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Pure Freude: Das DTTB-Team nach dem verwandelten Matchball von Timo Boll (Foto: dpa picture allliance)

Olympisches Happy End fürs deutsche Herren-Team

SH 08.08.2012

London. 14:24 Uhr: Timo Boll verlädt Jiang Tianyi, spielt seinen Rückhand-Topspin als Rückschlag aus der Tischmitte über dem Tisch in die weite Vorhand des anderen Linkshänders. Der kommt noch an den Ball, sein diagonaler Gegenspin schlägt aber erst neben Bolls linkem Fuß auf. Der Rekord-Europameister stößt ein lautes „Joooah“ aus, streckt den rechten Arm in die Luft. Dimitrij Ovtcharov und Bundestrainer Jörg Roßkopf klettern über die Umrandung, liegen sich in den Armen und laufen so etwas ungelenk auf Timo Boll zu. Sie erreichen ihn vor Bastian Steger, der aus der Hallenecke während seiner eigenen Vorbereitung auf das mögliche Abschlussmatch gegen Tang Peng die Ereignisse nur aus der Ferne verfolgen konnte. „So schnell bin ich noch nie gelaufen“, beschreibt Steger. „Das war Usain Bolt verdächtig.“ Ovtcharov hebt Boll mit beiden Armen in die Höhe, jetzt hat auch Steger das glückliche Menschenknäuel erreicht. Drei Männer tragen jetzt einen auf Händen, den einen, der alle Höhen und Tiefen einer Sportlerkarriere innerhalb von neun Tagen durchlitten hat und am Ende doch triumphiert.

Deutschland gewinnt mit einem 3:1 über Hongkong die Team-Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen. „Für uns ist Bronze wie Silber“, wird DTTB-Präsident Thomas Weikert später sagen. Wer das Quartett in der ExCel-Arena sieht, könnte es gar für Gold halten, das Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und Bastian Steger, aber auch Ersatzmann Patrick Baum, Bundestrainer Jörg Roßkopf, Assistent Zhu Xiaoyong, Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig sowie alle Betreuer, die Mitglieder der Trainingsgruppen, flankierende Vereine und Heimtrainer an diesem 8. August gewonnen haben.

Ovtcharov „stolz und glücklich“ / Stegers Traum erfüllt

Zusammen mit der Bronzemedaille Dimitrij Ovtcharovs im Einzel ist es ein historischer Tag für den deutschen Tischtennissport. Noch nie hat ein Deutscher zwei Medaillen bei denselben Olympischen Spielen gewonnen, kein Europäer außer Ovtcharov hat überhaupt die Anzahl von drei Olympia-Medaillen erreicht. Und Timo Boll: Er blieb als einziger ohne Niederlage gegen Asiaten bei diesem Turnier. „Ich bin stolz und glücklich“, freute sich Dimitrij Ovtcharov, der Weltranglistenzwölfte, dem nach London wohl wieder der Sprung in die Top 10 gelingen wird. „Der Druck war enorm. Vielleicht war bei uns einfach nur der Wille zum Sieg größer. Wir haben heute noch einmal alle Reserven aktiviert.“ Für Bastian Steger, der zum Auftakt gegen Schweden an zwei von drei Punkten beteiligt war, unter anderem Jörgen Persson besiegte und gegen Österreich wieder an der Seite von Boll das Doppel gewann, ging mit der Medaille „ein Traum in Erfüllung, den ich hatte, seit ich mit dem Tischtennis begonnen habe“, sagte er. „So richtig kann ich es noch nicht glauben. Es ist uns etwas ganz Großes hier gelungen.“

Zehn Medaillen an Asien, zwei an Europa – an Deutschland

„Wir haben ein großartiges Bronzemedaillenmatch gesehen mit einer großartigen Nationalmannschaft über den gesamten Wettbewerb“, sagte Dirk Schimmelpfennig. Er betonte eine weitere historische Komponente: Von den zwölf insgesamt in London zu vergebenden Medaillen gingen sechs, die maximal mögliche Zahl, an China und insgesamt zehn an Asien (zweimal Singapur, einmal Japan, einmal Südkorea). Die einzigen beiden nicht-asiatischen Medaillen gingen an Deutschland.

