"Mr. Pokerface" war sein Spitzname als Spieler: Sein unbewegter Gesichtsausdruck steht für seine Geduld und Nervenstärke (Foto: DTTB-Archiv)
50 Jahre Weltmeisterschaften 1969: Eberhard Schöler im Interview über dreimal Silber für Deutschland

Schöler-Interview zum Jubiläum der WM 1969: "Die Atmosphäre in München war phantastisch"

SH 17.04.2019

Kaarst. 50 Jahre liegt die Heim-WM 1969 in München zurück. Die Erinnerungen Eberhard Schölers daran sind noch frisch. Nicht nur seine eigenen. Noch heute schreiben ihm Fans, die ihn um ein Autogramm bitten zusammen mit einem Dank für großartige Weltmeisterschaften im eigenen Land. Damals, als er seinen größten Titel errang, WM-Silber im Einzel vor ausverkauftem Haus und in brühtender Hitze.

Doch nicht nur er allein stand im Rampenlicht. Die Herren-Mannschaft mit ihm als Spitzenspieler gewann ebenfalls Silber. Das ostdeutsche Glück perfekt machte Gabriele "Gaby" Geißler, später Orgis, die das Einzel-Endspiel der Damen erreichte.

"In der Zeit als Aktiver war ich gegenüber Funktionären relativ kritisch"

Die WM 1969 hat Eberhard Schöler geprägt. Im Interview erzählt der heute 78-jährige 155-fache Nationalspieler von der phantastischen Atmosphäre, aber auch von den Wetterkapriolen, die selbst den Hallensport massiv beeinträchtigten. Er berichtet auch vom nahezu weißen Boden der damaligen Eissporthalle, der vor allem Abwehrspielern wie ihn enorm benachteiligte, weil diese weit hinter dem Tisch stehend den Ball wegen des geringen Kontrasts zum Boden erst sehr spät erkennen konnten.

Gut für die ihm nachfolgenden Sportlergenerationen: Die teilweise schlechten Spielbedingungen bei der WM im eigenen Land bewogen ihn dazu, sich im Anschluss an seine Zeit als Athlet als Funktionär zu engagieren. "In der Zeit als Aktiver war ich gegenüber Funktionären relativ kritisch und hätte zu diesem Zeitpunkt nie gedacht, dass ich mal einer werden würde", erinnert sich Schöler. Einer seiner engsten Freunde, der spätere DTTB-Präsident Hans Wilhelm Gäb, habe den Sinneswandel fertig gebracht und ihn teilweise überredet, teilweise überzeugt. "Er hat gesagt, dass wir nicht immer nur meckern können, sondern selbst etwas verändern müssen. Im Präsidium waren wir ab 1981 dann eine sehr gute Mannschaft. Und als wir den Zuschlag für die WM 1989 bekamen, wollten wir für die Sportlerinnen und Sportler optimale Bedingungen schaffen." Zunächst als Sportwart des Deutschen Tischtennis-Bundes, später Vizepräsident Leistungssport, sowie in der Folge in den höchsten Gremien der Europäischen Tischtennis Union und des Weltverbands ITTF.

1969 aber musste er erst einmal mit den Widrigkeiten umgehen. Ob er sich auch nach 50 Jahren noch darüber ärgert, beide Endspiele verloren zu haben? "Ich glaube, ich hätte ganz gerne mindestens eines der beiden Spiele gewonnen. Aber ich bin zu sehr Sportler, um dem nachzutrauern."

Zwei Final-Niederlagen, na und? "Ich bin zu sehr Sportler, um dem nachzutrauern"

Welche Erinnerung von 1969 ist die Prägendste? Oder gab es ganz viele?
Eberhard Schöler:
Vorsichtig ausgedrückt kann man die WM 1969 als echtes Erlebnis bezeichnen. Ein wesentlicher Punkt ist, dass es dem bayerischen Verband gelungen war, die Halle zu füllen. Die letzten Tage waren mit 7.000 Zuschauern ausverkauft. Die Atmosphäre in München war phantastisch. Die Hoffnungen der Zuschauer haben sich teilweise erfüllt. Es war sehr schön, dass wir sie begeistern konnten und sie Spaß am Tischtennis hatten. Dadurch sind einige Leute neu zum Tischtennis gekommen und beim Tischtennis geblieben. Das ZDF hat das Endspiel gezeigt. Sie haben mittem im ersten Satz angefangen und bis zum Ende des fünften Satzes übertragen.

