Anzeige
Foto: ITTF
Gert Selig leitete bei den Paralympics das Finale der WK 4 - sein absoluter Höhepunkt in zwanzig Jahren schiedsen

Paralympics: Alles begann mit einem Wochenendlehrgang

BP 30.08.2021

Tokio. Als einziger deutscher Schiedsrichter wurde Gert Selig für die Paralympischen Spiele in Tokio nominiert. Für den 58-Jährigen ging allein damit schon ein großer Traum in Erfüllung. Das Sahnehäubchen folgte aber heute. Er leitete das Herren-Finale der Wettkampfklasse 4 - für jeden Schiedsrichter der absolute Karrierehöhepunkt. Selig, der in Waldalgesheim nahe Mainz lebt, begann vor fast zwanzig Jahren mit dem schiedsen und machte sich nicht nur national, sondern auch international einen Namen. Er war nominiert für zahlreiche Weltmeisterschaften und für die ersten European Games in Baku 2015. Seit vielen Jahren übt er sein Ehrenamt auch im Para-Tischtennis aus, unter anderem als Klassifizierer. Wir haben unmittelbar nach seinem Finale mit ihm gesprochen.

Gert, wie war das Finale?

Es war ein tolles Spiel in der WK4, also Rollis mit mittleren Einschränkungen. Sie haben sich tolle Ballwechsel geliefert, der längste war über 46 Sekunden. Aus Schiedsrichtersicht war es ein eher einfaches Spiel, es gab nur einmal ein Let für ein seitliches Aus beim Aufschlag. Bei den Rollis gibt es da ja ein paar Besonderheiten. 

Was bedeutet für dich die Nominierung für das Finale, aber auch für die Paralympics?

Olympia und Paralympics sind das Größte, das ein Schiedsrichter erreichen kann. Da ich mich seit Jahren mit dem Parabereich anfreunde und dort auch schon an zwei Weltmeisterschaften teilgenommen habe, habe ich mich natürlich sehr gefreut, als das Ressort Schiedsrichter des DTTB und anschließend auch die ITTF mich vor über zwei Jahren für die Paralympics in Tokio berufen haben. Und nun noch ein Einzelfinale, das ist schon der Höhepunkt meiner Schiedsrichterkarriere, die ich mit einem Wochenendlehrgang zum Bezirksschiedsrichter beim Tischtennisverband Brandenburg (TTVB) im Dezember 2002 begonnen habe. Übrigens ohne jemals selbst als Aktiver am Tisch gestanden zu haben. 

Wie erlebst du die paralympischen Spiele in Tokio?

Man muss das Ganze etwas teilen. Vom Sportlichen ist es schon das ganz große Highlight. Das merkt man bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Andererseits sind da die Einschränkungen durch Corona. Die verhindern natürlich das, was Olympia eben auch in hohem Maße ausmacht, die Begegnung von Menschen aus der ganzen Welt. Kurz die riesen Party. Das ist sehr traurig, aber notwendig. 

Was schätzt du an den Paralympics besonders?

Dass bei den Parasportlern alles etwas bodenständiger geblieben ist bis jetzt, etwas familiärer, ohne das Ziel im Sport aus den Augen zu verlieren. So wie man hier als Schiedsrichter praktisch mit aufgenommen wird vom Nationalteam, da ist man wie ein Delegationsmitglied. Und ich meine das gehört sich auch so. Jeder will faire Spiele, warum sollen die Schiedsrichter dann nicht auch Teil des Ganzen sein? Ich weiß, da gibt es organisatorische Unterschiede, aber es geht, wenn man will. 

Wie ist euer Tagesablauf?

Das ist bei den Paralympics echt hart. Eigentlich sind wir von 7 bis 23 Uhr in der Halle gewesen. Abends bin ich nur noch tot ins Bett gefallen und habe kaum mehr als vier Stunden Schlaf gehabt. Einmal bin ich fast als Assistent am Tisch eingeschlafen. So ging es allen hier. Grund ist einmal der Zeitplan, aber vor allem das leider sehr ausgedünnte Transportmanagement. Und zu Fuß dürfen wir ja auch nicht unterwegs sein. Gestern hatte ich dann zum Glück frei. 

Inwiefern beeinträchtigen die besonderen Umstände dein Olympia-Erlebnis?

