Umrahmt von Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft: Eva Jeler mit Frau Ho und Herrn Meng (Foto: privat)

Eva Jeler als Botschafterin des Tischtennissports in Nordkorea

MS / EJ 11.09.2015

Pjöngjang/Dossenheim. Fachliche Kompetenz, außergewöhnliches Charisma, situatives Einfühlungsvermögen, Begeisterungsfähigkeit, Durchsetzungskraft - genannt seien damit nur einige der vielen Qualitäten, die Eva Jeler seit Jahrzehnten zu einer der anerkanntesten Trainerpersönlichkeiten des Tischtennissports machen. Seit 32 Jahren steht die Macherin beim Deutschen Tischtennis-Bund an vorderster Front in der Verantwortung, darunter von 1989 bis 1996 als Cheftrainerin des gesamten Sportbereichs. Ihr reichhaltiger Erfahrungsschatz macht die studierte Diplom-Biologin seit vielen Jahren auch zu einer gefragten Referentin, wie kürzlich in Nordkorea.

An einem Ort, der den meisten Menschen der Welt immer verschlossen bleiben wird, hat Eva Jeler vor 60 Coaches referiert. Die Cheftrainerin des Jugendbereichs und Schüler-Bundestrainerin gab ausgewählten Trainern bei einem Fortbildungskurs in der nordkoreansischen Hauptstadt Pjöngjang eine Woche lang Einblicke in die deutsche, europäische und in ihre eigene Tischtennis-Welt, welche Jeler mit ihrer bildhaften Sprache anschaulich wie kaum eine Zweite zu vermitteln weiß. Der "Olympic Solidarity Course of Coaches" ist ein gemeinsames Projekt des ITTF "Development Programmes" mit finanzieller Unterstützung von Olympic Solidarity, einer Institution des IOC mit Sitz in Lausanne, die sich die Förderung der internationalen Sportentwicklung sowie die Solidarität innerhalb der Olympischen Familie zur Verpflichtung gemacht hat.

Umständliche Kofferprozedur und fröhliche Zollbeamte

Olympic Solidarity Course of Coaches: Eva Jeler und 60 ausgewählte Trainer Nordkoreas (Foto: privat)Die Reise nach Nordkorea war auch für die viel- und weitgereiste Jeler etwas ganz besonderes, und schon die Ankunft am Flughafen hielt die erste Überraschung parat: "Der Flughafen ist sehr modern und kaum mehr als einen Monat alt, aber mangels vieler Reisenden auch unglaublich leer." Kaum angekommen machte sie notgedrungen bereits Bekanntschaften mit nordkoreanischer Bürokratie, "denn mein Koffer war leider nicht so schnell wie mein Flugzeug eingetroffen." Die daraus resultierende Verlustmeldung war "etwas umständlicher und anders als bei uns, aber durchaus effektiv." Ebenso erfreulich wie unerwartet waren ihre ersten Erfahrungen mit dem nordkoreanischen Zoll: "Die Beamten waren nicht nur extrem freundlich, haben viel gelacht und Späße gemacht, die Einreiseformalitäten waren auch sehr schnell erledigt."

Verwöhnprogramm mit Frau Ho und Herrn Meng

Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft waren in Pjöngjang von ihrer Ankunft an eine Woche lang ihr ständiger Begleiter. Für Jeler trugen sie die Namen Ho und Meng: "Frau Ho und Herr Meng, meine Organisationsleiterin und mein Dolmetscher, waren ständig an meiner Seite und haben mir mit allem Denkbaren geholfen: Sie haben übersetzt, organisiert, mir viele Seiten von Pjöngjang gezeigt, sie haben auf mich aufgepasst und mich so richtig verwöhnt. Sie haben mir auch viel über das derzeitige Leben und die Geschichte Nordkoreas erzählt. Wenngleich Jeler sehr wohl um die besonderen Umstände eines offiziellen Besuches im verschlossenen Nordkorea weiß, von der Gastfreundlichkeit der Menschen und der Höflichkeit zeigte sich die Bundestrainerin  beeindruckt, "denn das kam von innen heraus und ist keine Selbstverständlichkeit".

