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Ex-Zweitliga-Akteur Björn Schnake (Foto: Hannes Doesseler)
Erst seit anderthalb Jahren Para-Sportler: Björn Schnake startet mit 49 Jahren erstmals bei Paralympics

„Die Tischtennisplatte ist mein Happy Place“

Deutscher Behindertensportverband / SH 10.05.2021

Frankfurt/Tokio. Para-Tischtennisspieler Björn Schnake träumte als Kind von Olympia, nach dem eigentlichen Ende der Leistungssport-Karriere folgte eine ungeahnte Wendung: Schafft es der ehemalige Zweitliga-Spieler nun zu den Paralympics in Tokio? Die Chancen stehen nach erfolgreicher Qualifikation gut.

Tischtennis – das ist für Björn Schnake seit jeher nicht nur Lieblingssport, sondern die beste Möglichkeit, seinen Körper fit und beweglich zu halten. Dass er mit seiner Stoffwechselerkrankung in den Para-Sport wechseln oder gar für die Paralympics startberechtigt sein könnte, war ihm bis vor anderthalb Jahren nicht bekannt. Die Chance auf eine Teilnahme weckte den Ehrgeiz des 49-Jährigen, der in kürzester Zeit schaffte, wovon viele träumen: die Qualifikation für die Spiele in Tokio.
 
Die Rückkehr zum Leistungssport ist Björn Schnake nicht wirklich schwergefallen. Intensives Training, Turniere, der Wettkampfgedanke – all das kennt er von klein auf. Tischtennis spielte in seinem Leben immer schon eine wichtige Rolle. Der Hildesheimer schaffte es mit dem TTS Borsum seinerzeit sogar bis in die 2. Bundesliga, bevor er berufsbedingt eine längere Pause einlegen musste. Aber Olympia? Oder gar die Paralympics? Beides schien lange Zeit unerreichbar zu sein. „Olympische Spiele sind für jeden Athleten, der seinen Sport intensiver betreibt, ein Traum. Auch ich habe als Kind davon geträumt“, entgegnet Schnake, der nicht für möglich gehalten hätte, dass sein Leben im fortgeschrittenen Sportleralter von damals 47 Jahren nochmal eine derartige Wendung nehmen würde.
 
„Ich habe mich in meiner aktiven Zeit nie als behindert angesehen“
 
Von Geburt an lebt der heutige Bezirksoberligaspieler mit einer Stoffwechselerkrankung, konkret hat er eine Hypophosphatämie und eine Vitamin-D-resistente Rachitis. Diese wirkt sich auf die Gelenke aus. Schnake ist dadurch in seiner Beweglichkeit eingeschränkt und musste im Laufe seines Lebens bereits mehrere Operationen an Beinen und Hüfte über sich ergehen lassen. Als potenzieller Para-Sportler empfand er sich trotz seiner Krankheit allerdings nicht. „Ich habe mich in meiner aktiven Zeit nie als behindert angesehen. Mir fehlt kein Körperteil, dachte ich. Das war bis dahin meine Definition von Behinderung“, erläutert Schnake. „Dass es an meinem Körper kein Gelenk gibt, das richtig funktioniert, war für mich lediglich eine Einschränkung.“
 
Er selbst wäre wohl nie auf die Idee gekommen, einen Abstecher in den Behindertensport zu machen, wenn er nicht von Johannes Urban, dem niedersächsischen Landesfachwart im Bereich Para-Tischtennis, auf diese Chance angesprochen worden wäre. „Jojo hat mich motiviert, mir den Para-Sport mal anzuschauen“, erinnert sich Schnake. Also fuhr er 2019 zu den Landesmeisterschaften, an denen er teilnahm – die er im Nachgang allerdings eher als „Kaffeekränzchen“ denn als Anreiz für einen Einstieg in den Para-Sport empfand. Nach den anschließenden Deutschen Meisterschaften indes änderte er seine Meinung. „Das hat mir richtig gefallen“, gibt Schnake zu, der mit seinem Auftritt schnell auch die Trainer der Nationalmannschaft auf sich aufmerksam machte. „Hannes Doesseler kam hinterher auf mich zu und fragte, ob ich auch Interesse an internationalen Wettkämpfen hätte.“
 
