Aller guten Dinge sind bei German Open mindestens fünf: Timo Boll (Foto: ITTF)
Interview vor den German Open: "Ich bin gut drauf, spiele vom Gefühl her mein bestes Tischtennis "

Timo Boll: „Es lodert immer noch in mir“

22.01.2020

Düsseldorf/Höchst i. O. Wenn ab Mittwoch 34 Herren- und 30 Damen-Teams aus aller Welt im portugiesischen Gondomar um neun Startplätze bei den Olympischen Spielen kämpfen, können die deutschen Nationalmannschaften als bereits Qualifizierte das Geschehen entspannt aus dem Training verfolgen. Und sich auf ihr Heimspiel nächste Woche vorbereiten, die German Open in der GETEC-Arena Magdeburg (28. Januar bis 2. Februar).

Ob Deutschlands Topstar, Timo Boll, der bei der deutschen Station der ITTF World Tour viermal im Einzel gewann (2004, 2006, 2008 und 2009), die Bestmarke des fünffachen German-Open-Champions Ma Long aus China (2007, 2010, 2015, 2016 und 2018) diesmal einstellen kann? „Das wird schwierig“, sagt der Rekord-Europameister im Interview. „Aber ich bin gut drauf, spiele vom Gefühl her mein bestes Tischtennis seit zwei oder drei Jahren und versuche natürlich, lange drin zu bleiben, auch wenn die Besetzung schon außergewöhnlich ist - sogar stärker als beim Olympia-Turnier.“

Bolls Freude am Tischtennissport ist ungebrochen. „Es lodert einfach immer noch in mir. Ich bin lockerer und spüre, dass ich mich immer noch weiterentwickele.“

Frage: Timo Boll, 2020 ist das Jahr der Olympischen Spiele und Ihr Fokus sicherlich längst auf Tokio gerichtet. Worauf kommt es für Sie bis zum Sommer an?

Timo Boll: Entscheidend wird für mich sein, dass ich von Verletzungen verschont bleibe und trotzdem möglichst viele Wettkämpfe spielen kann, mich körperlich wieder besser aufbauen und noch ein paar Prozente zulegen kann. Dann kann ich sicher ein gutes Olympia-Turnier spielen.

Wie bewältigen Sie den Spagat zwischen Beobachtung, Pflege und Aufbau des Körpers?

Boll: Irgendwie verstehe ich meinen Körper nach all den Jahren immer noch nicht so richtig. Man ist sicher motiviert und versucht, an seine Grenzen zu gehen. Aber auf der anderen Seite schießt man bei allem Ehrgeiz auch schnell über das Ziel hinaus. Genau den Punkt zu finden, an dem man sich am Belastungslimit aufhält, ist gar nicht so einfach. Da spielt man immer ein bisschen mit dem Feuer – gerade in meinem Alter (Anm. d. Red.: Timo Boll ist 38). Das war bei mir schon immer so, dass man hart trainiert und dabei manchmal auch zu viel macht, andererseits hat man aber auch Angst, zu wenig zu machen. Dabei das richtige Maß zu finden, ist ziemlich schwierig.

Wie suchen Sie dieses richtige Maß?

Boll: Ich versuche, gefühlt etwas weniger zu machen, als ich eigentlich will, damit ich auf der sicheren Seite bin. Das Grundpensum ist durch die vielen Wettkämpfe aber allein schon sehr hoch, und deshalb ist ohnehin nicht so viel Zeit für Vorbereitungsmaßnahmen. Dafür gezielt zusätzliche irgendwelche Blöcke einzulegen, ist fast schon unmöglich. Dadurch ergibt sich das Programm fast von alleine.

Ihre frühzeitige Olympia-Qualifikation durch die Siege bei den European Games 2019 in Minsk ist deshalb aber sicherlich eine Erleichterung für Sie, oder?

Boll: Dadurch hat man sicherlich vielleicht zwei Wochenenden mehr frei. Aber andererseits sind das auch Wettkämpfe, die einen stählen und abhärten für den Druck, der einen beim Olympia-Turnier erwartet. Aber natürlich bin ich froh, das Tokio-Ticket schon in der Tasche zu haben und mich entspannter vorbereiten und auf andere Dinge fokussieren zu können - wie auf meinen Verein Borussia Düsseldorf oder auf wichtige Turniere wie die German Open.

Wie nutzen Sie, über das Sportliche hinaus, Ihre Freizeit?

Boll: Das ist Bonuszeit für das Familienleben. In einer Olympia-Saison muss die Familie immer noch mehr als allgemein zurückstecken, weil es für uns ja bis zum Sommer ohne Pause durchgeht und wir uns lange nicht sehen.

Wie gehen Ihre Familie und Sie mit den häufigen Trennungszeiten um?