Die WM 1969 war aber auch eine Veranstaltung, die einige Mängel hatte. Durch einen plötzlichen Kälteeinbruch an den ersten Tagen war es auch in der Halle so kalt, dass sich die Spieler zwischendurch die Hände warmpusten mussten. Nach zwei Tagen ist das Wetter umgeschlagen. An den letzten beiden Tagen war es so heiß, dass während des Endspiels sogar Zuschauer umgefallen sind. Als die Veranstalter dann die Ventilation eingeschaltet haben, sind mir plötzlich einige Bälle weggeflogen.

Nicht so gut war auch der weiße Boden. Wenn man das heute noch mal überdenkt, war das unglaublich, zumal die deutsche Mannschaft bei Damen und Herren zu 50 Prozent aus Verteidigern bestand. Man musste damit fertig werden. Bei den Damen und bei den Herren ist es dann immerhin zwei Verteidigern gelungen, ins Finale zu kommen.

Ihnen und Gaby Geißler, die für die DDR schließlich ebenfalls die Silbermedaille holte. Wie ist Ihnen Ihr Einzelwettbewerb von 1969 noch im Kopf?
Schöler:
Ich hatte eine relativ schwere Auslosung, habe viele Spiele nur mit 3:2 gewonnen. Das war ein unheimlich hartes Turnier. Wir hatten zuerst Mannschafts-, dann Einzelwettbewerbe. Damals gab es keinen Masseur und keinen Mannschaftsarzt. Beim Mannschaftsendspiel gegen Japan habe ich mir eine Zerrung im Oberschenkel zugezogen. Gegen Mitsuru Kohno hätte ich sonst vielleicht gewonnen, so haben wir das Spiel mit 3:5 verloren.

Meine Frau Diane und ich haben auch keinen Arzt hinzugezogen. Wir haben einfach nicht daran gedacht. Diane hat jeden Abend meinen Oberschenkel mit Wechselbädern behandelt und massiert. Aber davon geht eine Muskelverletzung ja nicht weg.

Im Kopf geblieben ist mir auch, dass eine ganze Menge Leute aus meinem Umfeld in Nordrhein-Westfalen nach München gekommen waren. Ein Verein aus der Nähe von Köln hatte ein Transparent dabei, auf dem stand: „Schöler for Cup“. Dafür hat es leider nicht ganz gereicht.

Sie standen in zwei Finals und haben beide verloren. Ist da heute noch etwas Unzufriedenheit über dieses Ergebnis?
Schöler:
Ich glaube, ich hätte ganz gerne mindestens eines der beiden Spiele gewonnen. Aber ich bin zu sehr Sportler, um dem nachzutrauern. Die japanische Mannschaft war ein klein wenig besser. Ito war im Einzel ein klein wenig stabiler und besser als ich, der auch ein bisschen gehandicapt war. Da gratuliert man am Ende einfach.

Die meisten sprechen, wenn es um die WM 1969 geht, von Ihrer Silbermedaille im Einzel. Gerät das Team-Silber gegenüber Ihrer Teilnahme am Einzel-Finale etwas ins Hintertreffen?
Schöler:
Ich weiß nicht. Ich glaube, die Mannschaftsleistung war rückblickend ganz hervorragend. Wir zählten nicht zu den Favoriten. Weder mit der Mannschaft noch im Einzel, auch wenn wir mit der Mannschaft und ich im Einzel zuvor auch mal Bronzemedaillen bei Weltmeisterschaften gewonnen hatten. Insofern war überraschend, dass wir zweimal das Endspiel erreicht haben. Ganz unterschätzen durfte man uns nicht, und das hat man auch nicht.