Bei einem Turnier in den Niederlanden im November 2019 betrat der Hildesheimer dann erstmals die internationale Bühne – und sorgte als Debütant für mächtig Furore. Schnake siegte mit dem Team und bezwang dabei überraschend in seiner Wettkampfklasse sieben auf Anhieb den Weltranglistenvierten. „Da dachten sich anfangs bestimmt einige: Da kommt ein alter Sack. Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, aber dafür kann ich mit meiner Erfahrung punkten“, beschreibt Schnake, der nach diesem Turnier im internationalen Ranking direkt auf Platz elf geführt wurde. Und der spätestens jetzt wusste, dass er mit den Besten mitmischen kann. Für ihn stand damit das große Ziel Paralympics fest. „Ich mache keine halben Sachen“, betont der Hildesheimer, der von Kindesbeinen an im Leistungssport unterwegs war. „Im Herzen bin ich es immer geblieben. Einmal Sportler, immer Sportler.“
 
Im Eiltempo in die Weltspitze und zur Erfüllung seines Lebenstraums
 
Ein bisschen verrückt sei das alles schon. „Ich habe so viele Jahre Tischtennis gespielt – jedoch nicht mit der Perspektive zu den Paralympics zu fahren, sondern um gegen meine Krankheit anzuarbeiten, mich zu bewegen und etwas zu tun, was mir Spaß macht“, beschreibt Schnake. „Und dann bekommt man mit 47 Jahren plötzlich gesagt: Hey, spiel doch mal international! Mit 48 ist man dann plötzlich qualifiziert.“ Für diese Norm waren allerdings drei weitere internationale Turnierteilnahmen nötig. Im Eiltempo erreichte der Niedersachse mit einem Sieg und zwei zweiten Plätzen in Ägypten, Spanien und Polen im April 2020 in nur knapp fünf Monaten, wofür andere Jahre brauchen: Björn Schnake, der erst im November 2019 mit dem Para-Sport begann, sicherte sich seinen Startplatz in Japan und erfüllte sich einen „Lebenstraum“, wie er sagt.
 
Dass die Wettkämpfe coronabedingt um ein Jahr verschoben werden mussten, bremste ihn nicht in seiner Euphorie. „Das ist alles eine Sache der richtigen Einstellung“, betont Schnake. Er sieht vielmehr die Vorteile. Für einen Neueinsteiger wie ihn bedeute die Verlegung ein Jahr mehr Vorbereitungszeit, ein weiteres Jahr der Gewöhnung an die veränderten Bewegungsabläufe und die Umstellung der Technik und Taktik auf die neue Spielweise. „Während es im Regelsport darum geht, schneller und härter zu sein, geht es im Para-Sport darum, die Schwächen des Gegners intensiver auszunutzen, platzierter zu spielen, Geschwindigkeitswechsel zu vollziehen. Das ist eine völlig andere Art Tischtennis zu spielen“, erläutert Schnake. „Daran musste ich mich erst gewöhnen. Ich hatte anfangs ein Problem damit, das Handicap anderer auszunutzen, bis ich gemerkt habe: Die machen es umgekehrt genauso. Man muss die Hemmungen schnell ablegen, wenn man gewinnen will. Da hat mich Nationalmannschaftskollege Valentin Baus in einem unserer Duelle mal eines Besseren belehrt.“
 