„Wir haben hier alles erreicht, was für uns zu erreichen war“, so Schimmelpfennig. „Wir waren so dicht an China dran, wie vorher noch nicht. Das unterstreicht die Arbeit von Spielern und Trainerteam in der langen Zeit.“ Die Mannschaft habe sich gut entwickelt in den vier Jahren seit Peking. „Damit haben wir diesen Erfolg programmiert. Aber man kann ihn eben nicht garantieren.“

Dass ein guter Plan im Sport keine Gewähr für sein Gelingen ist, davon war Timo Boll der Leidtragende. Im Einzel-Achtelfinale war er vorzeitig vom Rumänen Adrian Crisan gestoppt worden. Die Vorbereitung hatte gestimmt, die Form vor Ort sogar bei jedem Trainingsmatch, aber gegen die plötzlich auftretende mentale Blockade, die „totale Verkrampfung“ (Boll), war auch der WM-Dritte von Rotterdam machtlos.

Team-Bronze entschädigt Boll für frühes Einzel-Aus

Grenzlos glücklich: die DTTB-Herren (Foto: dpa picture alliance)„Bronze mit der Mannschaft ist eine große Entschädigung und der Beweis dafür, dass ich doch nicht alles verlernt habe“, erzählte Boll. „Es macht mich sehr zufrieden, dass ich der Mannschaft helfen konnte.“ Im Halbfinale gegen China vor zwei Tagen besiegte er Einzel-Olympiasieger Zhang Jike, der im Turnierverlauf gegen keinen anderen verlor. Gegen Hongkong punktete er zweimal, gegen Leung Chu Yan und Jiang Tianyi, als es auf Messers Schneide stand.

Timo Boll war hellwach gegen Leung zur eigentlich ungeliebten Morgenstunde. Beim Rekord-Europameister stimmte in Spiel eins wie auch beim Halbfinale gegen Zhang wieder das Weltklasse-Gesamtpaket aus unnachahmlichem Effet und variablen, gefährlichen Aufschlägen gepaart mit großem Selbstvertrauen. Leung, der Ex-Bundesligaakteur des SV Plüderhausen, konnte weder seine Stärke über dem Tisch ausspielen noch sich Vorteile in Rallyes mit seiner starken rechten Penholder-Vorhand erarbeiten.

Gegen einen gegenüber dem Einzelwettbewerb (Aus im Auftaktmatch gegen den Iraner Noshad Alamiyan) wie ausgewechselt wirkenden Tang Peng musste Dimitrij Ovtcharov im Anschluss seinen ganzen Kampfgeist aufbieten. Beide lieferten sich ein knappes Duell auf hohem Niveau. Am Ende hatte einmal mehr der Deutsche die besseren Nerven in einer Begegnung, bei der alle vier Durchgänge mit nur zwei Punkten Unterschied ausgingen.

Im Doppel gelingt Hongkong der erwartete Anschlusspunkt

Im Doppel war das im olympischen Turnier erstmals aufgestellte Duo aus Dimitrij Ovtcharov und Bastian Steger gegen die diesjährigen Dritten der Hungarian Open, die Rechts-Links-Kombination Jiang Tianyi und Leung Chu Yan, bis zur Mitte des zweiten Durchgangs nicht ohne Chancen. Dann aber setzte sich das routinierte Hongkong-Doppel gegen die WM-Achtelfinalisten von 2009 ab und gewann am Ende deutlich mit 3:0. „Gegen dieses Weltklasse-Duo haben wir das Doppel ein bisschen hergegeben“, erklärte Jörg Roßkopf die Taktik.

Boll wusste im Voraus Bescheid, schließlich lautete so die Marschrichtung bei der gestrigen Vorbesprechung im Kreise der Mannschaft im Olympischen Dorf. Er konnte sich jedoch trotzdem nicht davon befreien, dass seine Gedanken zurückgingen ins Jahr 2008. „Als das Doppel wegging, habe ich an unser Japan-Spiel gedacht, und gegen Jiang Tianyi spielt niemand so richtig gerne“, sagte er.

Stegers Horror beim Boll-Spiel gegen Jiang

Gegen Hongkongs Nummer eins musste Boll aber den Schlusspunkt setzen, sonst wäre es für Bastian Steger gegen Tang Peng in der heutigen Form wohl noch einmal eng geworden. Im November 2011 hatte der Deutsche Meister seinen Kontrahenten beim World Team Cup in fünf Sätzen in Schach gehalten. „Ich war natürlich bereit zu spielen, das ist auch meine Aufgabe“, so Steger. „Aber ich habe natürlich gehofft, dass Timo den letzten Punkt macht. Nur zugucken zu können, ist einfach der Horror.“ Und Timo Boll machte seinem Teamkollegen einen Genrewechsel weg vom Horror nicht leicht.

