungsspieler: Benedikt Duda (TTC Schwalbe Bergneustadt)
Damen-Team: Petrissa Solja (TSV Langstadt), Han Ying (KTS Enea Siarka Tarnobrzeg, Polen), Shan Xiaona (ttc berlin eastside), Ergänzungsspielerin: Nina Mittelham (ttc berlin eastside)
Herren-Einzel: Dimitrij Ovtcharov, Timo Boll
Damen-Einzel: Petrissa Solja, Han Ying
Gemischtes Doppel: Patrick Franziska/Petrissa Solja
Teilmannschaftsleiter: Richard Prause (Sportdirektor)
Trainer-Team: Jörg Roßkopf (Bundestrainer Herren), Jie Schöpp (Bundestrainerin Damen), Lars Hielscher (Assistenztrainer)
Physiotherapeut: Peter Heckert (OSP Hessen)
Arzt: Dr. Antonius Kass (Düsseldorf)
Schiedsrichterin: Anja Gersdorf (Düsseldorf)
Öffentlichkeitsarbeit: Benedikt Probst (Frankfurt/Main)

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