"Den Spaß den sie hatten"

Eine kleine Weihnachtsgeschichte 2020

24.12.2020

Pünktlich zu Heilig Abend haben wir wieder unsere Tischtennis-Weihnachtsgeschichte für euch. Heute nimmt uns Andrè König mit in die Zukunft. Wir wünschen ein besinnliches und frohes Fest.

Von André König

Melanie schaute aus dem Fenster, aber nahm die Welt dahinter gar nicht wahr. Sie träumte. Der Frost hatte kleine Eiskristalle am unteren Rand des in die Jahre gekommenen Fensters gezeichnet. Melanie bemerkte sie nicht. Sie stellte sich vor, wie es damals wohl gewesen war. Vor der großen Pandemie auf der Erde im Jahr 2020. Das ist jetzt fast 400 Jahre her. Was hatte ihr Trainer da gerade erzählt? Man traf sich in Turnhallen? Wie haben die wohl ausgesehen?

„Melanie!“, holte sie eine blecherne Stimme zurück in die harte Realität. „Hörst du noch zu?“, fragte ihr Trainer, ein Roboter der neuesten Generation. Er war nicht nur umfassend in allen Tischtennistechniken geschult, sondern konnte auch Emotionen wahrnehmen. Lediglich das sprechen wirkte noch sehr unmenschlich. Ihr Vater hatte viel Geld für den Hometrainer bezahlt, aber weil Melanie großes Talent hatte, schmerzte die Investition nicht, hatte er gesagt.  „Mir scheint, als würdest du mir nicht mehr richtig zuhören.“, beklagte sich der Roboter mit dem Namen Rossiboter89-T.

 „Entschuldigung“, sagte Melanie, „ich habe mir versucht vorzustellen, wovon du gerade erzählt hast. Ich verstehe das nicht ganz. Nikolausturniere in Turnhallen? Meinst du etwa, die Sportler sind in großen Hallen zusammengekommen, um Retro-Tischtennis zu spielen?“

„Genau so war es.“
„Kannst du mir bitte mehr darüber erzählen?“, bettelte Melanie, „meine Rückhand sitzt doch schon ganz gut. Mich interessiert es sehr, wie die Menschen damals Tischtennis spielten. Außerdem ist es doch das letzte Training vor Weihnachten.“ Ausnahmen waren im Protokoll des Roboters nach dem letzten Update zum Glück vorgesehen und so berichtete er:

„Also du musst wissen“, begann er, „damals spielte man Tischtennis nicht online. Man hatte weder einen Bewegungsanzug, der deine Bewegungen eins zu eins auf den virtuellen Tisch überträgt, noch hatte man den großen Bildschirm, der die Flugkurve des Balls nachbildet und auf den du reagierst. Auch konnte man Tischtennis nicht von zu Hause aus spielen, sondern man ging in Turnhallen, wo man an einem richtigen Tisch mit richtigen Bällen und Schlägern dem Gegner von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand. Auch die Trainerinnen und Trainer waren menschlich. Wenn man das Training oder einen Wettkampf beendet hatte, saß man manchmal noch zusammen und aß und trank.“

„Du meinst die Menschen sind sich in echt begegnet?  Haben sich vielleicht sogar berührt und die Hände geschüttelt?“, fragte Melanie ungläubig. „Ja“, antwortete der Roboter, „es gab sogar Zuschauer in den Hallen und nicht wie bei uns nur vor den heimischen Videogeräten. Die Zuschauer haben geschrien geklatscht. „Einmal, bei einem Spiel von Isaac Asimov, da passierte es sogar, dass die Zuschauer vor Freude das Singen begannen.“

Melanie hörte nicht mehr zu. Sie träumte. Sie schaute aus dem Fenster und sah dahinter all die Dinge, von der ihr Hometrainer gerade berichtet hatte.  Das muss ja unglaublich aufregend gewesen sein. Die Menschen kamen zusammen und haben gemeinsam Tischtennis gespielt. Sich geärgert, gefreut und all diese Emotionen miteinander geteilt. Das muss eine herrliche Stimmung gewesen sein in den Sporthallen.

Melanie strich sich über die Haare und hörte dabei tosenden Beifall. Sie stellte sich vor, wie sie vor Zuschauern einen Topspin spielte, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Und wie sie mit Freunden zusammen trainierte, um anschließend gemeinsame Stunden zu verbringen. Bestimmt gab es auch Weihnachtsfeiern in den Vereinen. Davon hatte ihre Mutter mal erzählt. Mit Plätzchen und heißer Schokolade. Während der Roboter ohne Unterlass blecherne Laute von sich gab, stellte sich Melanie vor, wie es wohl gewesen war in einer Zeit, in der nicht alles online stattfand. Sie dachte an gemeinsame Trainingsabende und duftende Plätzchen. An Weihnachten und ob es in Zukunft eventuell wieder einmal so sein würde. Sie dachte an die Jungs und Mädchen im Tischtennistraining der damaligen Zeit und wie es ihnen gefallen haben musste. Sie dachte an den Spaß, den sie hatten und nahm sich fest vor im neuen Jahr alles zu tun, dass es bald wieder so sein würde!

Frohe Weihnachten!

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