Zhang Jike: Weltmeister gibt letztes Hemd für den Titel

SH 15.05.2011

Emotion pur - Weltmeister Zhang Jike unterzieht das Nationaltrikot einem ReißtestRotterdam. "Je knapper es in einem Spiel ist und je mehr die Menge jubelt, desto mehr laufe ich heiß", verriet Zhang Jike. "Deshalb nennen mich die Trainer auch den Taihanger Kampfhund." Zhang Jike, 23 Jahre, kommt aus Shandong, einer Provinz an der chinesischen Ostküste, die ihren Namen dem Taihang-Gebirge verdankt, den man mit "östlich der Berge" übersetzen kann.

Sein Jubelschrei ging im Beifall der rund 7000 Zuschauer im Sportpalast Ahoy Rotterdam fast unter, was er dabei tat, blieb aber niemandem verborgen. Als Zhang Jike nach sechs vergebenen Matchbällen im WM-Finale gegen Wang Hao im sechsten Satz der Punkt zum erlösenden 14:12 gelang, ließ er sich rücklings zu Boden fallen, streckte alle Viere von sich. Wieder zurück auf den Beinen folgten zwei schnelle Risse und das rote Nationaltrikot Chinas hing nur noch in Fetzen an seinem muskulösen Oberkörper. Mit einem beidbeinigen Satz sprang er über die Umrandungen, rannte zur VIP-Tribüne des chinesischen Teams, aber dort vorbei an allen Teamkollegen und Betreuern. Er umarmte nur einen: seinen Trainer Xiao Zhang. Im stärksten Nationalteam der Welt ist jeder Spieler einem Coach persönlich zugeordnet. Die Identifikation zwischen Lehrer und Schüler ist auf beiden Seiten groß.

Jubel war improvisiert, nicht einstudiert

Nach seiner schier übernatürlichen Leistung im Halbfinale gegen Timo Boll gelang dem 23-jährigen Weltranglistendritten mit dem Sieg über den Titelverteidiger sein bisher größter Triumph, und er ließ seinen Gefühlen freien Lauf. Ähnlich der Partie gegen Timo Boll hatte er auch gegen Wang Hao im letzten Durchgang Angst vor der eigenen Courage bekommen. Ein 10:5-Vorsprung war ebenso schnell wie passiv und verkrampft verspielt. Auch bei 11:10 wollte der passende Ball nicht gelingen. Sogar einen Satzball Wangs musste Zhang abwehren. "Gegen Timo Boll war schon ein Neustart nötig, als ich dann plötzlich gegen Wang Hao fünf Championship-Bälle hatte, habe ich wieder viel zu änglich gespielt", erklärte Zhang Jike später.

Zhang Jike schickt sich an, nicht nur der Mann für knappe Situationen zu werden, sondern auch der für die besondere Jubelpose. Nach dem 4:2 im Viertelfinale hatte er sich schon einen Schuh vom Fuß gezogen und diesen direkt vor der Live-Fernsehkamera geküsst, im Endspiel dann war sein Trikot an der Reihe. Ob er den Jubel vorher geübt habe, wurde er von chinesischen Journalisten gefragt. "Nein, nein", stritt er ab, "alles war immer nur improvisiert. Sonst hätte ich bei diesem Turnier nicht so fokussiert und so gut gespielt". Zhang Jike gelang dabei das Kunststück, als WM-Debütant im Einzel (in 2007, 2009 und 2010 hatte er schon in anderen Wettbewerben gespielt) sofort den Titel zu gewinnen - wie zuletzt dem großen Kong Linghui 1995 in Tianjin.

Guo Yue/Li Xiaoxia verteidigen Doppel-Titel bei WM

Sein Kontrahent Wang Hao war das krasse Gegenteil des gut aufgelegten Zhang. Eher missmutig gratulierte er seinem Nationalteamkollegen und war auch in der Pressekonferenz einsilbig, hatte dazwischen aber schon einen chinesischen Interviewmarathon hinter sich. "Das Spiel ist vorbei, deshalb hake ich es so schnell wie möglich ab", brummte er. Eine Erklärung für seine Niederlage gab er aber noch auf Nachfrage nach dem Material ab: Bei der Schlägerkontrolle kurz vor Spielbeginn habe sich sein Belag an einer Ecke vom Holz abgelöst. "Nur gut, dass einer der Trainer in der Nähe war und den Belag wieder ankleben konnte", so Wang. "Für das nächste Mal bedeutet diese bittere Erfahrung für mich: Ich muss wirklich auf alles vorbereitet sein. Auch auf so ein unvorhersehbares Ereignis."

Im Damen-Doppel waren die Unterlegenen positiver gestimmt. Hier war das Ergebnis allerdings auch deutlicher und nahezu vorhersehbar - die Kontrahentinnen nämlich seit den China Open im Jahr 2008 international unbesiegt: In vier Sätzen hatten Einzel-Weltmeisterin Ding Ning und ihre Partnerin Guo Yan, die Nummer zwei der Weltrangliste, kaum eine Chance gegen die andere Links-Rechts-Kombination aus China, die Titelverteidigerinnen Guo Yue und Li Xiaoxia.

Zur Feier von fünf WM-Titeln in den Einzeln, Doppeln und im Gemischten Doppel sowie fünf Mal Silber und sechs Mal Bronze geht es für das erfolgreiche chinesische Aufgebot am Abend traditionell bei Weltmeisterschaften im Ausland zum Empfang in der chinesischen Botschaft - in den Niederlanden fahren sie für nach Den Hague.

Herren-Einzel, Halbfinale

Wang Hao - Ma Long 4:2 (7,-9,-7,10,7,9)

Timo Boll - Zhang Jike 1:4 (7,-5,-3,-3,-9)

Finale

Zhang Jike - Wang Hao 4:2 (10,7,-6,-9,5,12)

Damen-Doppel, Finale

Guo Yue/Li Xiaoxia CHN - Ding Ning/Guo Yan CHN 4:0 (8,5,11,8)

 

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