Für sein großes Ziel bringt Schnake viele Opfer. Dem Sport ordnet er derzeit alles unter. Seine Familie – seine Frau und seine drei Kinder – unterstützen ihn dabei. Die beiden ältesten Söhne sind bereits ebenso vom Tischtennis infiziert wie der Papa. Doch es ist nicht immer einfach, alles unter einen Hut zu bringen. Mitunter ist das ein Kraftakt für den Familienvater, der überhaupt nicht verschweigen will, dass es auch mal stressig ist. An manchen Tagen sehr sogar. Die Corona-Pandemie wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. Homeschooling mit den Kindern, daneben die Arbeit und das tägliche Training: Der Tag könnte gut und gerne mehr als 24 Stunden haben. Entweder trainiert Schnake am etwa 40 Kilometer entfernten Olympia-Stützpunkt Hannover oder er fährt im Zwei-Wochen-Rhythmus zu Lehrgängen mit der Nationalmannschaft. „Das erfordert eine harte Koordinationsleistung. Dafür ist die Unterstützung der gesamten Familie wesentlich, aber die ist schon lange sportlich ausgerichtet“, sagt der Group Solution Manager, der von seinem Arbeitgeber Aareon eine Freistellung bei vollem Lohnausgleich für die Vorbereitung und die Paralympics erhielt.
 
„Man darf nicht darüber nachdenken, wie schön es wäre, wenn zehntausend Leute klatschen“
 
Ab 15. Juli kann sich Schnake somit hauptberuflich auf Tokio konzentrieren. Seine Familie hätte er gerne mitgenommen. Doch mit der Bekanntgabe, dass die Spiele ohne Fans und ausländische Gäste stattfinden, war klar: Schnake wird allein nach Japan reisen und vor größtenteils leeren Rängen spielen müssen. Das aber, so versichert er, störe und beeinflusse ihn nicht. „Es war bei mir immer schon so: Wenn ich in die Halle komme, kann ich alles um mich herum vergessen. Die Tischtennisplatte ist mein Happy Place“, sagt er stolz. „Man darf einfach nicht darüber nachdenken, wie schön es wäre, wenn zehntausend Leute für einen klatschen.“
 
Dass Schnake im internationalen Para-Tischtennis eher ein Neuling ist, sieht er ebenfalls mehr als Vorteil. Pandemiebedingt hat ihn bisher kaum jemand spielen sehen. Das macht ihn schwerer ausrechenbar. „Ich kann mir Dutzende Videos von meinen Konkurrenten anschauen, das können die anderen von mir nicht.“ Überhaupt ist die Gegneranalyse für ihn ein wesentlicher Bestandteil seiner Vorbereitung. Um auch während des Lockdowns trainieren zu können, hat sich der Para-Sportler des TSV Thiede in seinen Keller den Olympiaboden legen lassen und einen Roboter angeschafft, der die Spielpartner ersetzt. Inzwischen ist Björn Schnake näher an die Weltspitze herangerückt und bis auf Platz neun der Weltrangliste geklettert. Wenn möglich, soll es noch weiter nach oben gehen. Die Turniere in Slowenien und Spanien wurden allerdings verschoben. Bliebe im Moment ein Wettkampf in Tschechien, wo es noch wichtige Punkte fürs Klassement zu holen gibt. „In Tokio starten dann 16 Spieler, die nach Stärke gesetzt werden. Ich erwarte vier Gruppen, in denen alles passieren kann“, glaubt Schnake, der mit großen Ambitionen nach Japan reist: „Wenn ich nicht gewinnen wollen würde, bräuchte ich nicht hinzufahren. Wie realistisch das ist, vermag ich nicht zu sagen.“
 
Vieles werde von der mentalen Stärke abhängen. „Das Turnier wird im Kopf entschieden. In Tokio wird nicht derjenige mit der besten Technik gewinnen, sondern wer sich am besten mit den Bedingungen und der mentalen Herausforderung zurechtfindet. Denn Tischtennisspielen können alle, die dort hinfahren.“ Björn Schnake will das auch auf der großen Bühne beweisen.

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