Wie haben Sie die Silbermedaillen mit der Mannschaft damals gefeiert?
Schöler:
Am Abend nach der WM gab es den üblichen Abschlussabend. Das war eine schöne Atmosphäre. Wir mussten uns dann aber auf den Erdteilkampf in der Nähe von Heidelberg konzentrieren, der für den Tag danach angesetzt war. Mein Spiel gegen Ito, das auf zwei Gewinnsätze angesetzt war, habe ich dann gewonnen, aber am Abend davor hatte er wohl ein paar Biere mehr getrunken als ich. Der Erdteilkampf war mehr eine freundschaftliche Veranstaltung. Das haben wir beide wohl ähnlich gesehen.

Ich hoffe übrigens, dass Shigeo Ito bei der WM in Budapest ist und ich mit ihm mal wieder ein Bierchen trinken kann. Er ist ein netter Typ. Zwar wird er auch nicht jünger, müsste aber noch in der Lage sein, die Reise von Japan nach Europa anzutreten.

Stehen Sie mit ihm noch in Kontakt?
Schöler:
Er spricht leider außer „Bier“ und „Prost“ kein Wort Deutsch oder Englisch. Ich wiederum kann mich auf Japanisch nicht ausdrücken. Wir müssen das also auf die paar Male beschränken, die wir uns persönlich begegnen.

Zurück zu 1969. Wie war während der WM das Verhältnis zu den DDR-Spielern wie Gabriele Geißler?
Schöler:
Die Atmosphäre war nicht so, als wäre man eine Mannschaft; es war etwas distanziert. Gaby Geißler hatte aber durchaus Kontakte zu unseren Spielerinnen. Es waren vor allem die Funktionäre, die daran interessiert waren, dass sie als eigenständige Mannschaft gesehen wurden.

Wie haben die Zuschauer auf eine DDR-Spielerin im Endspiel reagiert?
Schöler:
Ich habe das Damen-Finale ja nur am Rande mitbekommen. Die Zuschauer haben sie als Deutsche betrachtet. Die haben da keinen Unterschied gemacht. Zumindest ist mir keiner deutlich geworden.

Zusammen mit Ihrer Frau Diane werden Sie in verschiedenen Funktionen für den Weltverband ITTF bei der kommenden WM in Budapest vor Ort sein, die am Sonntag beginnt. Außerdem sind Jörg Roßkopf und Steffen Fetzner da. 50 Jahre WM-Silber durch Schöler, 30 Jahre WM-Gold durch Fetzner/Roßkopf – alle Akteure sind vor Ort. Muss das Schicksal da nicht blind sein, wenn in Budapest nicht etwas Großes passiert?
Schöler:
Wollen wir hoffen, dass die Rechnung aufgeht. Ich bin ja eher ein vorsichtiger Mensch. Ich glaube, es ist alles möglich. Wenn man die Situation von Timo oder Dima sieht: Die beiden haben durchaus Chancen. Die Auslosung und die körperliche Verfassung spielen eine große Rolle. Wenn Timo fit ist, kann er jeden Chinesen schlagen. Es wird interessant werden, und es wird sicherlich viele schöne und spannende Spiele zu sehen geben. Am Montag nach der Veranstaltung fliegen wir zurück. Die letzten zwei Tage haben meine Frau und ich keine offiziellen Verpflichtungen mehr und können uns dann auf die Spiele konzentrieren. Wir hoffen, dass wir dann noch deutsche Teilnehmer im Rennen haben. Wir drücken die Daumen.

Links

50 Jahre WM in München: Dreimal Silber für Deutschland 1969

Ergebnisse und Medaillenspiegel: Die WM 1969 bei Wikipedia

Individual-WM 2019 in Budapest: Spielsystem, TV-Zeiten, Gegner, Statistiken

Die WM 2019 auf ITTF.com

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