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WM-Schiedsrichter: Auch eine große Familie

19.05.2006

Bremen. "So ist es mit meiner Familie abgestimmt: Zehn Urlaubstage sind fürs Hobby, die restlichen 20 für die Familie?, sagt Helmut Feldmann. ?Das eine möchte ich, das andere muss ich.? Er lacht, als er das sagt, und das tut er gern. Nur sieht man sein Lachen am Tisch nicht so oft, denn da ist er neutral und muss auch so aussehen. Helmut Feldmann ist einer von knapp 90 Schiedsrichtern, die bei der Senioren-WM in Bremen im Einsatz sind. Auch bei den LIEBHERR Mannschafts-Weltmeisterschaften 2006 vor rund drei Wochen hat er seine Tage und Abende schon im AWD-Dome verbracht ? von morgens acht bis abends um 23 Uhr, ein zeitaufwändiges Hobby. Seine Familie, Ehefrau Dieta und die drei inzwischen erwachsenen Töchter, haben Verständnis dafür. ?Andere heiraten Fußballer und müssen damit leben, meine Frau hat einen Tischtennisspieler und Schiedsrichter geheiratet?, erzählt er. ?Sie wusste, worauf sie sich einlässt.?

Im Alter von 18 Jahren hat der 63-jährige Nordener die Prüfung zum Verbandsschiedsrichter abgelegt, seit 1976 ist er Bundesschiedsrichter, seit 1982 internationaler Schiedsrichter. Seine aktive Tischtennis-Karriere musste der ehemalige Leiter der Wertpapierabteilung einer norddeutschen Regionalbank früh beenden: Ein Bandscheibenvorfall stoppte ihn, als er gerade 21 war. Von da an konzentrierte er sich auf den zweiten Bereich seines Hobbys. Dadurch hat er schon viel gesehen und erlebt, war unter anderem 2004 bei der Mannschafts-WM in Katar sowie bei Pro-Tour-Turnieren in China und Japan.

In China tobt die Halle

?Katar war schon exotisch?, findet Feldmann, ?aber China war noch beeindruckender?. Er schwärmt von der Begeisterung, der Gänsehaut-Atmosphäre durch die vielen, vielen Fans und den hohen Stellenwert des schnellsten Rückschlagspiels der Welt. ?In China sind die Tischtennisspieler Volkshelden. Da tobt die Halle.? Er hat es miterlebt, durfte in Wuxi das chinesische Herren-Einzel-Finale zwischen Ma Lin und Wang Hao schiedsen. Auch nach 45 Jahren als Schiedsrichter haben Spiele mit diesem Stellenwert noch das gewisse Etwas. ?Ich kann nicht sagen, dass mich das kalt lässt?, gibt er zu. ?Alles, was bis zum Spielbeginn zu erledigen ist, ist schon aufregend.? Wenn man die Partie wegen der Live-Übertragung im Fernsehen auf die Sekunde beginnen muss zum Beispiel ? wie bei der Mannschafts-WM. ?Erst wenn die ersten zwei, drei Ballwechsel gespielt sind, werde ich ruhiger.?

Vergleichen könne er Mannschafts- und Senioren-WM miteinander aber nicht. ?Bei diesem Turnier jetzt braucht man Fingerspitzengefühl?, erklärt er. ?Wenn ein 70-Jähriger mit einem deutlich angeknabberten Schläger vor mir steht, muss ich mit der Angelegenheit anders umgehen als bei einem Hochleistungssportler, bei dem ich gutes Material und die richtige Kleidung voraussetzen muss.? Bei den Senioren laufe alles ruhig und eher auf freundschaftlicher Basis. ?Es ist eine große Familie, fast alle kennen sich.? Auch die Schiedsrichter-Familie ist groß. Seine rund 90 Kolleginnen und Kollegen, mit denen er die zwölf- bis 15-stündigen Turniertage im AWD-Dome verbringt, kommen aus 15 Nationen. Mit drei bis vier ausländischen Schiedsrichtern korrespondiert er regelmäßig: Zu Weihnachten gibt es Grußkarten aus Japan. 

Simone Hinz
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