Eins mit dem Sport: Friedhard Teuffel (Foto: LSB Berlin)
Ein Interview mit Friedhard Teuffel, Chef des Landessportbunds Berlin und Tischtennisspieler, zu Risiken und Chancen in der Corona-Krise

"Es wäre fatal, wenn jetzt reihenweise Sportvereine verschwinden würden"

SH 08.04.2020

Berlin. Friedhard Teuffel ist Tischtennisspieler – aktuell die Nummer eins der Bezirksliga des SC Charlottenburg –, gelernter Journalist und ehemaliger Redakteur bei FAZ und Tagesspiegel, Autor des biografischen Reiseberichts „Timo Boll: Mein China“, Vater zweier Kinder und im Hauptberuf Direktor des Landessportbunds Berlin. Mit seinem LSB hat er in der Corona-Zeit kurzfristig das Projekt „Move at home“ auf die Beine gestellt, ein Online-Sportprogramm der Hauptstädter Vereine, das bundesweit Mitmacher findet. Alles zusammen ganz viele Gründe, mit dem 45-jährigen Wahl-Berliner zu sprechen.

Herr Teuffel, Sie haben zwei Kinder im Schul- und im Kita-Alter. Wie bringen Ihre Frau und Sie in der Corona-Zeit Familie und Beruf unter einen Hut?
Friedhard Teuffel:
Gute Frage. Mit einer Tagesration Improvisation und einem wachsenden Anteil an Digitalisierung. Wir haben noch nie so viele Videokonferenzen durchgeführt wie in diesen Wochen. Cello-Unterricht per Videocall, Leseklub per Videokonferenz und sogar ein virtueller Kindergeburtstag, bei dem die Kinder reihum Begriffe per Pantomime dargestellt und alle anderen dann geraten haben.

Welche sind Ihre größten Herausforderungen dabei?
Teuffel:
Wir hatten schon immer großen Respekt vor Lehrerinnen und Lehrern. Der ist jetzt in dieser „Homeschooling“-Phase nicht kleiner geworden. Wir können jedenfalls keine Lehrer ersetzen, allenfalls mal vorübergehend vertreten, und die Freunde aus der Schule konnten wir leider auch nicht ins Wohnzimmer zaubern. Und für den Bewegungsdrang hätten wir einen ganzen Sportplatz im Innenhof gebraucht. Zum Glück gibt es da von Vereinen wie Alba Berlin oder auch durch unser LSB-Projekt tägliche virtuelle Sportstunden. Denn der Sport ist im Stundenplan der Schule für zu Hause größtenteils vergessen worden.

Da sind wir schon beim Thema: Ihr Landessportbund Berlin hat das Projekt „Move at home“ ins Leben gerufen. Berliner Vereine bieten zweimal täglich in Kooperation mit dem öffentlichen-rechtlichen RBB im Livestream und im Nachgang als Video on-demand Bewegungsangebote fürs Wohnzimmer für verschiedene Sportarten und Altersgruppen an. Wie wird das Angebot von Ihren Vereinen als Programmmachern und von den Sporttreibenden angenommen?
Teuffel:
Bisher wirklich prima. Viele Vereine haben sich gemeldet und wollen selbst mit ihren Übungsleiterinnen und Übungsleitern dabei sein. Und auch die Zugriffszahlen steigen. Es freut uns sehr, dass viele Vereine diese Zeit mit kreativen Angeboten überbrücken.

Was waren oder sind die organisatorischen Schwierigkeiten bei diesem Projekt?
Teuffel:
Es gab eigentlich für alles rasch eine Lösung. Zum Beispiel für den Raum. Alle öffentlichen und privaten Sportanlagen sind gesperrt. Aber der Sportraum soll ja das heimische Wohnzimmer abbilden. Deshalb fand von Anfang an einiges bei uns im LSB in unserem großen Konferenzraum statt, mit Sofa im Hintergrund und Teppichläufer als Untergrund.

Schmerzt es Sie als Tischtennisspieler, dass bislang noch kein Tischtennisangebot dabei war?
Teuffel:
Wir Tischtennisspieler sind ja irgendwie Allrounder. Weil unser Sport so vielseitig ist, profitieren wir auch vom Rückentraining, von Crossfit, und selbst Zumba wird unser Spiel noch geschmeidiger machen. Insofern lohnt es sich auch für uns schon jetzt, mitzumachen.

Als kleine Starthilfe für Tischtennisvereine: Haben Sie schon einen Ablaufplan für eine Video-Lehrstunde im Tischtennis im Kopf?
Teuffel:
Ich musste gleich an das Schattentraining denken, das wir früher so oft bei uns im Verbandskader in Rheinhessen gemacht haben. Mal mit Schläger in der Hand, mal mit einer leichten Hantel. Keine Ahnung, ob das noch State of the Art ist, aber so ließe sich wenigstens ein knackiges Ballkistentraining simulieren.