Einer der zahlreichen Eindrücke des offiziellen Pjöngjang (Foto: privat)Untergebracht war die Bundestrainerin in einem Gästehaus unweit des Rungrado May Day Stadion direkt am Wasser, am Dong Nan, der mitten durch Pjöngjang fließt. Die Liebhaberin der asiatischen Esskultur schwärmt noch jetzt von ihren täglichen kulinarischen Erlebnissen: "Es gab zumeist eine Mischung aus asiatischer und europäischer Küche, wundervoll zubereitet. Der Koch war ein wirklicher Zauberer."


Frau Ho und Herr Meng organisierten sprichwörtlich alles, mit einer einzigen Ausnahme, wie Jeler berichtet: "Meinen Wunsch nach einer neuen Matratze, denn konnten auch die beiden mir trotz aller Bemühungen nicht erfüllen. Also habe ich auf dem Boden geschlafen, und warum auch nicht: Fast alle Nordkoreaner schlafen auf dem Boden. Es hat mir gut getan."

Perfekte Übersetzungen überwinden Barrieren

Für die polyglotte Jeler, die sich fließend in mehreren Sprachen verständigen kann, aber des Koreanischen nicht mächtig ist, war die Unterstützung durch Herrn Meng bei ihren Referaten und Lehgangsmaßnahmen von enormer Wichtigkeit: "Er spricht fließend Deutsch und Englisch, so dass für die 60 Coaches alles perfekt ins Koreanische übersetzt werden konnte." Der Verlust von Sprachbarrieren öffnete auch die Tür zwischen Referentin und Zuhörern. Jeler: "Ich war sehr froh, dass auf diese Art und Weise auch die schüchternen Teilnehmer sich trauten, Fragen zu stellen. Das hat den Raum für Diskussionen über Tischtennis geöffnet. Ohne die sprachlichen Qualitäten von Herrn Meng wäre das undenkbar gewesen."


Erinnerungen, die haften bleiben: Die Jugend in Pjöngjang (Foto: privat)Jeler, die vor der Reise nach Nordkorea nicht wirklich wusste, was sie erwartete, zeigte sich beeindruckt vom fachlichen Niveau der Coaches: "Sie alle verfügen über großes Wissen, und es war für mich eine tolle Erfahrung, mit ihnen zu arbeiten. Interessiert waren sie an allem, an Spieltechniken und Trainingsinhalten, an mentalem und physischem Training, Spielmaterialien, Organisation, Arten des Coachings, Psychologie. Die Trainer wollten natürlich auch Matches der Topstars analysieren und haben alles Mögliche gefragt, so haben wir auf abwechslungsreiche Weise eine große Bandbreite an Themen angeschnitten."

Für die Lehrgangsteilnehmer waren die gegen Ende der Fortbildung beginnenden Pyongyang Open eine höchst willkommene Gelegenheit, Weltklasseathleten bei einem Event der World Tour live in Action zu sehen. "Wir bekamen die Chance, das Team Nordkoreas im Training zu beobachten und zu analysieren, das war natürlich ein Höhepunkt für alle Coaches", so Jeler, die selbst auch beeindruckt war: "Das Training der Nationalmannschaft, deren Spieler hervorragend ausgebildet sind, war von hoher Qualität und sehr intensiv, physisch anspruchsvoll. Das Training der Nationalmannschaft findet zudem auch räumlich unter exzellenten Bedingungen statt.”

Beeindruckendes Erlebnis

Diesen Lehrgang zu halten, Pjöngyang kennenzulernen und die Freundlichkeit der Menschen zu erfahren, war etwas ganz Besonderes für mich" zog Eva Jeler ihr persönliches Fazit. "Ich hoffe, ich werde noch einmal eine Gelegenheit zu haben, mehr von diesem Land zu sehen und die Menschen kennenzulernen."

 

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