Denn schon zu Beginn lief es nicht ganz rund beim Düsseldorfer gegen den Weltranglisten-20. In beiden ersten Durchgängen lief Boll frühen Rückständen hinterher. In diesem vor allem von Aufschlag-Rückschlag-Situationen und Taktik geprägten Spiel verwandelte Boll in Durchgang zwei einen 3:5-Rückstand in ein 11:5. „Er ist einer der besten Aufschläger im Circuit“, erklärte Boll, „hat eine starke Vorhand, ist im passiven Spiel auf der Rückhand gut, und wenn er locker ist, umläuft er viel mit der Vorhand. Er hat einfach ein gutes Grundniveau, auf dem er immer spielen kann.“ Europas Nummer eins quälte sich auch in den Durchgängen drei und vier zum Sieg, kam im Vierten nach 3:8 irgendwie wieder zurück und gewann mit 11:9. Aber wer fragt schon nach dem Wie, wenn doch Bronze sicher ist? Um 14:24 deutscher Zeit war nur noch grenzenloser Jubel im deutschen Lager.

Boll: „Wir wollten sie auffressen, und jetzt sind wir satt“

Es gibt viel zu erzählen: Timo Boll im Interview (Foto: Heike Ahlert)„Ich habe einfach um jeden Ball gekämpft und keinen Punkt verloren gegeben. Wir wollten sie auffressen, und jetzt sind wir satt“, kommentierte Timo Boll. „Hätte ich in der Mannschaft so einen Mist gespielt wie im Einzelturnier, wäre das noch unerträglicher für mich gewesen. Dann hätte ich ein deutlich schlechteres Gewissen. Dass ich für die Mannschaft doch noch meine Leistung gebracht habe, stimmt mich zufrieden.“ Im Halbfinale gegen China hat er sein Lachen wiedergefunden und seine Lockerheit, jetzt auch die Zufriedenheit – das Gefühl, das sich bei ihm nach den großen Siegen immer einstellt.

„Vielleicht war es meine größte Leistung bei diesem Turnier“, sinnierte er, „dass ich so weit unten war, wie noch nie und mich innerhalb von ein, zwei Tagen aus dem Loch herausgezogen habe, hoch bis zum allerhöchsten Niveau.“ Er habe keine Erfahrung gehabt mit einer solchen „Extremsituation“ (Boll). „Ich bin froh, dass ich sie relativ human genommen habe“, sagte er etwas überrascht von sich selbst.

Die Zufriedenheit wird sich auch bei Jörg Roßkopf bald einstellen. Nach seiner Freude in der Box wirkte der Bundestrainer in der Mixed Zone, wo Athleten auf Journalisten treffen, schon wieder sehr gefasst. „Wir haben aus einer schlechten Auslosung das Maximum herausgeholt. Es sind sehr viele Emotionen, die in einem sind über das ganze Turnier. Man ist über Tage und Wochen sehr angespannt und weiß, dass es auch Enttäuschungen geben kann“, sagte er. Die Party-Stimmung werde später folgen, versprach er. „Wir können alle ganz gut feiern. Das entwickelt sich meist ein bisschen später.“ Nach der Siegerehrung im Anschluss an das Finale zwischen China und Südkorea geht es für Team Deutschland ins internationale Sendezentrum zu ARD und ZDF, im Anschluss steht ein Besuch des Deutschen Hauses an. Dann kann die Party beginnen.

 

Herren-Mannschaft, Spiel um Bronze

Deutschland - Hongkong 3:1

Timo Boll – Leung Chu Yan 3:0 (6,3,7)

Dimitrij Ovtcharov – Tang Peng 3:1 (11,-11,9,9)

Dimitrij Ovtcharov/Bastian Steger – Leung Chu Yan/Jiang Tianyi 0:3 (-10,-8,-4)

Timo Boll – Jiang Tianyi 3:1 (-9,5,9,9)

Finale

China - Südkorea 3:0

Ma Long - Ryu Seungmin 3:1 (6,6,-6,4)

Zhang Jike - Joo Saehyuk 3:1 (9,-5,6,8)

Wang Hao/Zhang Jike - Oh Sangeun/Ryu Seungmin 3:0 (4,8,6)

Spieler- und Betreuerteam: die Menschen vor und hinter den Medaillen (Foto: SH)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto (v.l.): Patrick Baum (Ersatzspieler), Teamarzt Dr. Antonius Kass (Düsseldorf), Assistenztrainer Zhu Xiaoyong, Bastian Steger, Physiotherapeutin Birgit Schmidt (Olympiastützpunkt Hessen, Frankfurt/Main), Timo Boll, Bundestrainer Jörg Roßkopf, Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig, Dimitrij Ovtcharov

 

Der fünfte Mann: Deutschlands Promi-Fanblock (Foto: Heike Ahlert)

 

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