Na ja, wir müssen jeden Tag einen PCR-Test (Spucktest) machen, Fieber messen, ständig unser Handy bei uns am Körper haben, auf dem zwei Apps installiert sind, auf denen wir bewegungs- und gesundheitsmäßig getrackt werden. Abendessen. Esse bestelle ich aus dem Hotelrestaurant aufs Zimmer, einkaufen ist nur im hoteleigenen Shop offiziell erlaubt. Außer zu essen und zum schlafen müssen wir einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Also eigentlich ist nichts wie sonst. 

Was war dein außergewöhnlichster Olympia-Moment bis dato neben dem Finale?

Also das außergewöhnliche sind für mich die Menschen hier. Mit welcher Freundlichkeit, Höflichkeit und Wärme die ganzen Volunteers und andere, z.B. Polizisten, Leute auf der Straße, die uns im Bus zuwinken, unsere japanischen Schiedsrichterkollegen/innen, begegnen, das ist außergewöhnlich. Davon, dass angeblich die Hälfte der Bevölkerung in Tokio die Spiele ablehnt, davon habe ich nichts gemerkt.

weitere Artikel aus der Rubrik
Para-TT 29.08.2021

Sensationell! Valentin Baus gewinnt Gold bei den Paralympics

Tokio. Wahnsinn! Valentin Baus gewinnt Gold bei den Paralympischen Spielen. In einem dramatischen Match setzte sich der Düsseldorfer gegen den Chinesen Cao Ningning in fünf Sätzen durch.
weiterlesen...
Para-TT 26.08.2021

Paralympics: Stephanie Grebe hat erste Medaille fürs Para-Team sicher

Stephanie Grebe zieht durch ihren zweiten Vorrundensieg ins Halbfinale ein und erfüllt sich vorzeitig den großen Traum von der zweiten Paralympics-Medaille ihrer Karriere. Neben Grebe stehen mit Thomas Schmidberger, Valentin Baus, Sandra Mikolaschek und Thomas Brüchle vier weitere Deutsche sicher in der K.o.-Runde. Für Juliane Wolf, Thomas Rau und Björn Schnake ist trotz Auftaktniederlagen weiterhin alles möglich.
weiterlesen...
Paralympics Para-TT 25.08.2021

Paralympics: Die coole Truppe will in Tokio überzeugen

Nach viermal Silber bei den Paralympics in Rio de Janeiro 2016 soll es für die deutschen Para-Tischtennisspielerinnen und -spieler um Thomas Schmidberger auch in Tokio wieder Medaillen geben. Zwei Veränderungen im Spielsystem lassen die Chancen auf Medaillen steigen.
weiterlesen...
Para-TT Paralympics 24.08.2021

Startschuss für die Paralympics in Tokio

Nach der Eröffnungsfeier am Dienstag beginnen am Mittwoch die Tischtenniswettbewerbe für das Achter-Aufgebot des Teams Deutschland Paralympics. Angeführt vom Weltranglistenzweiten und Paralympics-Silbermedaillengewinner von 2016, Thomas Schmidberger, kämpfen die fünf Herren und drei Damen in sieben verschiedenen Wettkampfklassen um die Medaillen.
weiterlesen...
Para-TT 19.08.2021

Para-Ass Sandra Mikolaschek im Paralympics-Trailer

Der Deutsche Behindertensportverband wirbt wenige Tage vor der Eröffnung der Paralympics mit einem Video für das nächste Event in Tokio. Mit dabei: Sandra Mikolaschek. Die Paralympics-Viertelfinalistin von Rio sagt: "Ich will mit einer Medaille nach Hause kommen und in Tokio zur unüberwindbaren Gegnerin werden."
weiterlesen...
Para-TT 07.06.2021

Paralympics: Gute Ausgangsposition für Wildcards

Beim Welt-Qualifikationsturnier im slowenischen Lasko hat es für das deutsche Team trotz sehr guter Leistungen nicht für einen der begehrten Plätze für die Paralympischen Spiele gereicht. Dabei hatten es mit Tiziana Oliv, Jörg Didion und Jochen Wollmert gleich drei Akteure ins Finale geschafft – doch dort unterlagen sie dann jeweils ihren Konkurrenten und verpassten damit das Direkt-Ticket.
weiterlesen...
© Deutscher Tischtennis-Bund e.V. - DTTB - Alle Rechte vorbehalten

Datenschutz | Impressum
made by 934tel Media Networx GmbH