Boll: Ich versuche, mir im Alltag viel Zeit für die Familie zu nehmen. Eigentlich habe ich seit der Geburt unserer Tochter keine privaten Hobbys mehr. Wenn ich Zeit habe, verbringe ich diese mit der Familie und versuche, ihre Wünsche zu erfüllen. Sie haben auch viel Verständnis, und so funktioniert es gut.

"Ich bin lockerer und spüre, dass ich mich immer noch weiterentwickle"

In Tokio erleben Sie Ihre sechsten Olympischen Spiele. Was macht dieses Mal den besonderen Reiz aus?

Boll: Nun, mit höchster Wahrscheinlichkeit werden das meine letzten Olympischen Spiele sein, das macht es schon besonders. Ich bin aber auch froh, dass es für mich noch um etwas geht, und dass ich noch zum Kreis der Medaillenanwärter gehöre. Japan ist ja außerdem ein tischtennisbegeistertes Land; auch das macht das Olympia-Turnier reizvoll.

Ist eine Teilnahme 2024 denn absolut ausgeschlossen?

Boll: Ich weiß ja noch nicht, wann ich aufhöre. Aber die Wahrscheinlichkeit für Paris ist eher niedrig. Ich hoffe es aber eigentlich, auch für die anderen. Es liegt jedoch auch an meinen Kollegen, und es kommt auch darauf an, wie ich mich körperlich entwickele. Wenn ich bis dahin noch fit bin, hätte ich sicherlich auch noch Lust! Ich habe aber immer auch Angst, dass ich meinem Körper zu viel zumuten könnte. Für mich ist deshalb eher die wichtige Frage, den richtigen Zeitpunkt für das Ende der Laufbahn zu finden.

Sie betonen immer wieder auch Ihren anhaltenden Spaß am Tischtennis. Was macht für Sie diesen Spaß aus?

Boll: Es lodert einfach immer noch in mir. Ich bin lockerer und spüre, dass ich mich immer noch weiterentwickele. Mit der Bewegung ist es zwar nicht mehr so einfach, aber dafür habe ich mich in anderen Dingen verbessert. Solch einen Prozess zu spüren und zu erkennen, wie man immer noch mit Erfolg an sich arbeiten und weiter wettbewerbsfähig sein kann, ist sehr interessant.

Wie erleben Sie, dass Sie im Zuge ihrer Karriere inzwischen schon auf die dritte bis fünfte Generation von Gegnern besonders auch aus China treffen?

Boll: Es ist schon lustig, wenn man an frühere Gegner wie Kong Linghui oder Liu Guoliang denkt. Die Zeit ist schon vorbeigerannt, und jetzt gehört man selbst zum allerältesten Eisen auf der Tour, aber fühlt sich eigentlich noch gar nicht so. Es ist schon verrückt, wie schnell man vom Talent zum Routinier wird und gefühlt schon seit sieben, acht Jahren danach gefragt wird, wann Schluss sein soll. Ich bin aber froh, dass immer noch hinauszögern zu können, auch weil es Spaß macht, gegen die jungen Kerle gegenzuhalten, sich Videos von früher anzuschauen und zu erkennen, wie sich das Spiel verändert hat. Das ist schon der Hammer.

Viele Ihrer Duelle mit den ganz Großen haben bei German Open stattgefunden. Was würde Ihnen ein fünfter Erfolg und damit die Einstellung des Rekords von Ma Long bedeuten?

Boll: Das wird schwierig. Aber ich bin gut drauf, spiele vom Gefühl her mein bestes Tischtennis seit zwei oder drei Jahren und versuche natürlich, lange drin zu bleiben, auch wenn die Besetzung schon außergewöhnlich ist - sogar stärker als beim Olympia-Turnier. Auf jeden Fall trete ich mit einem hohen Anspruch an mich selbst an.

Wie haben sich die German Open und die World Tour aus Ihrer Sicht im Laufe der Jahre allgemein entwickelt?

Boll: Die Ausrichtung mit so vielen Spielen in der World Tour ist immer anspruchsvoller geworden. Was hinter den Kulissen passiert, ist auch für uns Aktive fast schon grenzwertig, weil man durch das ganze Gewusel kaum noch Gelegenheit hat, sich einzuspielen oder zu trainieren. Aber die German Open sind dabei immer noch eines der sehr angenehmen Turniere, weil alles passend gemacht wird und die Hallen gut sind.

Sie haben 2019 wegen der vielen wichtigen Termine Ihren Abschied von Deutschen Meisterschaften verkündet. Müssen die Fans bald auch Ihren Rückzug von den German Open befürchten?

Boll: Nein, das glaube ich nicht. Dieses Turnier sehe ich als gesetzt für mich, so lange ich mich international noch halten kann.

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