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Die Tischtennis-WM in der 20-Uhr-Tagesschau (Screenshot: ARD-Mediathek)
Sensations-Silber wirft Fragen für 2024 auf: Die Analyse des langjährigen dpa-Tischtennis-Fachmanns Peter Hübner

Zweitbesetzung oder Wachablösung?

Ein Gastbeitrag von Peter Hübner, langjähriger Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur 11.10.2022

Chengdu/Frankfurt. Eine Tischtennis-Meldung in der Tagesschau um 20 Uhr ist nicht jeden Tag zu hören. Am vorigen Sonntag war es mal wieder so weit. ARD-Sprecherin Julia-Niharika Sen verkündete zum Abschluss des Sportblocks - nach Formel 1 und der Fußball-Bundesliga - die 0:3-Niederlage der deutschen Tischtennis-Herren im WM-Finale gegen Gastgeber China, der damit seinen zehnten Titel in Folge holte. Eigentlich war sogar ein echter Beitrag mit Bildern aus dem Finale in der Sendung geplant. Weil die Polit-Elefantenrunde nach der Wahl in Niedersachsen jedoch Überlänge hatte, flogen die Tischtennis- und Formel-Stücke kurzfristig aus der Sendung.

"Die deutsche Mannschaft wertete den zweiten Platz als großen Erfolg, denn sie war nur mit der Zweitbesetzung angetreten", sagte die Nachrichtenfrau, ehe der "Tatort" aus Göttingen begann. Wenige Stunden zuvor hatten im Tischtennis-Tatort Chengdu das deutsche Trio Dang Qiu (Düsseldorf), Benedikt Duda (Bergneustadt) und Kay Stumper (Düsseldorf) zwar die siebte Niederlage im siebten WM-Finale der DTTB-Herren kassiert - sechs davon gegen Dauersieger China - doch das Sensations-Silber glänzte nicht nur für Bundestrainer Jörg Roßkopf so hell wie Gold.

Das Olympia-Trio gratulierte

"Der zweite Platz ist ein unglaublicher Erfolg, den uns fast niemand zugetraut hatte", kommentierte der Erfolgscoach die "Wahnsinnsleistung" seines Teams, zu dem auch Ricardo Walther (Grünwettersbach) und Fanbo Meng (Fulda) zählten. Die Stammbesetzung mit Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und Patrick Franziska, die vor einem Jahr die viel umjubelte Silber-Medaille bei Olympia in Tokio geholt hatte, fehlten diesmal aus unterschiedlichen Gründen. Deshalb war das neuformierte Team um den frisch gekürten Europameister Dang Qiu für viele Beobachter eher als Außenseiter und nicht als Medaillenanwärter noch China geflogen.

Ob die derart erfolgreiche "Zweitbesetzung" nun die erste Wahl beim DTTB wird und mit dem starken Auftritt in Chengdu eine Wachablösung im Herren-Bereich eingeleitet hat, bleibt eine spannende Frage. Sie wird wohl erst 2024 endgültig beantwortet. Die etablierten Spieler fühlten sich zumindest nicht als Verlierer nach dem Husarenstreich. Sie schickten "riesige Glückwünsche" nach China, freuten sich mit ihren Trainingskollegen und waren stolz auf sie.

Ovtcharov staatsmännisch

"Damit haben wir gezeigt, wie breit wir in Deutschland aufgestellt sind, wie viele starke Spieler wir haben, wie hart die Trainingsgruppe arbeitet - das flößt unseren Gegnern viel Respekt ein. Großes Kompliment an alle Spieler und alle Trainer", analysierte Dimitrij Ovtcharov fast schon staatsmännisch die aktuelle Situation. Wer das Tokio-Trio kennt, der kann sich gut vorstellen, dass der Ehrgeiz der Routiniers ungebrochen ist. "Ich bin mir absolut sicher, dass Timo, 'Dima' und Patrick bei den kommenden WTT-Turnieren in China zeigen werden, was sie draufhaben", erklärte DTTB-Chefin Claudia Herwig.

Die Antwort auf die nach Olympia 2021 gestellte Frage "Alles doll - doch was kommt nach Boll?" fällt nach dem famosen Auftritt der fünf Team-WM-Debütanten sicherlich etwas positiver als vor dem Turnier. Die Vielzahl starker Spieler auf internationalem Niveau - zu denen auch Abwehrspezialist Ruwen Filus (Fulda) als Mitglied im Silber-Team 2018 in Halmstadt zählt - ist fast schon einzigartig und unterstreicht eine konsequente Trainingsarbeit. Die ist auch notwendig angesichts verstärkter Anstrengungen in europäischen Ländern wie Schweden und Frankreich.

Ausfall ihrer beiden Superstars hätten die Chinesen vermutlich nicht so gut verkraftet

Selbst bei den scheinbar übermächtigen Chinesen rücken nicht jedes Jahr neue Top-Leute nach. Weltmeister Fan Zhendong und der 34 Jahre alte Olympiasieger Ma Long, der bereits 2010 in Moskau beim 3:1 im Team-WM-Finale gegen Boll spielte und damals das Einzel verlor, sind seit vielen Jahre die Garanten des Erfolges. Nach dem 3:2-Zittersieg im Halbfinale gegen Japan rückte Ma Long im Endspiel gegen die kampfstarken deutschen Himmelsstürmer von Position drei auf zwei vor, um den 22. Titel in der WM-Historie abzusichern.

Den Ausfall ihrer beiden Superstars hätten die Chinesen vermutlich nicht so gut verkraftet wie die DTTB-Herren. Die holten im Vorjahr nach Silber bei Olympia zudem Gold bei der Europameisterschaft - ohne die Hilfe von Boll und Ovtcharov. Und bei der Einzel-EM im August in München stahl der 25 Jahre alte Dang Qiu als neuer Champion den deutschen Altmeistern die Show.

"Wir sind in der Spitze, wie man so schön sagt, etwas breiter aufgestellt als man das vorher gedacht hat", lautete die Bilanz des DTTB-Sportdirektors Richard Prause. Er nahm auch die DTTB-Damen mit ins Boot, deren dritter Rang in Chengdu es nicht ganz in die ARD-Tagesschau schaffte: "Silber für die Herren, Bronze für die Damen. Das ist eine herausragende Leistung. Ich bin stolz auf beide Mannschaften."

ARD-Mediathek

Das WM-Finale in den "Tagesthemen" am Sonntagabend (ab Minute 19'25)
Nachbericht im Morgenmagazin am Montag

Das Aufgebot des DTTB in Chengdu (China)

Damen
Ying Han (KTS Enea Siarka Tarnobrzeg POL / Top Nagoya JPN), Nina Mittelham (ttc berlin eastside / Kyushu Asteeda JPN), Xiaona Shan (ttc berlin eastside / Kyoto Kaguya JPN), Sabine Winter (TSV Schwabhausen), Annett Kaufmann (SV Böblingen)

Herren
Dang Qiu (Verein: Borussia Düsseldorf), Benedikt Duda (TTC Schwalbe Bergneustadt), Ricardo Walther (ASV Grünwettersbach), Kay Stumper (Borussia Düsseldorf), Fanbo Meng (TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell)

Trainer-Team
Richard Prause (Sportdirektor), Tamara Boros (Damen-Bundestrainerin), Xiaoyong Zhu (Bundesstützpunkttrainer), Jörg Roßkopf (Herren-Bundestrainer), Lars Hielscher (Cheftrainer Düsseldorf)

Physiotherapeutinnen
Birgit Schmidt und Annette Zischka (OSP Hessen in Frankfurt/Main)

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