Wie kann sich ein Tischtennisverein in dieser Krise positionieren? Auf welche Art könnte der Corona-Stillstand auch Chancen bieten?
Teuffel:
Es gibt gerade so viele Chancen. Eine liegt darin, sich auch und gerade jetzt als Verein um seine Mitglieder zu kümmern. Zu zeigen, dass der Verein weiter lebt, selbst wenn die Halle zu ist. Das geht mit den digitalen Möglichkeiten sehr einfach. Die Vereinsversammlung per Videokonferenz etwa. Oder einfach mit einer Rund-Mail an alle. Auf die jungen Mitglieder und ihre Eltern kann man da noch mal gesondert eingehen. Eine andere Chance liegt darin, die Zeit mal zum Nachdenken zu nutzen, wie ich als Verein eigentlich aufgestellt bin, wie ich mich gerne weiterentwickeln möchte. Und dann eben daran konzeptionell zu arbeiten. Alle klagen ja immer darüber, dass für die grundsätzlichen Dinge so wenig Zeit bleibt, weil der Alltag schon fordernd genug ist. Jetzt ist die Gelegenheit da, sich mal mit dem Grundsätzlichen zu beschäftigen. Mit Fragen wie zum Beispiel: Wie bekomme ich neue Ehrenamtliche? Wie schaffe ich es, auch junge Menschen für Vereinsarbeit zu begeistern? Wie gewinne ich mehr Frauen für den Vorstand? Wie kann ich mehr Personal hauptamtlich beschäftigen? Und wie nutze ich die digitalen Möglichkeiten, um auf das großartige analoge Angebot meines Sports hinzuweisen?

„Move at home“ können einzelne Berliner Vereine mit tollen Angeboten zur Mitgliederwerbung in und nach der Krise nutzen. Was sollte die Durchschnitts-Tischtennisabteilung im Rest der Nation tun, um seine Bestandsmitglieder bei Laune zu halten?
Teuffel:
Sie zum einen immer wieder fragen, was sie eigentlich von ihrem Verein erwarten. Und sie zum anderen mit Angeboten konfrontieren, an die sie vielleicht nicht selbst sofort gedacht haben. Originelle Trainings- und Wettkampfformate etwa. Der deutsche Durchschnittsverein leistet großartige Arbeit und ist eine zentrale Säule, um unsere Gesellschaft fitter und fröhlicher zu machen. Gleichzeitig müssen wir immer wieder schauen, wo denn noch Entwicklungsbedarf ist. Da haben fast alle Sportarten die gleiche Mitgliederdelle: in der Lebensmitte, der sogenannten „Rush hour des Lebens“, wenn es um berufliche Absicherung und Familiengründung geht. Da bleibt oft wenig Zeit für Sport im Verein. Ein Ansatz ist da, offensiv Familiensport anzubieten, also etwas für die ganze Familie, Vereinszeit als Familienzeit.

Beruflich verhandeln Sie aktuell mit dem Berliner Senat über einen solidarischen Förderfonds für die 2.500 Berliner Vereine mit knapp 700.000 Mitgliedschaften, der über ein bereits bestehendes Soforthilfepaket für Klubs und das Kurzarbeitergeld hinausgeht. Welche Einnahmen brechen den Vereinen durch den Stillstand weg, die den Fonds notwendig machen?
Teuffel:
Wir haben gerade ein Online-Meldesystem freigeschaltet, um gerade diese Einnahmeverluste genau zu ermitteln und auch beziffern zu können. Die Ausfälle variieren je nach Vereinstyp und Vereinsgröße. Vereine, die sehr viel im Kursbetrieb anbieten und auch noch Einnahmen durch Vermietung oder Verpachtung haben, leiden gerade mehr als diejenigen, die nur öffentliche Sporthallen nutzen und ihre Einnahmen über Langzeit-Mitglieder bekommen. Vereine, die sehr auf Veranstaltungen setzen, müssen natürlich auch herbe Verluste verkraften. Die Ausrichtung eines Turniers ist ja oft der größte Posten im Etat. Sie bleiben auch auf teilweise hohen Kosten sitzen. Viele Fördermöglichkeiten auf Bundes- und Landesebene können einem Großteil der Vereine wichtige Hilfe leisten, zum Beispiel das Kurzarbeitergeld oder auch die Soforthilfepakete für Vereine und Selbständige auf Landesebene. Aber da die Vereinslandschaft so vielfältig ist und auch der Stillstand des Betriebs so einschneidend, hoffen wir auf weitere Unterstützung, zum Beispiel durch einen solidarischen Förderfonds für Sportvereine und Sportverbände.

Kleine und große Wirtschaftsunternehmen stehen schon Schlange um finanzielle Unterstützung. Was sind Ihre Argumente für zusätzliche Hilfen für den Sport über die bestehenden Maßnahmen hinaus?
Teuffel:
Die Folgen für die Gesundheit und den Zusammenhalt der Gesellschaft wären fatal, wenn jetzt reihenweise Sportvereine verschwinden würden. Unter den Einschränkungen leiden viele. Aber eben besonders Kinder, gerade aus sozial schwächeren Familien, in beengten Wohnverhältnissen, mit überforderten Eltern. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, welchen sozialen Beitrag wir mit unseren Sportvereinen leisten können. Indem wir Kindern eben die Möglichkeit bieten, ihre eigene Bewegungspersönlichkeit zu entwickeln und einfach einen bunteren Alltag zu haben.

Wie stehen Ihre Chancen auf die Einrichtung des Solidarfonds?
Teuffel:
Wir befinden uns gerade in sehr konstruktiven Gesprächen mit den Senatsverwaltungen in Berlin und mehreren Abgeordneten. In diesen Gesprächen merken wir eine große Wertschätzung für die Arbeit der Sportvereine. Das tut wirklich gut. Und hilft auf jeden Fall dabei, diese Krise durchzustehen.

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